21.05.2021 - 16:18 Uhr
MünchenSport

Oberpfälzer unterm weltberühmten Zeltdach: Geschichten aus dem Olympiastadion

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Seit einigen Monaten wird im Münchener Olympiastadion wieder Fußball gespielt. Ein Spielort voller Glanz. Der FC Bayern und 1860 waren hier zu Hause. Auch Oberpfälzer von Bugera bis Vollath haben hier einiges erlebt.

Wie ein Spinnennetz im Gegenlicht wirkt kurz vor Sonnenuntergang die Glasdachkonstruktion des Münchner Olympiastadions. Die transparente Konstruktion des Stuttgarter Architekten Günter Behnisch wurde 1972 erbaut und gilt noch heute als einmaliges Kunstwerk.
von Josef Maier Kontakt Profil

Hier, vor dem Tor in der Nordkurve, am linken Pfosten, ereignete sich eine der kuriosesten Szenen in der deutschen Fußballgeschichte. Thomas Helmer stocherte, nein stümperte, einen halben Meter vorm Tor den Ball am Pfosten vorbei – ins Aus. Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers entschied dennoch auf Tor für den FC Bayern gegen den 1. FC Nürnberg. Das Münchener Olympiastadion hatte bis zu diesem 23. April 1994 schon viel erlebt, jetzt kam eine Slapstick-Nummer dazu.

Phantomtor, Pokale, Medaillen, Triumphe und Superstars, Tränen und super Versager – es gibt nicht viele Sportstätten weltweit, die auf so eine Geschichte zurückblicken können wie die Anlage unter der weltberühmten Zeltdachkonstruktion im Münchener Nordwesten. Unter Denkmalschutz steht die Anlage schon seit 1997. Es dürfte nicht mehr lange dauern, dann werden Stadion und die Anlage zum Weltkulturerbe erklärt. Vielleicht zum 50. Geburtstag im nächsten Jahr?

Weitspringerin Heide Rosendahl holte hier 1972 nach sechs quälend langen Tagen bei den Olympischen Spielen im eigenen Land die erste Goldmedaille für Deutschland. Nur zwei Jahre später stemmte ein paar Meter von der Sandgrube entfernt Franz Beckenbauer den WM-Pokal in die Höhe – auch ein Moment für die Ewigkeit. Unter dem Glasdach feierten die Bayern Titel um Titel und die „Löwen“ boten ihren Anhängern – man mag es kaum glauben – Erstligafußball. Hier watschte der rote Bayer Karl-Heinz Rummenigge den blauen Löwen Beppo Hofeditz ab. Und hier grüßte Giovane Elber seine Oberpfälzer Fans in Floß mit einem eigens dekorierten T-Shirt.

Ein tolles Ambiente

Seit 2005 lag der Stadionkessel für Fußballspiele eigentlich brach. Nur 2012 wurde hier das Finale der Champions-League der Frauen ausgetragen. Ab und an füllten und füllen Künstler wie Pink, Phil Collins oder Robbie Williams Tribünen und Spielfeld. Oder Rammstein zündete unterm Olympiaturm Pyrotechnik. Doch seit dieser Saison wird in diesem legendären Stadion-Oval auch wieder regelmäßig Fußball gespielt. Drittligafußball zwar nur, aber Türkgücü München hätte sich für ein paar Heimspiele kein tolleres Ambiente aussuchen können. An einem Sommertag ist diese Anlage nicht zu toppen.

Eisern steht der Olympiaturm hinter der Gegengerade, aus dem sonnenüberfluteten Stadion heraus hat man einen schönen Blick hoch zum Olympiaberg, auf dem Spaziergänger den Blick über München genießen. „Es ist absolut etwas besonderes, hier zu spielen“, sagt Türkgücü-Kapitän René Vollath (31). Und der aus Schwandorf stammende Torwart ergänzt fast schon ehrfürchtig: „Dieser Ort ist ja geschichtsträchtig.“

Jetzt faustet und hechtet der Oberpfälzer da, wo einst Gerd Müller 1974 das WM-Siegtor schoss oder Oliver Kahn zum Torwart-Titan wurde. Schon Vollaths Vater Richard, der nach seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg auch für die SpVgg Weiden stürmte, durfte mal von ganz unten auf das imposante Rund blicken. „Er saß mal bei einem Derby der Bayern gegen den Club auf der Bank“, erzählt der Sohn.

Vom Oktoberfest ins Stadion

Das tat zuletzt hier auch Michael Köllner (51), oder besser gesagt, er lief davor auf und ab. Mit seinen „Löwen“ gastierte er im Münchener Drittliga-Derby im Olympiastadion. „Es war für mich ein absolut beeindruckendes Erlebnis, mit 1860 in diesem historischen Stadion zu spielen“, beschreibt er das Erlebte. „Es ist schier unglaublich, was die Menschen dort vor rund 50 Jahren entwickelt haben. Noch heute ist das Stadion ein Vorzeigemodell, eine Vision für viele Städte.“ Man spüre das Flair und den Mythos, wenn man aus dem Kabinentrakt ins Stadion gehe. Und dann wurde gegen Türkgücü auch noch gewonnen. „All das sind Momente, die ich mein Lebtag lang nicht vergessen werde.“ Zudem schweift sein Blick weit zurück: „Für mich war es auch deshalb etwas Besonderes, dort zu spielen, weil ich mein allererstes Live-Spiel im Olympiastadion verfolgen durfte.“ Als kleiner Junge. „Mit meinem Vater sind wir mit dem Zug von Wiesau nach München zum Oktoberfest gefahren und haben das mit einem Stadionbesuch verbunden. Es war ein unvergessliches Erlebnis.“

Tor von Dürrschmidt

Es gibt sogar einen Oberpfälzer, der im Olympiastadion getroffen hat. Bei einer Ecke marschierte Franz Dürrschmidt nach vorne und traf zum 2:0. Der Wiesauer, heute 73 Jahre alt, wurde 1972 in die Bayernauswahl berufen und die testete kurz vor den Olympischen Spielen die deutsche Olympiaauswahl. „Wir haben am Ende noch 2:3 verloren“, erinnert sich Dürrschmidt. Die „Olympioniken“ trainierte damals der spätere Bundestrainer Jupp Derwall. Das Spiel fand vor leeren Rängen statt. „Die Olympiaauswahl sollte sich wohl vor dem Turnier an die Gegebenheiten im Stadion gewöhnen“, vermutet Dürrschmidt.

Drei Jahre später lief der Oberpfälzer dann vor vollem Olympiastadion auf. Mit Bayern Hof trat er im Zweitligaspiel bei 1860 an. Für Dürrschmidt ein unvergessliches Erlebnis: „Ich studierte ja damals Architektur, und von daher gesehen ist das schon ein gigantisches Stadion.“ Der ein oder andere Blick des Liberos ging hoch in die Glasdachkonstruktion, dennoch blieb er konzentriert und die Hofer versauten den „Löwen“ mit dem 0:0 den Bundesliga-Aufstieg. Obwohl ihn das Ambiente wahnsinnig beeindruckte, war er nach den 90 Minuten auch etwas enttäuscht: „Da waren 70000 im Stadion, aber keine rechte Stimmung. Man muss ja schon über etliche Bahnen laufen, um auf die Zuschauerränge zu kommen.“

Vier Mal Gerd Müller zum Auftakt

Albert Üblacker war als Funktionär mit dem 1. FC Nürnberg einige Male im Olympiastadion. Seine beeindruckendsten Erlebnisse rühren aber aus den Anfangsjahren des Olympiaparks. „Ich war beim ersten Spiel im Stadion dabei“, erzählt der Mann aus Falkenberg (Kreis Tirschenreuth), der zwischen 1996 und 2000 Betreuer bei der Profimannschaft des FCN war. Als junger Polizist war er bei dem bedeutenden Ereignis im Einsatz. „80000 haben sie damals noch ins Stadion gelassen“, hat der 68-Jährige die Bilder auch knapp 50 Jahre später noch vor Augen. „Viermal Müller, Gegentor Kolotow“, kommt es wie aus der Pistole geschossen, wenn man ihn nach den Torschützen beim 4:1 am 26. Mai 1972 gegen Russland fragt. Nur wenige Wochen später war die Jugend der Welt in Bayerns Landeshauptstadt zu Gast. Auch bei den Wettkämpfen war Üblacker dabei. „Als junger Polizist die Olympiade miterleben zu dürfen, war schon was Besonderes.“ Die Atmosphäre im Stadion? „Imposant und gewaltig.“ Immer wieder kam der Nordoberpfälzer hierher: „Ich hatte immer Gänsehaut, wenn ich da reingegangen bin.“ Einmal war er aber richtig frustriert: als er als Club-Betreuer miterleben musste, wie der FCN das nach dem Phantom-Tor Helmers angesetzte Wiederholungsspiel verlor – und abstieg.

Als der Amberger Alexander Bugera (42) seine ersten Erfahrungen mit dem Stadion machte, war er gerade mal 14 Jahre alt. „Ich war Mitglied in der Bayernauswahl und da waren wir mal als Balljungen im Einsatz. Es war nicht irgendein Spiel: Die Partie hieß Olympique Marseille gegen AC Mailand – und war das erste Endspiel der Champions-League (bis dahin Europapokal der Landesmeister). „Ich habe dort Rudi Völler quasi die Bälle zugeworfen“, erinnert sich Bugera. Völler war damals Star bei Marseille und holte den Henkelpott.

Woanders stimmungsvoller

Bugera absolvierte später drei Spiele für den FC Bayern. „Mein zweites war gegen Wolfsburg im Olympiastadion.“ Und auch bei einem Derby gegen 1860 war er Ersatzspieler. „Ich wurde damals noch am Abend vor dem Spiel von Amberg nach München beordert, weil ein Spieler ausgefallen war.“ Das Flair im Olympiastadion sei schon etwas Besonderes gewesen, aber auch er sagt, stimmungsvoller sei es woanders gewesen: „In Dortmund, in Kaiserslautern, da hat die Hütte gebrannt.“ Für die „Betze-Buben“ spielte Bugera ja auch viele Jahre.

Ex-Fußballprofi Peter Zeiler (50), wie Bugera ein Amberger, hatte Ende der 1990er Jahre ein besonderes Erlebnis im Olympiastadion. „Ich spielte damals bei einem Benefizspiel gegen eine ausländische Auswahl mit.“ Die Kombination des heimischen Teams war außergewöhnlich: die eine Hälfte Sechziger-, die andere Hälfte Bayern-Spieler. Später, als Zeiler von 1860 zu Unterhaching gewechselt war, lief er auch noch einmal unterm Olympiaturm auf. Im Spiel gegen die „Löwen“ wurde er eingewechselt. Auch Zeiler schielte immer wieder hoch unters Glasdach. „Das Stadion macht brutal was her.“ Und, so sagt er augenzwinkernd, auch in diesem Stadion könne richtig Stimmung sein. „Da müssen nur die richtigen Leute drin sein.“ Na, stichelt da ein Ex-Blauer gegen die Roten?

Das Olympiastadion: Arbeitsplatz von René Vollath

Schwandorf

"Das Stadion macht brutal was her."

Peter Zeiler aus Amberg, einst bei 1860 München und der SpVgg Unterhaching

Peter Zeiler aus Amberg, einst bei 1860 München und der SpVgg Unterhaching

„Das sind Momente, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde.“

Michael Köllner, Trainer des TSV 1860 München aus Fuchsmühl (Landkreis Tirschenreuth)

Michael Köllner, Trainer des TSV 1860 München aus Fuchsmühl (Landkreis Tirschenreuth)

"Ich habe dort Rudi Völler quasi die Bälle zugeworfen“

Alexander Bugera, Ex-Profi des FC Bayern aus Amberg

Alexander Bugera, Ex-Profi des FC Bayern aus Amberg

"Da waren 70000 im Stadion, aber keine rechte Stimmung."

Franz Dürrschmidt, Ex-Spieler beim FC Bayern Hof und FC Augsburg, aus Wiesau

Franz Dürrschmidt, Ex-Spieler beim FC Bayern Hof und FC Augsburg, aus Wiesau

„Es ist absolut etwas besonderes, hier zu spielen“

René Vollath, aus Schwandorf stammender Torwart von Türkgücü München

René Vollath, aus Schwandorf stammender Torwart von Türkgücü München

„Ich hatte immer Gänsehaut, wenn ich da reingegangen bin.“

Albert Üblacker, Ex-Funktionär des 1. FC Nürnberg, aus Falkenberg

Albert Üblacker, Ex-Funktionär des 1. FC Nürnberg, aus Falkenberg

Info:

Das Olympiastadion München

  • Eigentümer: Landeshauptstadt München
  • Betreiber: Olympiapark München GmbH
  • Baubeginn: 9. Juni 1969
  • Eröffnung: 26. Mai 1972
  • Erstes Spiel; 26. Mai 1972
  • Renovierungen: 2010 bis 2011
  • Kosten: 137 Mio. DM
  • Architekt: Behnisch & Partner
  • Kapazität 69250 Plätze

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