20.09.2021 - 11:44 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Die Wurzeln des Ovigo-Theaters: Eine Zeitreise in Oberviechtach

Das Ovigo-Theater aus Oberviechtach lädt zu einer sagenhaften Wanderung hoch zur Burg Murach ein. Dabei übernehmen die Sagen der Oberpfalz eine besondere Rolle. Doch was bedeutet das Theater für Oberviechtach? Das Ensemble klärt auf.

Der Schauspieler Bernhard Neumann spielt seine Rolle bei der Zeitreise des OVIGO Theaters.
von Wiebke Elges Kontakt Profil

Von Wiebke Elges und Celina Rieß

Die Sonne scheint. Rundherum grüne Wiesen. Ein Blick nach oben: blauer Himmel mit weißen Wolken. Auf einem hohen Berg thront eine ritterlich wirkende Burg, die Besucher bereits von Weitem begrüßt. „Wir stehen vor einem tollen Panorama vor der Burg Murach, die auf einem Granitfelsen steht, der 170 Meter hoch ist und auf das Murachtal hinabblickt“, erklärt Florian Wein, Leiter des Ovigo-Theaters in Oberviechtach. Damals wurde die Burg im Jahr 1110 von den Grafen von Sulzbach erbaut, steht jetzt nur noch eine Ruine auf der Bergkuppe. Heute finden hier Zeitreisen des Ovigo-Theaters statt, sagt Wein.

Das Ovigo-Theater

Das Ovigo-Theater hat sich aus dem Schultheater des Ortenburg-Gymnasiums in Oberviechtach herausgebildet. „Die Ursprünge liegen bereits in den 70er-Jahren“, sagt Wein. 2012 entschieden sich ehemalige Schüler des Gymnasiums das Theater aus der Schule herauszulösen und etwas Eigenes zu machen. So entstand das Ovigo-Theater. Mit dem Namen gedenkt das Ensemble seiner Herkunft: OVI steht für Oberviechtach, OGO für Ortenburg-Gymnasium. „Seitdem sind keine Grenzen mehr gesetzt, wir spielen in der ganzen Oberpfalz“, freut sich Wein. Zu den weiteren Spielorten gehören beispielsweise Regensburg, Tanstein, Pfreimd oder Schwandorf.

In Oberviechtach speziell bietet das Ovigo-Theater Zeitreisen zur Burg Murach an. „Hier gibt es gleich drei Zeitreisen: eine klassische Zeitreise, die sich rund um Sagen der Oberpfalz dreht, ein Kids Special und ein Grusel Special in der Nacht.“ Bei den Zeitreisen zur Burg Murach ist Wein der Gästeführer, der die Theaterbesucher auf der Wanderung zu den verschiedenen Schauspielplätzen führt. „Ich führe die Besucher zu den Schratzeln, Heumännern und dem wilden Hans. Es ist ein sagenhafter Spaziergang zur Burg Murach.“

Das Ovigo-Theater in Oberviechtach

Eine sagenumwobene Wanderung

Einen schmalen Weg entlang geht es los in Richtung Burg. Auf der linken Seite eine grüne Wiese, auf der rechten Seite streifen Büsche und Bäume an der Haut entlang. An einer Lichtung neben einem Weizenfeld, läuft ein alter, gebückter Mann einen Weg entlang. Er trägt ein rötlich ausgeblichenes Hemd, darüber eine graue Weste. Seine Klamotten wirken abgewetzt. Auf seinem Weg greift er immer wieder zum Boden und hebt weiße, blutverschmierte Fetzen auf. Florian Wein möchte dem Mann helfen und hebt ebenfalls einen Fetzen auf. Plötzlich fängt der Mann an zu schreien. Ein Schreckimpuls fließt durch den gesamten Körper bis in die Fingerspitzen. Die Aufmerksamkeit ist vollkommen auf den brüllenden Mann gerichtet. „Ihr wagt es, die Fetzen an euch zu nehmen? Wie soll denn der Geist eines geschändeten Mannes jemals zur Ruh finden? IHR Unwissenden.“

Es geht um eine oberpfälzische Sage. Der Großvater des Mannes hat damals drei Äpfel vom Burgherren gestohlen. Er hat den Diebstahl allerdings nie zugegeben und so ist jemand anderes für die Tat des Großvaters bestraft worden, schimpft der Enkel. „Eine Schande für unsere Familie. Ich fühle mich dazu verpflichtet, die Fetzen einzusammeln, um Buße zu tun.“ Nach einer weiteren Oberpfälzer Sage macht sich der Mann wieder auf seinen Weg in Richtung Burg.

Heimat des Theaters

Der Schauspieler des Knechtes heißt Bernhard Neumann. Er war schon immer ein Theaterfan. Bereits seit 1993 steht Neumann auf der Bühne. Die Rolle des Mannes hat er schon 15 Mal gespielt. „Man wächst in die Rolle immer mehr hinein. Irgendwann hat man das Gefühl, zu der Figur zu werden, die man am Anfang nur geprobt hat.“

Seit drei Jahren steht Neumann auch auf der Bühne des Ovigo-Theaters. Daran schätzt er besonders die Nähe zum Publikum. „Das macht einfach tierisch Spaß.“ Auch für Oberviechtach sieht er eine Besonderheit in dem Theater: „Ich glaube viele fahren täglich an der Burg vorbei. Es ist dann natürlich toll über diese Burg auch etwas kennenzulernen.“ Dem stimmt auch Florian Wein zu. Er fügt hinzu, dass Oberviechtach immer noch die Heimat für das Ovigo-Theater ist. „Wir sind aus Oberviechtach herausgewachsen, aber immer noch hier verwurzelt. Das wollen wir auch noch weiter vertiefen.“ Es geht weiter zur Burg Murach. Wieder vorbei an Wiesen und Feldern.

Ankunft an der Burg

An der Burg angekommen, kommt eine singende Frau eine Treppe zum Hofeingang herunter. „Ich glaube wir bekommen Besuch“, sagt Wein. Die Frau begrüßt das Publikum überschwänglich. Sie hat langes blondes Haar und trägt ein blaues Kleid mit langen Ärmeln.

Ihr Name ist Eleonore Sachsenhofer zu Frauenstein und sie lädt die Zuschauer, oder auch Edelleute wie sie sagt, zu ihrer Hochzeit ein. Ihr Liebster will sie, nachdem die Jahre der Überfälle der Hussiten überstanden sind, endlich zur Frau nehmen. Nicht nur die Hochzeit solle dabei gefeiert werden, sondern auch der ruhmreiche Sieg über die Hussiten. Ihr Vater Hans Sachsenhofer zu Frauenstein hat im Kampf, zusammen mit anderen Pfälzern, Großes gegen die Hussiten geleistet – ihnen das Fürchten gelehrt, wie sie sagt.

Wein fragt, ob ihr etwas zugestoßen sei, weil sie so aufgekratzt wirke. „Hören Sie mal, entführt hat er mich, dieser Raubauz. Ja kennt ihr ihn denn nicht den wilden Hans?“ So beginnt sie die Sage vom wilden Hans zu erzählen, der sie zur Hochzeit zwingen wollte. Doch ihr Verlobter Wolf Blankenburg, besiegte den wilden Hans und rettete sie. „Ihr lernt Wolfi ja dann alle bei der Hochzeit kennen, kommt doch einfach am nächsten Sonnabend zur Burg Altenschneeburg. Habt euch wohl“, sagt sie und hüpft singend davon.

Hinter Eleonore Sachsenhofer zu Frauenstein steckt Christina Götz. Sie ist seit 2017 beim Ovigo-Theater dabei. „Ich mache das leidenschaftlich gerne als Hobby“, sagt sie. Auch sie sieht eine Besonderheit der Burg Murach für Oberviechtach. Normalerweise seien Burgruinen außerhalb der Ortschaften und total verfallen. „Die Burg Murach wird ins Dorfleben integriert. Das trifft man selten an“.

Pläne für die Burg Murach

Zusammen mit Florian Wein geht es weiter zur Hinterseite der Burg. Er stoppt an einem Platz, der von den Burgmauern umrahmt ist. An dieser Stelle sind die Mauern schlecht erhalten. Hinter Wein ragt der Burgturm in den Himmel. Darauf weht die Ovigo-Flagge im Wind. Wein erzählt vom das Leben in der Burg. Es sei gar nicht so prunkvoll und märchenhaft gewesen, wie die meisten denken. Beispielsweise dienten als Fenster Schlitze. Diese versuchten die Burgbewohner mit Wolle, Lumpen und Stroh vor Wind zu schützen. Auch Tierhäute spannten die Leute damals vor die Fenster. Das alles habe stark gestunken, sagt Wein. Mit Pechfackeln versuchten die Menschen es heller und wärmer in der Burg zu machen. „Das Leben auf der Burg war ziemlich hart“, ergänzt er. Anfang des 19.Jahrhunderts kaufte ein Privatmann die Burg. Dieser nutzte die Burg als Steinbruch. Den kulturellen Wert habe er zu dieser Zeit nicht erkannt. „Deshalb sind die Mauern auch immer niedriger geworden.“ Der Freistaat Bayern kaufte die Burg zurück und sanierte, was übrig geblieben war. Die Anlage sei mittlerweile wieder ein wirklich schönes Schmuckstück geworden, meint Wein.

Die alte Burg sei eine schöne Kulisse für das Theater. Deshalb wollen sie die Zeitreisen auch weiterhin auf der Burg Murach durchführen. Auch auf ein paar neue Schauspiele, können sich die Zuschauer freuen. „Also wir haben einige Pläne, wir müssen nur schauen, wann wir sie realisieren können. Aber einiges ist schon in der Schublade.“

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Hintergrund:

Die besondere Geschichte des Ovigos

  • 1979 wird das "Ortenburg-Ensemble" von Kunstlehrer Wolfgang Pöhlmann am Ortenburg-Gymnasium in Oberviechtach gegründet.
  • Erfolge bei den Schauspieltagen in Berchtesgaden bilden den Grundstein für aufsehenerregende Aufführungen über die Region hinaus.
  • Ehemalige Schüler bleiben nach ihrer Schulzeit im Ensemble und spielen mit Jüngeren zusammen.
  • 2012 löst sich das Ensemble von der Schule, da kein Mitglied Schüler am Gymnasium ist. Erstmals werden auch Darsteller von außerhalb aufgenommen. Es entsteht die Abkürzung "OVI" (Oberviechtach) "OGO" (Ortenburg), kurz Ovigo.
  • 2014 übergibt Pöhlmann die Leitung des Theaters an Florian Wein und Julia Ruhland.
  • 2016 gründet sich das Ovigo als eingetragener Verein nochmals neu.
  • 2020 feiert das Ovigo, früher Ortenburg-Ensemble, seinen 40. Geburtstag.
Echt.Oberpfalz:

Serie: Besondere Menschen und Orte in der Region

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