02.07.2021 - 17:56 Uhr
AmbergSport

100 Jahre Amberger Fußballtradition: Der Klub, der nur Extreme kennt

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Die Geschichte des FC Amberg bot vieles, aber nie Langeweile. Heuer vor 100 Jahren entstand der Vorgängerverein. Vom Kollaps, Höhenflug und erneuten Fall eines Oberpfälzer Fußball-Riesen.

Ratlose Zuschauer am Ende der Saison 1994/95: Wie geht es weiter mit dem 1. FC Amberg? Ein paar Wochen später stand für den Verein die Insolvenz an. Sie hätte beinahe das Ende für den Fußball in Amberg bedeutet.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Von Klaus Högl und Florian Bindl

Anfang August 1995 starrte der Fußball in Amberg in den Abgrund. Der 1. FC Amberg, der gelb-schwarze Klub der Stadt, war pleite. Die Schulden waren zu hoch, die Last nicht mehr zu stemmen. Doch diese Wochen und Monate legten auch den Grund für alles, was folgen sollte. Das ist die Geschichte eines Vereins, der vor dem Nichts stand. Zweimal. Seine Historie lässt sich ohne diese Erfahrungen nicht erzählen und nicht verstehen. Und auch nicht ohne einen Namen: Werner Aichner.

Sein schwärzestes Jahr hatte der Klub 1995 zu durchstehen, nach dem finanziellen Ruin. Der 1. FC Amberg wurde von der sportlichen Landkarte getilgt. Der Verein war nicht mehr sanierbar, entgegen aller vorheriger Beteuerungen. 600 Mitglieder sahen ihren Verein untergehen. Die Mannschaft des letzten Jahres war in alle Winde verstreut. Und kein Verein im Umkreis war in der Lage, eine ähnliche Rolle zu übernehmen.

"Wir haben die Bayernliga-Saison ja noch ganz normal zu Ende gespielt", erzählt der damalige Libero Uwe Seidel. "Und dann war plötzlich alles vorbei." Hinter den Kulissen habe es schon immer Gerede gegeben, "es war dann umso bitterer, weil wir als Mannschaft eigentlich gut zusammengepasst hatten".

Rettung durch den TV Amberg

Wie gelang die Amberger Wiederauferstehung? Nach dem finanziellen Totalschaden war Amberg sportlich im Niemandsland. Kein Retter schien in Sicht - bis auf den TV Amberg. Der Verein spielte in dieser Zeit in der B-Klasse (heutige Kreisklasse), stieg aber 1997 ab. Spielerisch hatte der TV kein Fortune, aber einen umtriebigen Abteilungsleiter: Werner Aichner. Den Retter der Amberger Fußballwelt.

Er sorgte dafür, dass rund 250 Jugendliche in 12 Mannschaften auf dem Gelände des TV Amberg trainieren und daneben im Stadion spielen konnten, darunter zwei Bayernliga-Jugendteams. Aichner war fortan Herz und Seele des Amberger Fußballbetriebs, organisierte alles, vom Trainer bis zum Trikot. "Ohne den Werner wäre Amberg nie wieder so hoch hinaus gekommen", weiß Seidel. In seiner Stimme schwingt ein bisschen Ehrfurcht mit. Im Juli 1997 kam die Umbenennung in FC Amberg zustande.

Profiteur der Spielklassenreform

Was danach folgte, ließ aufhorchen. Es war eine geradezu katapultartige Entwicklung. Binnen sieben Jahren schaffte der FC Amberg den Sprung aus den Niederungen der C-Klasse in die Landesliga. Trainer damals war Karl-Heinz Wagner, der die Amberger auch heute wieder trainiert. Hinter den Kulissen arbeitete Aichner unermüdlich für den Verein. Für ihn, der 2019 verstarb, sei das "die größte Freude gewesen", sagte er einmal. Unter verschiedensten Trainern bewegte sich der FC nun einige Jahre im Mittelfeld der Landesliga.

Es sollte noch besser kommen. Nach einem kurzen Intermezzo in der Bezirksoberliga schaffte es der FC Amberg 2012 in der ersten Relegationsrunde direkt in die Bayernliga Nord aufzusteigen - ein Ergebnis der damaligen Spielklassenreform. Dieser sensationelle Siegeszug bescherte dem Verein endlich Aufmerksamkeit und Bedeutung über die Bezirksebene hinaus. In der Bayernliga spielte der FC unter Trainer Timo Rost und belegte zwei Jahre in Folge etwas unglücklich nur Platz vier, verpasste also knapp den Regionalliga-Aufstieg. Ein Jahr später, 2015, war es so weit. Mit Platz zwei nach 22 Siege, den zweitmeisten Toren (76) und jeder Menge Hoffnung im Gepäck bezwang Amberg in den Relegationsspielen Heimstetten und Garching. Aufstieg. Das kleine Amberg war in der vierthöchsten deutschen Spielklasse angekommen.

Höhenflug bis ins Jahnstadion

Vor 17 Jahren noch war der FC in der C-Klasse neu gestartet. Jetzt stand ein ganz neues Abenteuer an. Nach wie vor mit an Bord: der nimmermüde Werner Aichner. "Er war so etwas wie der Vater des Vereins, hatte für jeden ein offenes Ohr, ein ganz feiner Kerl", berichtet Sven Seitz, der den Aufstieg miterlebt hat. Von der damaligen Mannschaft kann Seitz nur schwärmen. "Eine Super-Truppe" sei es gewesen, jeder sei für den anderen gelaufen.

Der souveräne Aufstieg musste freilich groß gefeiert werden. Es gab einen Empfang im Rathaus, eine rauschende Feier auf dem Marktplatz, aus Kanada gratulierte Nationalspielerin Sara Däbritz. Höhepunkt der Regionalliga-Spielzeit war die Begegnung im Regensburger Jahn-Stadion vor 12 700 Besuchern. Amberg verlor zwar mit 3:4 an einem Freitagabend im August 2015, durfte sich aber mit einem heute etablierten Zweitligisten messen. Exakt 20 Jahre nach dem Ruin war der Verein wieder eine große Nummer.

Neuanfang in der Bezirksliga

Doch wieder schlug das Pendel für den Amberger Fußball in die andere Richtung aus. Zunächst schien der ersehnte Klassenerhalt ein machbares Unterfangen. Es folgte ein bis heute unfassbarer Niedergang, Abstieg, Umbruch, Neuanfang in der Bayernliga. Der Investor stieg aus. Mannschaft und Vorstandschaft hatten sich mehr oder weniger aufgelöst. Am 18. Mai 2018, nach zwei Spielzeiten in der Bayernliga, kam der ruhmlose Abstieg. Der FC Amberg war am Ende, schon wieder. Wie schon 1995 sprang in der größten Not Werner Aichner ein.

Der BFV genehmigte einen Neuanfang in der Bezirksliga Nord. Aichner, der sich eigentlich gesundheitlich angeschlagen von seinen Aufgaben zurückziehen wollte, übernahm wieder die Führung - ohne ein Amt inne zu haben. Der Verein sei seine Lebensaufgabe gewesen, sagen Wegbegleiter. Mit ruhiger Hand manövrierte er den FC wieder in sichere Fahrwasser. Nach zwei heftigen Stürmen, die den Verein beinahe in die Bedeutungslosigkeit gespült hätten, schien wieder Ruhe eingekehrt. Ein bisschen Wehmut bleibt. "Schade, dass wir damals nicht in der Regionalliga geblieben sind", sagt Seitz. "Es war zu sehen, welches Potenzial in dieser Stadt steckt." In der kommenden Spielzeit startet der FC Amberg in der Landesliga, die Quotientenregel machte es möglich.

Die Gründungs-Geschichte des bekanntesten Amberger Fußballvereins

Amberg
Die Amberger Regionalliga-Aufsteiger feiern 2015 auf dem Rathausbalkon. Vom zweiten Niedergang der Vereinsgeschichte ahnten sie nichts.
Gedämpfte Stimmung bei der Mitgliederversammlung des 1. FC Amberg am 31. Mai 1995: Die Vorsitzenden Dietrich Mickan (Mitte) und Dieter Amann (rechts) hatten sich bereit erklärt, kommissarisch weiter die Geschicke des Vereins zu lenken. Anwalt Günter Schatz (links) hatte zuvor die aussichtslose Lage des Vereins geschildert.
Hintergrund :

FC Amberg: Die Geschichte nach dem Neustart

  • Nach dem Ende der Bayernliga Saison 1994/95 wird, wohl unabhängig vom Saisonausgang, am 3. August 1995 die Auflösung des Vereins bekannt gegeben. Der Schuldenberg war nicht mehr zu stemmen.
  • Auf Initiative von Werner Aichner vom TV Amberg können die Junioren des 1. FC Amberg auf dem Gelände des TV trainieren und auch Spiele austragen. Der Verein heißt nun offiziell "FC Amberg im TV"
  • Der "neue" FC Amberg reiht Aufstieg an Aufstieg und arbeitet sich in kürzester Zeit aus der C-Klasse bis in die Landesliga. 2007 gewinnt der FC Amberg die bayerische Hallenmeisterschaft.
  • 2012 steigt Amberg in die Bayernliga auf, 2015 gelingt sogar der Sprung in die Regionalliga Bayern. Ein Meilenstein in der Geschichte des Vereins.
  • Der direkte Wiederabstieg bringt eine Abwärtsspirale in Gang. Der FC Amberg ist erneut angeschlagen, die Mannschaft kaum noch konkurrenzfähig.
  • Der FC Amberg stabilisiert sich in der Bezirksliga. In der Spielzeit 2021/22 tritt er wieder in der Landesliga an.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.