28.06.2018 - 20:35 Uhr
SchwandorfSport

Kommentar: Der deutsche Fußball ist überheblich geworden

Das blamable WM-Aus sitzt tief in der deutschen Fußball-Seele. Es wird allerorten nach Ursachen für das Versagen geforscht. Ein Kommentar von Josef Maier.

Der Frust sitzt tief bei den deutschen Nationalspielern.
von Josef Maier Kontakt Profil
Kommentar

Es ist noch kein Jahr her, da wurde Joachim Löw aber so richtig bemitleidet: Seine junge deutsche Mannschaft hatte gerade den Confed-Cup gewonnen. Die U21 holte den EM-Titel. Und ein Jahr zuvor hatte sich das deutsche Olympia-Team in Rio sensationell mit Silber geschmückt.

Der arme Jogi, aus 40 Weltklasse-Spielern müsse er den 23-köpfigen WM-Kader bilden, hieß es. Da gebe es viele Enttäuschte. Von den 40 war ein Jahr später nicht mehr allzu viel übrig. Spieler wie Jonas Hector, Marvin Plattenhardt oder Matthias Ginter fuhren mit nach Russland - Bundesliga-Durchschnitt, mehr nicht. Die Talente von damals haben sich nicht weiterentwickelt, der Ruhm kam wohl zu früh.

So musste Löw eine fatale Entscheidung treffen: Er hielt treu zu seinen Weltmeistern. Doch wahre Champions waren nicht dabei. Keiner wie Bastian Schweinsteiger, der als Anführer für sein Team sogar sein Blut gab. Und wie wichtig für eine Mannschaftsstruktur der kleine Philipp Lahm war, wird erst vier Jahre später richtig deutlich.

Özil, Khedira, Boateng, Müller wirkten in den Tagen von Russland wie Spieler aus einer anderen Epoche. Zeitlupenfußball, müdes Ballgeschiebe, fatale Körpersprache. Satt, überheblich. Wer von denen kann eigentlich einen Gegenspieler im Eins-gegen-eins ausspielen?

Dieses Desaster hat sich nicht nur bei Tests auf dem Platz angedeutet. Noch immer geblendet vom Glanz des WM-Pokals, wurde "Die Mannschaft" - so das gehypte Label - immer unnahbarer. Es gibt eigentlich keine öffentlichen Trainingseinheiten mehr. In der Vorbereitung in Südtirol schottete sich das Team wie in einem Hochsicherheitstrakt ab. Die Elite-Kicker hier, die Fans da. Wir hier oben, ihr da unten. Und dann wundert sich der DFB, dass er trommeln muss, um Stadien bei Länderspielen einigermaßen zu füllen.

Die zunehmende Überheblichkeit zeigt sich vielerorts. Der smarte Olli Bierhoff, Manager der fußballspielenden "Popstars", glaubt gar, Diskussionsthemen bestimmen zu können. Das Gerede um die Erdogan-Fotos müsse endlich aufhören, teilte er forsch mit. Basta! Eine dürre Entschuldigung für seine freche Forderung gab es via "Bild" - ein Pflicht-Interview.

Überhaupt diese Fotos mit dem türkischen Autokraten: Dieses Thema war auch in Russland zu spüren. Die DFB-Bosse versagten mit ihrem Krisenmanagement total. Ilkay Gündogan ist seitdem auf dem Platz ein Nervenbündel, das man den Zuschauern eigentlich nicht mehr präsentieren kann. Die fehlende Entschuldigung von Mesut Özil ist ein Skandal und eine Verhöhnung der oft propagierten DFB-Werte Fairness und Respekt.

Joachim Löw braucht nach dem Desaster dennoch kein Mitleid. Der Bundestrainer hat unheimlich viel für den deutschen Fußball geleistet, eine Ära geprägt. Durch den WM-Titel von 2014 gehört er zu den Größten der deutschen Fußballgeschichte. Aber er ist nach 12 Jahren Verantwortung sicherlich nicht mehr der Richtige, um die Scherben von Kasan aufzukehren. Es sind zu viele Scherben.

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