18.02.2021 - 12:41 Uhr
AmbergSport

Mentaltrainer Markus Hornig gibt Tipps bei Berufsstress und Alltagssorgen

Er betreute Tennisprofis und die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft. Im Interview mit Oberpfalz-Medien erklärt der Hahnbacher Markus Hornig, was man von Spitzensportlern lernen kann und welche Gedanken in Corona-Zeiten helfen.

Markus Hornig (links) war beim EM-Sieg 2013 und beim Olympia-Triumph 2016 Mentalcoach der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft um Trainerin Silvia Neid (rechts). Hornig vergleicht sie mit Jürgen Klopp: „Beide haben ein wahnsinnig gutes psychologisches Geschick“. Archivbild: Hornig/exb
von Christian Frühwirth Kontakt Profil

ONETZ: Herr Hornig, ihr neues Buch "Winning Inside" hat den Untertitel "Was wir vom Spitzensport für unser Berufsleben lernen können". Gibt es denn Parallelen zwischen Spitzensport und Berufsleben?

Markus Hornig: Da gibt es ganz, ganz viele Parallelen: Leistungsdruck, Zeitdruck, das sich permanent Weiterentwickeln, das mit Rückschlägen und Niederlagen umgehen müssen. Die Anforderungen im Spitzensport sind deckungsgleich mit denen in der modernen Arbeitswelt. Da ist der Sport ein ganz guter Lehrmeister.

ONETZ: Sie bringen das Beispiel von Tennisspieler Novak Djokovic, der in einer entscheidenden Phase eines Spiels Angst hat, einen Fehler zu machen.

Markus Hornig: Er sagt, dass es in solchen Momenten völlig normal sei, dass Versagensängste oder Selbstzweifel in ihm hochkochen. Er habe jedoch gelernt, nicht darauf einzusteigen, sondern die Ängste und Zweifel weiterziehen lassen zu können und sich bewusst auf den Augenblick zu konzentrieren.

ONETZ: Das heißt, er kann in dem Moment ausblenden, welche Folgen ein Fehler haben könnte? Dass er das Spiel verliert, dass er das Turnier nicht mehr gewinnen kann.

Markus Hornig: Jeder Mensch hat diese Gedanken, welche Folgen ein Fehler haben kann. Dass diese Gedanken hochkommen, ist völlig normal. Bei einem Fußballer beim Elfmeterschießen genauso wie bei einem Djokovic oder einem Bezirksklassenspieler. Der Profi hat aber gelernt, nicht auf die Gedanken zu reagieren, sondern sie weiterziehen zu lassen. Der Trick ist, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Auf die Atmung, oder auf den Ball, den er schon beobachtet, wenn ihn der Gegner beim Aufschlag auf den Boden auftippt und hochwirft.

ONETZ: Trotzdem ist es wohl bei den meisten Menschen so, dass sie stets an die Folgen eines Fehlers denken.

Markus Hornig: Der Mensch neigt ganz stark dazu, sich überdimensional Sorgen zu machen. Obwohl das, worüber er sich Sorgen macht, zu 90 Prozent nicht eintritt. Ideal wäre es, sich einzig und allein mit der Sache zu beschäftigen, die im Jetzt und Hier zu tun ist. Das hat auch viel mit Selbstdisziplin zu tun. Das, was ich jetzt machen kann. Mehr kann ich sowieso nicht machen. Was will ich in einem Tennismatch machen, wenn ich 0:5 hinten liege? Das Einzige, was ich machen kann: Versuchen, den nächsten Punkt so gut wie möglich zu spielen.

ONETZ: Im Hier und Jetzt zu leben, ist besonders in Corona-Zeiten schwierig. Viele jammern und schimpfen, bedauern, was man alles nicht machen kann.

Markus Hornig: Natürlich nervt uns Corona. Aber es hilft doch nichts. Es ist so, wie es ist. Ich kann es nicht ändern. Was ich ändern kann, ist meine Reaktion darauf. Dass ich es als Herausforderung sehe und nicht als Bedrohung.

ONETZ: Was bedeutet das konkret?

Markus Hornig: Wenn ich Aufgaben, die ich vor mir habe, auch wenn sie umfangreich, anspruchsvoll sind, als Herausforderung sehe, werde ich eine ganz andere Denkweise und eine ganz andere Leistung erbringen als wenn ich sie als Bedrohung empfinde. Bestes Beispiel in der Sportgeschichte ist das Duell zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann bei der WM 2006, als Jürgen Klinsmann gesagt hat, die Position im Tor ist offen. Obwohl Kahn dreimal Welttorhüter war und Kapitän. Von diesem Tag an ging bei ihm die Leistungskurve nach unten. Es ging nur noch darum, "hoffentlich mache ich keine Fehler". Der war in einem Bedrohungsmodus. Und mit diesen Gedanken kannst du keine Leistung bringen. Bei Lehmann war es umgekehrt: Er hatte nichts zu verlieren und sagte sich, "ich gebe mein Bestes, mehr kann ich nicht machen".

ONETZ: Welche Tipps hat der Mentaltrainer, damit man den sehr speziellen Alltag in Corona-Zeiten als Herausforderung und nicht als Bedrohung empfinden kann?

Markus Hornig: Der erste Tipp ist, es zu akzeptieren. Ich habe das ja nicht selber verschuldet, sondern ich bin damit konfrontiert. Deshalb bringt das ganze Jammern auch nichts. Der zweite wichtige Punkt ist, dass diese Krise hilft, mal wieder unser Bewusstsein zu schärfen dafür, wie gut es uns eigentlich geht. Was wir alles haben. Und ich mir klar mache, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Und: Ich werde viele Dinge, die ich im Moment nicht machen kann, nachholen können. Dann wird die Freude daran umso größer sein. Zudem sollten die begonnenen Impfungen die Erkenntnis bringen: Irgendwann wird das Ding zu Ende sein.

ONETZ: Wieder zurück zum Sport. Wie viel ist bei einem Spitzensportler Kopf, wie viel ist Talent, wie viel ist Können?

Markus Hornig: 70, 80 Prozent sind Kopf. Jede Sportart setzt sich aus vier Faktoren zusammen: der Technik, der Taktik, der Kondition und der Psyche. Und je höher Athleten leistungsmäßig kommen, desto weniger Möglichkeiten gibt es, sich von den Konkurrenten zu unterscheiden. Entscheidend ist, dass du in den richtigen Momenten in der Lage bist, deine beste Leistung abzurufen. Deshalb ist das Mentale so wichtig. Der Weg ist gepflastert, gerade auch im Fußball, mit unglaublichen Talenten, die gescheitert sind, weil sie es eben nicht unter Wettkampfbedingungen hingekriegt haben.

ONETZ: Gibt es hier wieder Parallelen zur Berufswelt?

Markus Hornig: Das kann man sehr gut auf das Berufsleben übertragen: Einstellung schlägt Talent. Es sind oft nicht die mit den besten Noten, mit dem höchsten IQ, die Karriere machen, sondern die mit der besten Einstellung, die sich selbst motivieren können, die Selbstdisziplin haben, die bereit sind, aus Fehlern zu lernen, die sich ambitionierte Ziele setzen.

Mentalcoach Markus Hornig betreut das Frauenfußball-Nationalteam bei Olympia 2016 in Rio

„Winning Inside – Was wir von Spitzensportlern lernen können“ ist das sechste Buch von Markus Hornig. Er schreibt über die Themen Gesundheit, Motivation, Selbst- und Leistungsmanagement.
Hintergrund:

Zur Person: Markus Hornig

  • geboren am 30. November 1964 in Sulzbach-Rosenberg, aufgewachsen in Hahnbach, wohnt in Berlin
  • Tennisspieler beim TC Hahnbach und TC Amberg am Schanzl
  • seit 1985 Tennis-Trainer, unter anderem beim Berliner Tennis-Verband, seit 1990 A-Lizenz-Trainer des Deutschen Tennis-Bundes, betreute Profispieler wie Markus Zoecke, David Prinosil und Nicolas Kiefer
  • acht Jahre lang Trainer auf der ATP-Tour der Profis
  • Trainer des BTTC Grün-Weiß Berlin, Bundesligacoach beim TC Waldau Stuttgart und HTV Hannover, 1997 Aufstieg mit LTTC Rot-Weiß Berlin in 1. Bundesliga
  • Heilpraktiker für Naturheilkunde und Psychotherapie, Diplom-Mentaltrainer und Diplom-Biofeedback-Trainer, Studium „Betriebliches Gesundheitsmanagement“
  • von 2011 bis 2016 Mentalcoach der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft
  • berät Unternehmen bei der Gesundheitsförderung ihrer Mitarbeiter
  • schreibt Sachbücher, gerade erschienen "Winning Inside" (Egoth Verlag)

 

 

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