29.04.2020 - 11:44 Uhr
Ziegelhütten bei EtzelwangOberpfalz

Der Absturz bei Ziegelhütten

Anfang Januar 1944 - das Kriegsglück hatte sich nach mehr als fünf Jahren längst gewendet und das apokalyptische Ende stand Deutschland noch bevor. Für die dreiköpfige Besatzung einer Militärmaschine kam es eher.

Bei der Unglücksmaschine von Ziegelhütten handelt es sich um ein drei-motoriges Flugzeug vom Typ Savoia-Marchetti SM 81 aus italienischer Produktion. Unsere Fotomontage zeigt die deutsche Version mit dem schwarzen Balkenkreuz als Hoheitszeichen am Rumpf. Dieses Fluggerät blieb auch nach dem Austritt Italiens 1943 aus dem Bündnis mit Hitler-Deutschland als Transport- und Kuriermaschine bei der Luftwaffe im Einsatz. Es wird als veraltet und technisch anfällig beschrieben.
von Autor WSLProfil

Wesentlich eingeschränkt übte die Luftwaffe in den ersten Monaten 1944 noch weitgehend die Hoheit über den einheimischen Luftraum aus. Bedingt durch die Nähe zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr und zum Großraum Nürnberg/Fürth waren am Neukirchener Himmel immer wieder Maschinen zu beobachten, wie noch lebende Zeitgenossen berichten. Doch kurz nach dem Jahreswechsel 1943/44 schreckten ungewöhnliche Geräusche die Bevölkerung auf, wie der damals junge Georg Pilhofer aus Ziegelhütten in seinen Erinnerungen schreibt.

Wörtlich merkt er an: "Der 4. Januar 1944 war ein frostiger Wintertag. Dorf und Flur lagen unter einer dicken Schneedecke und Schneeschauer zogen über das Land. Es war Mittagszeit (Anmerkung: laut Polizeibericht exakt 13.15 Uhr). Wir, unsere Familie, hielten uns im Haus auf, nur Vater befand sich auf dem Stadelboden, wo er zu tun hatte." Da hörte man von Neukirchen her ein Flugzeug nahen, dessen Motorenlärm zu einem mächtigen Dröhnen anschwoll. Am Klang und dem Flugverhalten war klar, dass es sich nicht um einen der gewohnten Tiefflieger handelt.

Heftiger Knall

Durch das Fenster sah Pilhofer für einen Augenblick im Schneegestöber ein Flugzeug in extrem niedriger Höhe über der "Dammawiesen" kommen, das offensichtlich notlanden wollte. Pilhofer weiter: "Noch ehe wir neugierig aus dem Haus gestürzt waren, erstarb der Motorenlärm. Dann erfolgte ein dumpfer, heftiger Knall, der Fenster und Türen zum Klirren brachte." Sein Vater schrie vom Stadel herunter: "Der is in unseren Berch gstürzt." Er hatte durch eine Luke gesehen, wie der Flieger direkt auf den hinteren Berg zuflog und trotz eines scharfen Schwenks nach links im nächsten Moment unmittelbar danach in die Baumwipfel krachte."

Spontan eilten Waldbesitzer Hans Pilhofer und Bewohner von Ziegelhütten zur Unglücksstelle. Obwohl ihm Vater es verbot, lief auch Sohn Georg dorthin. Es bot sich ein grauenvoller Anblick: zwischen rauchenden Trümmern und zersplitterten Bäumen Leichenteile von entstellten menschlichen Körpern - und dazwischen verstreut - unwirklich und grotesk - Kinderspielzeug. Mitten in den Trümmern irrte ein verstörter Dackel umher, der offensichtlich zur Besatzung gehörte und das Unglück wie durch ein Wunder eicht verletzt überlebt hatte. Tierische Begleiter spielten auch bei der Luftwaffe anderer Nationen eine Rolle, so bei der englischen Royal Air Force, die sich gerne Hunde als Maskottchen hielt. Das Balkenkreuz am deformierten Rumpf wies die Maschine eindeutig als deutsches Militärflugzeug aus. Georg Pilhofer vermutet einen technischen Defekt als Ursache, der die Transportmaschine zum Niedrigflugmanöver zwang.

Laut Bericht der Polizeidienststelle Neukirchen vom 23. Januar 1944 an den Landrat von Sulzbach-Rosenberg fanden bei dem Unglück drei Luftwaffensoldaten den Tod. Die Bergung und Identifizierung der sterblichen Überreste gestaltete sich sehr schwierig. Wegen der hohen Schneedecke und des unwegsamen Geländes wurden die Särge mit Bauernziehschlitten zu einem Wehrmachts-Lkw gebracht.

Am Ende der Untersuchungen erhielt der Kannesbauer von Albersdorf (Wild) den Auftrag, den Rumpf und die großen Wrackteile per Pferdegespann aus dem Wald zu ziehen, um sie am Neukirchener Bahnhof zu deponieren. Allerdings wurden sie nicht per Eisenbahn abtransportiert. Vielmehr verlud man die Flugzeugreste auf einen Lastwagen mit Anhänger. Dieser nahm seinen Weg durch Neukirchen und weiter Richtung Holnstein. Dabei ereignete sich an der heute noch vorhandenen Engstelle der Holnsteiner Straße auf Höhe des Anwesens von Kaufmann Felix Fuchs (heute Stiegler) ein Unfall, wobei dessen Garage beschädigt wurde. Das übergroße Gespann stieß an die Garage und verursachte einen Schaden von circa 150 Reichsmark, wie der Polizeibericht von 1944 lapidar vermerkte.

Eine Reichsmark pro Baum

Über das Ziel des Transports kann nur spekuliert werden. Wurde das Wrack möglicherweise zum Truppenübungsplatz Vilseck/Grafenwöhr geschafft? Alle am Unglücksort verbliebenen kleineren Teile barg der Neukirchener Alteisenhändler Fritz Hofbauer von der Etzelwanger Straße. Für die entstandenen Waldschäden erhielt Hans Pillhofer eine Entschädigung von insgesamt 25 Reichsmark, pro zersplitterten Baum eine Mark(!).

Bei den Nachforschungen über die Begleitumstände dieses tragischen Geschehens konnten neben technischen und militärischen Details auch die Personalien der Besatzungsmitglieder ermittelt werden. Der 30-jährige Bordfunker mit dem Dienstrang eines Feldwebels, er stammte aus Nürnberg, wurde am 11. Januar 1944 auf dem dortigen Westfriedhof, der Pilot, erst 24 Jahre und vom Dienstgrad Unteroffizier, in Heidelberg beigesetzt. Vom dritten Besatzungsmitglied, dem Bordmechaniker im Rang eines Gefreiten, sind weder Herkunfts- noch Begräbnisort bekannt.

Nicht geklärt werden konnten der Flugauftrag, der Abflug-und Zielflughafen der Unglücksmaschine, einer drei-motorigen Transportmaschine italienischen Ursprungs. Sie gehörte zur 8. Staffel des ersten Transportgeschwaders (TG 1). Hatte sich die Maschine wegen der am Unfallort vorgefundenen Spielsachen und Geschenke womöglich auf dem Rückflug in den Heimatflughafen befunden? Alles Fragen, die sich nie mehr klären lassen.

Einen berührenden persönlichen Fund machte Grundstückseigner Hans Pilhofer nach dem Unglück: ein leicht ramponiertes Foto, das einen jungen uniformierten Luftwaffenangehörigen mit einer jungen Frau mit Blumenstrauß zeigt. Die Vermutung liegt nahe, dass das traute Bild einem der Besatzungsmitglieder gehörte.

Wertvolle Hilfe bei den Recherchen zur Aufklärung dieser Flugzeugkatastrophe von Ziegelhütten wurden dem Verfasser von zwei mit der Geschichte der Militärluftfahrt versierten Hobbyforschern, Helmut Birner und Klaus Schriml, sowie vom jetzigen Grundstückseigentümer Georg Pilhofer zuteil.

Dieser Fund, höchstwahrscheinlich aus dem persönlichen Besitz eines der drei Besatzungsmitglieder spiegelt, die menschliche Tragödie von Ziegelhütten vom 4. Januar 1944 wider. Das am unteren Rand beschädigte Foto zeigt ein glüchliches Paar mit einem Blumenstrauß. Es hat die leidgeprüften Angehörige des Toten nie erreicht.
Im Waldboden fand Georg Pilhofer dieses Teil, möglicherweise von einer geborstenen Rohrleitung oder vom Fahrwerk der Unglücksmaschine stammend.
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