Mit dem Moped durch Woppenhof

Benzin liegt in Woppenhof in der Luft. In dem 137-Seelen-Dorf, haben auch 62 Mopeds ein zu Hause gefunden. Daniel Retzer nimmt echt.Oberpfalz mit zu den schönsten Plätzen des Dorfes – auf seiner Kreidler Florett.

Daniel Retzer fährt aus seinem "Männerwohnzimmer" in den Innenhof.
von Wiebke Elges Kontakt Profil

Ein aufheulender Motor ist in einer Einfahrt in Woppenhof bei Wernberg-Köblitz (Landkreis Schwandorf) zu hören. Draußen ist jedoch nichts zu sehen – das Geräusch kommt aus dem dazugehörigen Haus. Eine Glastür mit Holzrahmen fliegt auf und ein Mann mit Brille, Helm und Bikerweste rast auf seinem Moped mit knatterndem Motor die Rampe vor der Haustür herunter. Er driftet leicht um die Kurve, bleibt stehen und schaltet den Motor aus. „Das Ding ist von 1964.“ Mit dem „Ding“ meint er sein grün-türkises, rund 78 Zentimeter hohes Moped auf dem er sitzt. „Das ist schon ein Vorteil, wenn man aus seinem Wohnzimmer direkt rausfahren kann. Das ist mein Männerwohnzimmer“, sagt Daniel Retzer, Vorstand der Kreidler- und Mopedfreunde Oberpfalz.

Bei knappen vier Grad ist Retzer im schwarzen T-Shirt unterwegs. Er steigt von der Maschine ab und läuft in Richtung Vorgarten. An einen Baum lehnt ein altes Moped. An einigen Stellen hat der Rost schon Löcher ins Metall gefressen. Lenker und Sattel fehlen. Auch an anderen Bäumen in dem Vorgarten lehnen alte verwitterte Mopeds. Mal in Grün, mal in Rot. Etwas weiter hinten steht ein rotes Autoscooter-Kart.

Beginn der Sammelleidenschaft

Der 40-Jährige hat bereits mit elf Jahren angefangen, Kreidler-Maschinen zu sammeln. Auf einem alten Bauernhof fand er vor 29 Jahren mit seinem Opa ein altes Moped. „Wir haben dann probiert, ob es noch anspringt und dann ist es tatsächlich noch angesprungen,“ sagt Retzer. Sein Opa habe ihm beigebracht, die alten Maschinen zu reparieren. „Er hat mir zum Beispiel gezeigt, wie man einen Reifen flickt, den Vergaser sauber macht oder Zündkerzen wechselt.“ Dadurch sei mit der Zeit seine Sammelleidenschaft entstanden. Mittlerweile hat Retzer insgesamt 62 Mopeds, eine Werkstatt und ein kleines Museum auf seinem Grundstück.

Direkt hinter dem Vorgarten ist eine Doppelgarage. Hier hat Retzer seine Werkstatt aufgebaut. Darin: Regale mit Werkzeug, Ersatzteilen, Rahmen. An der Wand hängt ein weißes Schild mit der orangenen Aufschrift „Mopedtreffen“. Auf einer Bierbank steht eine ebenfalls orangefarbene Maschine von Kreidler. Eine Bonanza. „Hier habe ich tatsächlich einen Patienten“, sagt Rretzer.

Schwierigkeiten bei der Reparatur

Auf Schwierigkeiten trifft er bei der Reparatur der alten Maschinen immer wieder mal. „Es gibt schon ein paar Kniffe, die man bei der Reparatur beherrschen und beachten sollte. Aber wenn man da nach einer Zeit erst mal drin ist, ist das auch kein Problem mehr.“ Schwierig sei es vor allem, das Moped richtig einzustellen, wenn es fertig repariert ist. „Dann muss man erst mal ein bisschen fahren und immer wieder etwas einstellen. Es passiert nur ganz selten, dass ein Moped fertig ist und man einfach fahren kann. Mal ist die Zündung verstellt oder der Motor passt dann doch irgendwo nicht ganz zusammen.“ Retzer betont allerdings, dass es wichtig sei nichts mit Gewalt zu reparieren. Das sei zum Beispiel bei Achsen besonders wichtig. „Freilich musst man auch ma' bissi hauen, aber insgesamt sollte nicht viel mit Gewalt gemacht werden.“ Dadurch habe auch er schon mal den ein oder anderen Rahmen ruiniert.

Wie viel Retzer für die Ersatzteile im Monat ausgibt, sei schwer zu sagen. Er erklärt, dass er viele Teile aus anderen Mopeds wiederverwende. Auf den Markt kommen nicht mehr viele Ersatzteile nach, sagt Retzer. Er erklärt, dass es seit den 80er-Jahren keine deutschen Firmen mehr gebe, die Mopeds herstellen. In den 90ern seien sie dann in Vergessenheit geraten. „Ab und zu wird heute mal was angeboten, aber die Preise sind einfach explodiert.“ Seine Mopeds selbst verkaufen will er allerdings nicht. „Ich geb nix her. Das ist mein Schatz.“

Retzer verlässt die Garage und geht fünf Meter weiter zu einem Holzschuppen. Er schiebt einen Riegel zur Seite und zieht das Tor auf. Die Innenseite des Tores hängt voll mit Schildern: "Fahrradfahrer frei", "Rettungsweg" oder „Betreten der Baustelle verboten“, steht auf den Schildern. In dem rund zehn Quadratmeter großen Schuppen reiht sich ein Moped ans andere. „Das ist mein Museum. Hier stehen insgesamt so die Sammelsurien aus den letzten Jahrzehnten,“ sagt Retzer. Sogar ein Motorrad hat einen Platz gefunden. Motorräder spielen für Retzer allerdings keine große Rolle. „Ich habe lange Zeit überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass ich das noch habe.“

24-Stunden-Mofarennen

Neben dem Motorrad steht ein Rennmofa. Mit den Kreidler- und Mopedfreunden Oberpfalz ist Retzer damit jedes Jahr im August auf das Mofarennen in Speinshart gegangen. 2010 fand es dort das letzte mal statt. Nach elf Jahren ist es dann in Burkhardsreuth wiederbelebt worden, sagt Retzer. „Man fährt wirklich 24 Stunden durch. Manchmal gibt es eine Zwangspause durch Reparatur und Wartung, aber ansonsten sind wir da durchgefahren."

Die Kreidler- und Mopedfreunde hat Retzer im Jahr 2006 mit seinen Freunden gegründet. „Wir saßen bei mir am Lagerfeuer und haben uns gefragt, warum es eigentlich keinen Mopedklub gibt und haben einen gegründet.“ Der Klub zählt insgesamt rund 20 Mitglieder. „Die Zeit schweißt echt zusammen. Da ist schon einiges an Tränen, Schweiß und Blut geflossen.“ Nachdem Retzer mit seinen Freunden den Klub in der Oberpfalz gegründet hatte, entstanden auch weitere in der Region. „Wir waren sozusagen der Startschuss“, erzählt er.

Die Kreidler Florett

Retzers Lieblings-Maschine steht allerdings nicht in dem Museum. Er schiebt das Tor wieder zu und geht in Richtung des Hauses, aus dem er zu Beginn herausgefahren ist. In dem Raum stehen drei grüne alte Sofas. Daneben: zwei Mopeds. Retzer geht zu einem Fenster. Dort steht ein drittes Moped wie in einem Schaufenster drapiert. Es ist grün, mit einer Lichterkette geschmückt und trägt die Aufschrift Florett. „Das Besondere daran ist, dass es eine Kreidler ist. Das ist einfach das Moped überhaupt.“ Ab und zu fährt er mit seiner Florett auch gerne durch Woppenhof. Heute nimmt er dafür allerdings eines der beiden anderen Mopeds. Er setzt sich den Helm auf und fährt los.

Es geht vorbei an braunen Felder und gelb-roten Bäumen. Blätter liegen auf der Straße. Weiter geht es einen Feldweg hinauf zu einer Bank. Er steigt von seinem Moped ab und setzt sich auf die Bank. „Das ist mein liebster Ort in Woppenhof. Hier fahre ich gerne hoch, um zu entspannen und abzuschalten.“ Retzer beschreibt Woppenhof als seine Traum- und Wahlheimat. Er habe immer die Nähe zu Leuchtenberg gesucht. „Für mich ist das der Mittelpunkt der Oberpfalz“, sagt Retzer. Für Woppenhof hat er sich dann entschieden, weil es „hier lauter coole Typen gibt“, sagt er. Ab und zu kommt es sogar vor, dass die Woppenhofer bei Retzer vorbeischauen und sich die Mopeds anschauen wollen. Die zeigt er ihnen dann auch gerne. Retzer findet, wenn man nach Woppenhof kommt, dann muss man bei ihm „schon fast nei schaue.“

Er steht von der Bank auf, geht zurück zu seinem Moped, schmeißt den Motor an und knattert den Feldweg entlang zurück zu seinem Mopedhof.

Das Ovigo-Theater in Oberviechtach

Oberviechtach

Mopedfreunde in Woppenhof

Woppenhof bei Wernberg-Köblitz
Hintergrund:

Das Unternehmen Kreidler

  • Kreidler’s Metall- und Drahtwerke G.m.b.H. war ein deutscher Hersteller von Mopeds, Mofas, Mokicks, Klein- und Leichtkrafträdern von 50 bis 80 cm³ Hubraum.
  • 1903 gründete Anton Kreidler das Unternehmen
  • Ursprünglich stellte Kreidler Metallprodukte her.
  • 1982 musste das Unternehmen wegen Insolvenz schließen.
  • In den 1990er-Jahren übernahm der Fahrradhersteller Prophete die alten Kreidler Werke.
  • 1996 wurde die Produktion von motorisierten Zweirädern wieder aufgenommen.
  • Der Anteil der Eigenentwicklung an diesen Fahrzeugen ist jedoch gering.
  • Sie beschränkt sich auf die Zusammenstellung bewährter Komponenten asiatischer Hersteller.
Echt.Oberpfalz:

Serie: Besondere Menschen und Orte in der Region

Was macht die Oberpfalz so einzigartig? - Dieser Frage gehen die Volontäre von Oberpfalz-Medien auf den Grund. Anlässlich des diesjährigen Dreifach-Jubiläums im Medienhaus wollen sie die Vielfalt der Region würdigen. Sie suchen für die Serie "echt. Oberpfalz" nach besonderen Menschen, kreativen Köpfen, bunten Hunden, außergewöhnlichen Vereinen oder verrückten Traditionen, die unsere Heimat so einzigartig machen. Die Volontäre fahren einmal quer durch die Oberpfalz und machen Halt an berühmten und auch vielleicht nicht so berühmten Orten. Und es sollen noch viele weitere Städte und Gemeinden folgen. Bei Ihnen gibt es auch etwas Besonderes und Einzigartiges in Ihrem Heimatort? Dann schreiben Sie uns an jubi[at]oberpfalzmedien[dot]de. Vielleicht schauen unsere Volontäre auch in Ihrer Heimat vorbei.

Daniel Retzer.
Moped-Museum von Daniel Retzer.
Eine Kreidler Florett im Moped-Museum.
Ein verrostetes Moped in dem Vorgarten von Daniel Retzer.
Daniel Retzer vor seinem Mopedmuseum.
Das Lieblings-Moped von Daniel Retzer. Eine Kreidler Florett.

 

 

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