07.04.2021 - 11:36 Uhr
AmbergSport

Trotz Trainingsverbot: „Kinder sind schnell wieder in alten Bahnen“

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Monatelang kein Sport für Mädchen und Jungs. Der Amberger Kinderarzt und Psychotherapeut Dr. Ulrich Siebenbürger erklärt, was Sache ist. Und macht Hoffnung, weil Jugendliche den Erwachsenen in einem Punkt gewaltig voraus sind.

Wenn sie wieder dürfen, dann legen sie los wie die Feuerwehr. Kinder brauchen zum Beispiel nach einer schweren Verletzung keine aufwändigen Reha-Maßnahmen wie Erwachsene, sagt Dr. Ulrich Siebenbürger. Sondern: "Die wollen einfach."
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

ONETZ: Herr Siebenbürger, welche Bedeutung hat Sport für Kinder und Jugendliche?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Im Vordergrund steht die gesunde Entwicklung. Der Körper braucht Bewegung, dieses ständige Rumsitzen ist für uns alle nicht gut. Nicht nur wegen des drohenden Übergewichts, sondern auch wegen der Einschränkung der ganzen Funktion der Muskeln.

ONETZ: Gibt es bestimmte Lebensabschnitte bei Kindern, in denen es besonders kritisch ist, wenn sie sich nicht bewegen?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Im Grund ist die ganze Kindheit dafür entscheidend. Die Kleinkinder müssen ihre Balance trainieren, damit sie mutig auf das Klettergerüst können. Diejenigen, die das schon nicht machen, sind hinterher die ungeschickten Kinder, die ewig Ergotherapie bekommen. Weil sie sich nie getraut haben oder negative Erfolge nicht verarbeiten konnten. Leider ist es bei uns oft so, dass sowohl in der Schule im Sportunterricht als auch in den Vereinen nur die Interessierten gefördert werden. Dabei fallen uns die Bewegungsmuffel runter. Die hatten Misserfolge, und dann machen sie gar nichts mehr.

ONETZ: Das wird durch Corona noch verstärkt?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Das wird durch Corona in alle Richtungen verstärkt. Die Bewegungsfreudigen können nur noch mit einem Freund zusammen bolzen, das macht nicht wirklich Spaß. In Sachen Sport im Freien ist ja fast nichts passiert, weil der Winter hart und lang war. Die Kinder hocken zu Hause herum. Die wenigsten haben ein Indoor-Trampolin. Wenn, dann steht es im Garten und konnte nicht benutzt werden. Wo kann ich mich auspowern - das fehlt komplett.

ONETZ: Kann man abschätzen, ob es Langzeitfolgen aus dem Lockdown gibt?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Zum einen müssen die Vereine zurückrudern. Weil alle ein Trainingsloch haben. Zum zweiten werden Kinder, die vorher schon viel Zeit vor dem Computer verbracht haben, weiter geködert. Die Spiele sind online so aufgebaut, auch mit psychologischer Beratung, dass sie möglichst auch über ein Belohnungssystem die Jugendlichen binden. Das Zocken ist ganz nett als Freizeitbeschäftigung, aber es ist nicht für zehn Stunden am Tag gedacht.

ONETZ: Werden die Sportvereine es schwerer haben, die Kinder wieder zurückzuholen ins Training?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Diese Kinder zu akquirieren, wird schwer sein. Denn die sind glücklich mit ihrem Computer. Dazu kommt - das sehe ich als Psychotherapeut - dass Kinder, die vorher schon ein bisschen ängstlich waren, die sich schwer getan haben, sich von der Mama wegzubewegen, es es jetzt überhaut nicht mehr schaffen. Es gibt viele meiner Patienten, die sagen: Ich gehe nie wieder in die Schule. Das ist krass.

ONETZ: Haben sie unter ihren jungen Patienten auch welche, die keinen Sport mehr machen wollen?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Nein, das nicht. Aber der Online-Sportunterricht funktioniert ja überhaupt nicht, was ich von den Kindern so erzählt bekomme. Das ist ganz nett, was die Lehrer sich so ausdenken an Action-Programmen. Aber die Kinder machen das ein, zweimal mit, dann nicht mehr. Es fehlt einfach die Motivation durch den Wettkampf, durch andere Kinder. Durch den Lehrer, der das wahrnimmt. Viele schalten ihren Bildschirm aus, und sind so gar nicht mehr beobachtbar.

ONETZ: Nach dem monatelangen Lockdown fehlt den Kindern auch der Kontakt zu Gleichaltrigen. Hat das Auswirkungen?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Das können wir heute noch nicht beurteilen. Man redet viel von Sachen, die man nur vermutet. Aber letztlich wissen wir es nicht. Kinder sind schnell wieder in alten Bahnen. Das kennt man von schweren Sportverletzungen, wo Erwachsene mühsam Reha-Programme machen müssen. Das kann man sich bei Kindern komplett sparen, weil die sich in ihrer Freizeit richtig auftrainieren. Die wollen einfach.

ONETZ: Das heißt, die Kinder sollten so bald wir möglich wieder zum Training zurückkehren?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Je früher desto besser. Defizite sind jetzt bestimmt wahrnehmbar, zumindest für diese Saison. Aber danach kann es schon sein, dass die Kinder das problemlos aufholen. Viel besser als die Erwachsenen.

ONETZ: Haben sie in Ihrer Praxis Beobachtungen gemacht, dass Kinder vereinsamen in dieser Corona-Zeit?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Ja, sie nehmen eine depressive Entwicklung. Das verläuft bei Kindern ganz unterschiedlich. Es gibt welche, die haben Selbstmordgedanken. Es gibt aber auch Kinder, die einfach nur bockig sind oder die sich komplett verweigern und nur noch apathisch rumliegen. Ich habe das schon reihenweise bei meinen Patienten beobachtet.

ONETZ: Reihenweise, das heißt bei vielen Kindern?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Corona geht allen auf die Nerven. Den genervten Eltern, die mit Homeoffice ihre bockigen Kinder noch beschäftigen sollen - das tut keiner Familie gut.

ONETZ: Haben Sie mehr Corona-genervte jugendliche Patienten?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Ich habe nicht mehr als 20 Patienten, die Zahl bleibt in etwa immer gleich. Aber der Anteil der depressiven Patienten ist prozentual deutlich angestiegen. Vorher waren es 30 Prozent, jetzt sind es 80 Prozent.

ONETZ: Haben Sie Tipps für Eltern und Kinder, was sie jetzt tun können?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Die Eltern sollten mehr mit den Kindern machen, weil die Kinder sich schwer tun, sich ohne Freunde zu beschäftigen. Dann muss ein Elternteil sagen: Ich jogge mit dir oder wir fahren Rad. Damit das Kind motiviert ist. Und immer mit einem Ziel: Wir gehen einen Geocache suchen, oder wir fahren da und da hin, machen dort eine Brotzeit und nehmen alles mit. Die Eltern tun sich selbst auch etwas Gutes, wenn sie rausgehen und sich bewegen. Vielleicht sehen sie das nicht gleich so, aber das merken sie dann schon.

ONETZ: Also jetzt bei schönem Wetter aktiv werden?

Dr. Ulrich Siebenbürger: Ja. Wichtig ist, dass man nicht jammert. Sondern das Beste aus der Situation macht. Man kann als Familie viel mehr zusammen machen, wo vorher alle durcheinander gelaufen sind. Jedes Kind hat seinen eigenen Freundeskreis, der funktioniert aktuell nicht. Nun kann man die Zeit gemeinsam innerhalb der Familie mehr nutzen. Man muss nur konstruktiv damit umgehen.

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Amberg
Hintergrund:

Zur Person: Dr. Ulrich Siebenbürger

  • Stammt aus der Nähe von Schweinfurt in Unterfranken
  • Seit 1988 in der Oberpfalz, seit 1992 in Amberg
  • Kinderarzt seit 1995, davor Allgemeinmediziner
  • Weiterbildung zum Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut
  • Vier Jahre Leiter einer Kinderklinik in Malawi (Afrika); statt Bundeswehr drei Jahre Entwicklungsdienst, um ein Jahr verlängert
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