23.12.2020 - 14:22 Uhr
Woppenrieth bei WaldthurnOberpfalz

Woppenriether Wurmbekämpfer

Ein Ritual mit bandwurmlanger Tradition: Jahr für Jahr treffen sich Heiligabend sieben Männer im Esszimmer eines Woppenriether Landarztes. Beim Wurmbekämpfungsritual sitzen sie seit 34 Jahren zusammen. Nun wurde es erstmalig absagt.

Ein Bild aus vergangenen Zeiten, genauer aus dem Jahr 2008 zeigt die "Wurmbekämpfer" (von links): Nikolaus Globisch, Reinhold Scheck, Rudi Prößl, Stephan Griesbach, Franz Völkl, Josef Beimler und Helmut Gollwitzer. Heuer wird es wegen der Coronapandemie erstmals seit 1986 keine Wurmbekämpfung geben.
von Franz VölklProfil

Bei den Traditionalisten handelt sich um die Mitglieder der 1. Oberpfälzer Wurmbekämpfungsgesellschaft (1.Opf.W.bek.-Ges.), die in der Region einzigartig ist. Seit 1986 vollzieht sich alljährlich – pünktlich am 24. Dezember um 14 Uhr beginnend – in den Räumen von Nikolaus Fedor Globisch ein friedvolles Ritual. Seit dieser Zeit treffen sich alljährlich friedvolle Menschen, um das Böse des vergangenen Jahres abzulegen. Bei diesem Kult – jeder sitzt immer am gleichen Platz am Tisch – wird „das Schlechte im Menschen, der böse Wurm, zurückgedrängt und das Gute gefördert“. Die Tradition stammt aus der oberschlesischen Heimat von Globischs Vater und nach dem Bekunden des Woppenriether Landarztes habe man dort dieses friedvolle Ritual sehr intensiv mit Freunden geteilt.

Gegen Wurm des vergangenen Jahres

Dabei treffen tiefgreifende Gespräche über kulturelle, gesellschaftliche und politische Gegebenheiten auf Käse- und Wurstschnitten, Geräuchertes und süße Leckereien. Selbstverständlich wird vom Hausherren auch ein „Wurmbekämpfungswasser“ gereicht, um diesen unfriedlichen Gesellen, den Wurm des vergangenen Jahres in die Schranken zu weisen. „Wurmbekämpfung zur Hebung respektive Förderung der Friedfertigkeit der Mitglieder der Wurmbekämpfungsgesellschaft und zur Öffnung ihrer Herzen für die Freuden des Christtages und des sich anschließenden Weihnachtsfestes“, heißt es klar und deutlich in der von den Mitgliedern unterzeichneten Resolution.

Frauen sind zwar bei diesen Zusammenkünften nicht anwesend, Hausherrin Elfi Globisch serviert aber alljährlich die kulinarischen Köstlichkeiten.

Bräuche aufrecht erhalten

BesserWissen

Globisch und seine Mitkämpfer Helmut Gollwitzer, Josef Beimler, Franz Völkl, Stephan Griesbach, Rudi Prößl und Reinhold Scheck sind gestandene Oberpfälzer. Diese glorreichen Sieben stellen den Kern der nicht unbedingt ernstgemeinten Wurmbekämpfungsgesellschaft dar, der Schwiegersohn des Hausherrn Lars hat sich seit einigen Jahren zum ständigen Mitglied der Gesellschaft emporgearbeitet. Beim Wurmbekämpfungsritual sind auch immer wieder Beobachter, sogenannte Observer eingeladen und anwesend. Oft sitzen diese in zweiter Reihe, dürfen den Ausführungen gerne zuhören, sollten sich aber bei den Aussprachen hinsichtlich der Aufarbeitung des vergangenen Jahres diskret verhalten.

Dieses Beobachterpublikum ist sehr international, der türkische Tenor Ibrahim Yesilay, dessen Frau Yura Yang aus Südkorea und sogar ein Computerspezialist aus Tansania waren schon anwesend. "Wir gehören nicht zu den Millionen Pessimisten, wir stellen die Gruppe der sieben Optimisten“, so der Vorsitzende Globisch. An diesem Tag stehe die Pflege der Freundschaft, Fortsetzung der jährlichen Einstimmung auf das Weihnachtsfest und das optimistische „Rein ins neue Jahr“ im Fokus.

Entscheidend sei aber, das Jahr Revue passieren zu lassen, sich an die Freuden zu erinnern, das nicht so gut Gewesene (böser Wurm) zu bekämpfen. Selbstverständlich werden hier keine Plattitüden und alte Kamellen gelutscht, die „Intelligenz des Wortes“ stehe an vorderster Stelle.

"Komischer Wurm 2020"

Was wird die Wurmbekämpfung an Weihnachten 2021 für eine Heidenarbeit sein, da man dann den bösen Wurm von zwei ganzen Jahren vertreiben muss, denn wegen der Coronapandemie 2020 ist auch dieser wichtige gesellschaftliche Treff, der nun der 35. gewesen wäre, zum Opfer fallen.

"Vertreiben wir den komischen Wurm des vergangenen Jahres 2020 und hoffen trotz entfallener Wurmbekämpfung um ein friedvolles 2021“, meinte der Vorsitzende abschließend mit einem optimistischen Lächeln im Gesicht.

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