30.12.2020 - 17:23 Uhr
AmbergSport

Amberger Silvesterlauf: Wetterkapriolen, Kasernen-Tee und ein unerkannter Weltmeister

Das Coronavirus hat auch den letzten sportlichen Wettkampf des Jahres in Amberg verhindert. Organisator Bernd Stief erinnert sich an die Anfänge und so manche Anekdote aus 30 Jahren Silvesterlauf.

Typisch Silvesterlauf: Schneebedeckte Innenstadt, kurze Hosen.
von Christian Frühwirth Kontakt Profil
  • Der 31. Dezember war noch frei

Entstanden ist die Idee bei CIS Amberg Ende der 1980er Jahre. Das Problem war, einen geeigneten Termin zu finden, denn "die meisten Wochenenden waren damals schon mit Läufen ausgebucht", erzählt Bernd Stief. Und "irgendwo reindrängen" wollten sich die Amberger nicht. "Dann ist irgendwer auf die Idee gekommen, einen Silvesterlauf anzubieten." Die waren damals noch selten, den einzigen weit und breit gab es in Seubersdorf bei Neumarkt, wo allerdings im Gelände gelaufen wird.

Der Amberger Silvesterlauf: Eine Bildergalerie

Amberger Silvesterlauf
  • Selbst gestrickte Zeiterfassung

Ein Chip am Schuh, automatische Übertragung der Laufzeit, Ergebnislisten und Urkunden auf Knopfdruck. Das ist Standard heute. In den Anfangsjahren musste da viel improvisiert werden: "Werner Keck, ein Läufer, hat uns ein Programm mit Turbo Pascal geschrieben", erinnert sich Stief. Laptops gab es nicht, ein am Marktplatz parkender Kleintransporter diente als Technikzentrale. Der Strom kam per Verlängerungskabel aus dem Rathaus, der Computer wurde von zu Hause mit gebracht. "Jedes Mal, wenn ein Läufer die Ziellinie überquerte, wurde die Return-Taste gedrückt", erzählt Stief. Wenn Zeit war, wurde auch die dazugehörige Startnummer eingegeben. War es zu hektisch, mussten später mit den von sechs (!) Helfern per Hand notierten Zieleinlauf-Listen die Startnummern den Zeiten zugeordnet werden. Stief: "Uns zur Sicherheit haben wir noch mit der Videokamera den Zieleinlauf gefilmt."

  • Bestmarke 651 Teilnehmer

Die Idee kam an: Bei der Premiere des Silvesterlaufs 1990 waren mehr als 300 Athleten am Start. Die Teilnehmerzahl steigerte sich in bis auf 450, fiel dann aber auf durchschnittlich rund 350. "Es gab mittlerweile deutlich mehr Silvesterläufe", sagt Stief. "Der in Nürnberg mit über 1000 Teilnehmer hat uns sehr viele Teilnehmer weggenommen, gerade die Läufer aus Franken kamen nicht mehr." In den letzten Jahren stieg die Zahl wieder. "Ein Grund ist sicherlich, dass wir Kinder- und Jugendläufe angeboten haben, ein weiterer die Aufnahme in die Landkreiscup-Wertung im vergangenen Jahr." 2019 gab es auch die bisherige Bestmarke: 651 Teilnehmer.

  • Schon 2011 kein Lauf

Nach 20 Jahren machte sich Müdigkeit breit. Einige aus dem Organisationsteams wollten nicht mehr. Die Konsequenz: Bernd Stief sagte den Silvesterlauf 2011 ab – und bekam darauf "massiven Widerstand". Die Reaktionen enttäuschter Läufer, die Überredungskünste von Norbert Fischer, dem Stadtverbandsvorsitzenden für Sport, und die Bereitschaft jüngerer Vereinsmitglieder, künftig verstärkt bei der Organisation mitzuarbeiten, sorgten für ein Umdenken und es blieb bei einer einmaligen Pause. Seit einigen Jahren ist Christian Koch im Organisationsteam in vorderster Reihe mit dabei und entlastet Stief.

  • Frühlingssonne und eisiger Frost

Kalt war es oft, einmal sogar 12 Grad minus. Dennoch standen einige Läufer mit kurzer Hose an der Startlinie, gegen die Kälte mussten eben Mütze und Handschuhe helfen. Auf der anderen Seite der Temperaturskala waren es beim Silvesterlauf auch schon mal frühlingshafte 15 Grad plus. Was Stief auffällt: "In den letzten Jahren hatten wir großes Glück. Es war meist trocken, Schnee gab es sehr oft erst nach Silvester." Knapp vor einem Abbruch stand das Rennen 2005, doch der Regen wurde erst zum Eisregen, als der letzte Läufer gerade im Ziel war.

  • Auf neuer Strecke

Schnee und Eis waren auch der Grund dafür, dass 1998 die Streckenführung geändert wurde. Im Jahr zuvor mussten Vereinsmitglieder mit Schaufeln, Pickel und Hacken anrücken, um Streckenabschnitte vom Eis zu befreien und rutschige Passagen zu entschärfen. Im Stadtgraben bei der Vilsbrücke mit dem Anstieg vor der Bahnhofs-Tiefgarage war es besonders schlimm. Dieser Weg wird seitdem umlaufen, statt unten im Stadtgraben, geht es oben an der Straße in Richtung Bahnhof.

  • Tee von der Bundeswehr

Von wegen isotonische Getränke und Energydrinks. Jahr für Jahr ist der ausgeschenkte Tee ein Renner bei den Läufern. Der kam in den Anfangsjahren aus der Küche der Leopoldkaserne. Später kochte die Küchenbrigade der Schweppermannkaserne die 200 bis 250 Liter, dann kam der Tee aus der Siemens-Kantine. Seit einigen Jahren spendiert das Robert's Trattoria Bavaria am Marktplatz den Tee für die Läufer.

  • Altersklasse Ü80

Den Altersrekord mit 82 Jahren hält Anderl Wilhelm, Jahrgang 1937, aus Waiblingen. Er kam jedes Jahr mit dem Zug nach Amberg, lief die 7,5 Kilometer durch die Altstadt und fuhr anschließend nach Cham, wo er bei Verwandten den Jahreswechsel feierte.

  • Die Schnellsten

Gleich beim ersten Lauf 1990 legte Sieger Thomas Ertl, Deutscher Meister über 10000 Meter aus Regensburg, mit 22:03 Minuten eine Zeit vor, die bis zur Änderung der Streckenführung niemand unterbot. Schnellste Frau auf der alten Strecke war die Deutsche Meisterin Friedericke Schmidt vom Dresdner SC (17:24), auf der neuen Strecke halten Tobias Hösl (22:15) vom TSV Detag Wernberg und die München-Marathon-Siegerin Silke Fersch (18:26) die Rekorde. Auf der langen, 7,5-km-Strecke der Frauen, führt Domenika Mayer (26:14) die Bestenliste an.

  • Weltmeisterlicher Trainingslauf

Wer da 1999 als Erster ins Ziel gelaufen war, wurde erst bei der Siegerehrung so richtig klar. Aus Herzogenaurach hatte sich eine kleine Truppe angemeldet, angeblich Hobbyläufer, die bei Adidas arbeiten. Mit dabei der Engländer Martin Jones, der Konkurrenten und Organisatoren verblüffte, und das Rennen gewann. Kein Wunder, wie sich im Nachhinein herausstellte: Jones war ehemaliger Berglaufweltmeister und die 7,5 km in Amberg eher eine kleinere Übung für ihn.

  • Auf ein Neues im neuen Jahr

"Wir werden uns auf alle Fälle rechtzeitig zusammensetzen und überlegen, ob es möglich sein wird oder nicht", sagt Bernd Stief. 2021 solle es auf alle Fälle wieder einen Silvesterlauf geben.

Info:

Zur Person: Bernd Stief

  • Geboren 1948 in Rosenberg, wohnt seit 1972 in Amberg
  • Hauptschul-/Mittelschullehrer, mehr als 20 Jahre an der Pestalozzi-Schule und Krötenseeschule in Sulzbach-Rosenberg, ab 1998 Konrektor in Illschwang und von 2002 bis zur Pensionierung 2012 Schulleiter in Schnaittenbach
  • Seit 1978 beim Club Intersport (CIS) Amberg, Sportwart und seit 1991 Vorsitzender, seit 1990 Organisator des Amberger Silvesterlaufes

 

 

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