26.02.2021 - 20:03 Uhr
AmbergSport

"Lasst die Kinder endlich wieder reiten"

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Unterricht würde Tanja Schmid am liebsten mit der Luftgitarre abhalten - doch das geht nicht. Ihre Schüler sitzen auf Pferden und nicht in einer Musikschule. Die dürfen öffnen, ihre Reitschule dagegen nicht.

Tanja Schmid würde gerne ihre Reitschule wieder öffnen, Wenn es sein muss, würde sie den Unterricht mit Luftgitarre abhalten.
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

"Wir haben Kindergeburtstage, Erlebnistage, wir haben Reitunterricht und wir haben eine Lernpraxis. Das alles dürfen wir nicht machen", klagt Tanja Schmid. Sie ist Inhaberin und Reittherapeutin des Westernreit- und Therapiezentrums in Kümmersbuch bei Hahnbach - und würde momentan Unterricht mit ihrer Luftgitarre geben, während die Kinder auf den Pferden sitzen. Denn was Tanja Schmid nervt, ist die Tatsache, dass Musikschulen öffnen dürfen, während Reitschulen geschlossen bleiben müssen.

Deswegen hat sie ihrem Ärger Luft gemacht - mit einer Luftgitarre und einem Video, das auf Facebook bisher weit über 30 000 Mal angeklickt wurde. "Willkommen zur Musik(Reit)Stunde" heißt der Clip, der die Runde macht. Mit einer Rassel und der Gitarre "begleitet" sie eine ihrer Angestellten, die auf dem Pferd dazu die Runden dreht. Nicht ganz ernst gemeint, doch ein sehr wohl ernsthafter Appell an die Politik, zu differenzieren und auch Reitschulen die Erlaubnis zum Öffnen zu geben. Jede Menge Zustimmung hat sie in den Kommentaren dazu schon bekommen

"Es ist kein Fall bekannt, wo sich jemals ein Mensch beim Reiten mit Corona angesteckt hat. Wir unterrichten die Kinder, wir schmusen ja nicht mit ihnen. Wir haben immer einen Abstand von ein paar Metern. Und das im Freien", erklärt Schmid. Vergangenes Jahr hatte sie ein Hygienekonzept entwickelt, "das muss ein sehr gutes gewesen sein, denn das Amberger Jugendamt hat daraus Anregungen entnommen."

"Pferde werden geschlachtet"

Wie ist sie auf die Idee mit dem musikalischen Reitunterricht gekommen? "Ich habe mich die ganze Zeit ruhig verhalten, weil ich dachte, die großen Reitverbände kümmern sich um uns. Doch da ist nichts passiert." Sie kenne mindesten zehn Reitschulen, die schließen müssen. "Die Pferde werden dann geschlachtet, das ist wirklich so. Die kommen zum Metzger", betont Tanja Schmid. Als sie hörte, dass Musikschulen öffnen dürfen, hat es ihr "auf gut Deutsch den Vogel rausgehaut." Reitunterricht findet bei ihr in einer 800 Quadratmeter großen Halle statt oder im Freien - da stehen 4000 qm zur Verfügung. Musikunterricht findet normalerweise in Räumen statt, argumentiert Schmid. In der Reithalle gebe es einen ständigen Luftdurchzug und -austausch. "Ich glaube, dass noch kein Politiker jemals in einer Reithalle war. Sonst wüssten die das."

Hier geht es zum Video

Reiten, füttern, ausmisten

Seit 20 Jahren gibt es das Reitzentrum in Kümmersbuch, sie führt den Betrieb zusammen mit ihrem Mann. Fünf Mitarbeiter kümmern sich um die Pferde - und natürlich um die Kinder. "Seit 1. November haben wir geschlossen", klagt Schmid. Die 15 Schulpferde müssen bewegt und fit gehalten werden. "Wir müssen den ganzen Tag reiten, dürfen nur ausmisten und die Pferde füttern. Und bekommen natürlich nichts dafür." Auch keine Corona-Hilfe, da das Reitzentrum ein sogenannter "Mischbetrieb" sei. Das Lerntraining könne auch online erfolgen, so das Argument der zuständigen Behörde. "Wenn es uns vor Corona nicht einigermaßen gut gegangen wäre, dann hätte uns das niedergestreckt."

Viele Sprachnachrichten

Täglich bekommt sie mindestens ein Dutzend Sprachnachrichten von ihren Reitschülern, die nur eines wollen: wieder rauf auf die Pferde. "Meist sind es sehr traurige Nachrichten, einige Kinder haben auch dabei geweint", sagt Tanja Schmid.

Auch Eltern sprechen ihr aufs Handy, eine der besorgten Mütter drückt ihre Stimmung klar aus: "Lasst die Kinder endlich wieder reiten, lasst die Kinder endlich wieder am Leben teilhaben. Wir ziehen uns hier Kinder groß, von denen unsere Zukunft abhängen soll. Im Endeffekt können wir sie bald alle einweisen, wenn sie nicht endlich wieder ein bisschen Normalität, ein bisschen Sport und ein bisschen Freude am Leben haben dürfen."

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