11.09.2020 - 16:35 Uhr
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Fußball: Ein neuer (Corona)-Paragraf sorgt für Unverständnis

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Paragraf 94? Der Corona-Paragraf des Bayerischen Fußballverbandes? "Kennen wir nicht", so die erste Reaktion etlicher Vereinsfunktionäre. Sollten sie aber kennen.

Platz gesperrt durch eine Kommune wegen Corona –was tun? Der Paragraf 94 des Bayerischen Fußballverbandes regelt in so einem Fall das Prozedere.
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

"Der Paragraf 94 hat mit Gesundheitsschutz nicht viel am Hut. Hier geht es nur darum, die Saison durchzuboxen", erklärt Bernhard Müller, Trainer der Landesligafußballerinnen des TSV Theuern. Der Paragraf widerspreche den Hygienekonzepten. Denn da hieße es, man dürfe Spieler oder Spielerinnen mit Erkältungsanzeichen nicht auf die Anlage zum Training lassen. "Auf der anderen Seite heißt es, ich darf Spiele nur absagen, wenn ich drei bestätigte Covid-19-Fälle habe", moniert Müller. "Das passt überhaupt nicht zusammen. Da muss es meines Erachtens auch die Möglichkeit geben, dass ich ein Spiel absetzen kann, wenn ich Leute mit Erkältungssymptomen habe." Weil nicht jeder gleich getestet werden kann.

"Dann ist der Teufel los"

Müller nennt als Beispiel einen Fall vor Kurzem in der nördlichen Oberpfalz. Da gab es einen Corona-Verdachtsfall in der Mannschaft. Daraufhin habe der Vorsitzende des Vereins zu den anderen Spielern gesagt, dass sie zu Hause bleiben sollen, bis das Ergebnis feststehe. "Das ist grundsätzlich sinnvoll. Wenn mir so etwas am Tag vor einem Spiel passiert, dann kommen aber alle zum Spiel. Weil ich ja das Spiel nicht absetzen darf. Wenn aber derjenige positiv getestet wird, dann ist der Teufel los." Dieses Szenario sehe der Paragraf 94 des Fußballverbandes überhaupt nicht vor.

Ein weiteres Ärgernis in diesem Paragrafen ist für den Trainer die Passage, wonach der Spielleiter das Heimrecht tauschen kann, ohne die Vereine zu befragen, falls ein Platz gesperrt wird. "Das hat ja irgendeinen Grund, warum eine Kommune die Anlage sperrt. Meistens liegt es am Infektionsgeschehen. Das will der Verband einfach umgehen, um die Spiele durchzuziehen." In einer Kreisklasse sei das nicht so schlimm bei den Entfernungen, aber in seinem Bereich, der Landesliga Süd sind die Fahrten deutlich weiter.

"Ich finde es grundsätzlich in Ordnung, dass der Verband das regelt", sagt Daniel Meuler. Aber der Vorsitzende des Kreisklassisten DJK Ursensollen stört sich an einem Passus: "Nach dreimaligem Nichtantritt bist du automatisch Absteiger. Das war bisher auch so. Warum wird das extra in den Corona-Paragrafen aufgenommen?" fragt sich Meuler.

Regelung ist "Schwachsinn"

Es liege nun in den Händen des Sportgerichts, bei Nichtantritt ein Spiel zu werten. Denn es könnte aufgrund von §94 passieren, dass das Sportgericht einen Spielausfall wegen Covid-19 mit 2:0 für den Gegner wertet - "und dann bist du womöglich wegen Corona und Spielwertungen weg vom Fenster", erklärt Meuler. "Ich finde so eine Regelung in der heutigen Zeit Schwachsinn. Jeder hofft darauf, dass man wieder spielen kann, auch der BFV drängt darauf, die Saison fortzusetzen. Im Umkehrschluss versucht man aber wieder, die Vereine zu gängeln."

Manfred Herrmann vom SV Etzenricht hat bei einer Tagung "schon ein bisschen was" über diesen Paragrafen gehört. "Zufriedenstellen tut mich das nicht. Wenn sie meinen, dass sie uns zurücksetzen in eine tiefere Liga, dann sollen sie glücklich werden damit", sagt der Vorsitzende des Bezirksligisten. Wenn Leute krank werden, könne er das nicht ändern. Jeder müsse seiner Eigenverantwortung gerecht werden, aber ausschließen könne man nichts.

Er ist nicht begeistert vom Paragrafen 94, aber er versteht, dass sich der Verband absichern will. "Ich sehe das nicht so dramatisch, ich bin schon lange dabei. Aber man kann alles übertreiben, und einige Sachen in diesem Paragrafen sind schon knallhart", sagt Herrmann.

Kommentar: Der BFV hat sich selbst unter Druck gesetzt

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Hier geht es zum Paragrafen 94 des Bayerischen Fußballverbandes

§94 des Bayerischen Fußballverbandes:
  • Positive Testung auf Covid-19/SARS-CoV-2:
    Sind nachweislich während der Saison mindestens 3 Spieler*innen (Junior*innen: 1 Spieler*in) einer Mannschaft positiv auf Covid-19/SARS-CoV-2 getestet worden, ist mindestens das nächste Verbandsspiel durch den zuständigen Spielleiter abzusetzen. Wird mannschaftsübergreifend trainiert, sind die nächsten Spiele aller betroffenen Mannschaften abzusetzen. Als Nachweis ist ein ärztliches Attest unter Angabe des Krankheitsbildes Covid-19/SARS-CoV-2 oder die Anfrage des Gesundheitsamtes nach möglichen Kontaktpersonen einzureichen. Ebenso ist das mannschaftsübergreifende Training nachzuweisen. Bei einer kurzfristigen Diagnose/Anfrage ist der Nachweis einen Tag nach Eingang der Mitteilung beim Spieler an die spielleitende Stelle nachzureichen. Bei Ausbleiben der Nachreichung erfolgt Anzeige beim zuständigen Sportgericht.
  • Anordnung von Mannschaftsquarantäne:
    Bei einer behördlichen Anordnung einer Quarantäne aufgrund Covid-19 für eine ganze Mannschaft, ist dem zuständigen Spielleiter vor dem Spiel(tag) ein entsprechender Nachweis vorzulegen. Es erfolgt anschließend die Absetzung der im festgelegten Quarantäne-Zeitraum angesetzten Spiele. Bei einer kurzfristigen Quarantäne-Anordnung ist der Nachweis einen Tag nach Eingang der Mitteilung beim Verein an die spielleitende Stelle nachzureichen. Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs erfolgt frühestens 4 Tage nach Ende der behördlich angeordneten Quarantäne.
  • Sperrung von Spielstätten aufgrund Covid-19/SARS-CoV-2:
    Kann ein Spiel aufgrund einer Platzsperre in Zusammenhang mit Covid-19 durch die örtlich zuständige Behörde nicht ausgetragen werden, hat der Spielleiter die Möglichkeit, das Spiel auf den Platz des Gegners oder auf einen neutralen Platz zu verlegen. Ein Einspruch ist in diesem Fall ausgeschlossen. Die verfügte Platzsperre ist dem Spielleiter schriftlich nachzuweisen. Erfolgt dieser Nachweis nicht, gilt für alle zukünftigen Spiele § 59 Nr. 4.
  • Regionaler Lockdown:
    Wird in einer Region ein Lockdown verfügt und können dadurch einzelne Spiele nicht wie ursprünglich angesetzt ausgetragen werden, sind durch den zuständigen Spielleiter alle in dieser Region angesetzten Spiele abzusetzen. Betrifft der Lockdown nur einen Teil einer Spielgruppe, sind die Spiele auf dem Platz des Gegners oder auf einem neutralen Platz auszutragen, sofern keine staatlichen oder kommunalen Verfügungen entgegenstehen.
  • Spielausfall:
    Verschuldet eine Mannschaft einen Spielausfall oder tritt eine Mannschaft in Folge von Auswirkungen der Covid-19-Pandemie nicht oder nicht rechtzeitig (§ 25) mit sieben Spielern an, so kann das zuständige Sportgericht abweichend von § 29 Nr. 1 von einer Spielwertung absehen und das Spiel neu ansetzen.
  • Dreimaliges Nichtantreten:
    Tritt ein Verein in der laufenden Meisterschaftsspielrunde im laufenden Spieljahr dreimal schuldhaft nicht an, scheidet er aus der laufenden Verbandsspielrunde aus und gilt als erster Absteiger in die nächstniedrigere Spielklasse. Die Zahl der Absteiger verringert sich entsprechend. Die während einer Sperre eines Vereins nicht ausgetragenen Spiele sind auch als schuldhafter Nichtantritt zu werten. Den Vollzug nimmt der Bezirks-Vorsitzende vor, bei den Verbandsligen der Verbandsspielleiter. Die Wertung der ausgetragenen Spiele und die Regelung zur Erstattung der Fahrtkosten erfolgt gemäß § 30.
  • Infrastruktur:
    Können Platzvereine keine Umkleidekabinen zur Verfügung stellen, sind der gegnerische Gastverein und der eingeteilte Schiedsrichter spätestens 3 Tage vor dem Spiel darüber zu informieren.
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