22.11.2021 - 16:26 Uhr
RegensburgSport

Ex-Geschäftsführer Christian Keller: Rückblick auf die Zeit beim SSV Jahn

Seit Anfang November ist Christian Keller nicht mehr Geschäftsführer beim SSV Jahn Regensburg. Oberpfalz-Medien konfrontierte ihn zum Abschied mit Schlagworten aus seiner siebenjährigen Amtszeit in der Oberpfalz.

Ein seltener Schnappschuss: Christian Keller (rechts) erschien 2017 zur Aufstiegsfeier des SSV Jahn Regensburg in die 2. Bundesliga in Tracht auf dem Haidplatz. Neben ihm die Jahn-Aufstiegshelden Markus Palionis (Mitte) und Alexander Nandzik.
von Fabian Leeb Kontakt Profil
  • Christian Keller über Mersad Selimbegovic

„Mersad Selimbegovic ist ein Sinnbild für die Jahn-Werte und genauso auch für die Jahn-Entwicklung. Er hat sich vom No-Name zu einem Top-Zweitliga-Trainer entwickelt, ist mit großer Charakterstärke ausgestattet und damit eine 1A-Lösung für den SSV Jahn. Mersad zum Chef-Trainer zu ernennen, war die sicherste Trainer-Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Wenn man die Entwicklung der Jahnelf unter seiner Leitung mitverfolgt, wird diese Aussage nun auch für Außenstehende nachvollziehbar.“

  • ... über das eine Jahr in der Regionalliga

„Natürlich hätten wir uns die Teilnahme an der Regionalliga Bayern in der Saison 2015/16 gerne erspart – auch wenn es eine attraktive Liga mit vielen sehr gut geführten Amateurklubs und schönen Amateurstadien war und bis heute ist. Als SSV Jahn hatten wir damals mit unserem just zum Abstiegszeitpunkt eröffneten neuen Stadion sicherlich andere Ziele als in der Regionalliga zu spielen. Trotzdem haben wir diese Herausforderung angenommen, uns wenn auch mit zwischenzeitlichen Rückschlägen sportlich zum größten Teil sehr solide präsentiert und sind am Saisonende schließlich auch verdient Meister geworden. Sehr wichtig war uns damals auch, den kleineren Vereinen in der Regionalliga Bayern immer auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen. Auch das haben wir meines Erachtens gut gemeistert.“

  • ... über das Urgestein Oliver Hein

„Oli Hein ist der Prototyp des Jahn-Spielers. Ich habe einmal in einem Interview gesagt: ‚Wenn ich mir einen Spieler backen könnte, dann würden mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr, sehr viele Eigenschaften von Oli Hein als Zutat dabei sein‘. Er hat Clubtreue und Clubidentifikation gezeigt, wie man sie im heutigen Profifußball kaum mehr erlebt. Gerade in seinen Anfangsjahren, bevor die vielen schweren Verletzungen kamen, hatte Oli mehrfach die Option, den SSV Jahn zu verlassen und besser dotierte, höherklassige Angebote wahrzunehmen. Er hat diese Angebote immer abgelehnt, weil für Oli stets klar war, dass ihn Geld und Status niemals antreiben werden. Wesentlich war für ihn, bei einer Entwicklung mitwirken und seinen Beitrag zu dieser Entwicklung leisten zu können. Das hat er beim SSV Jahn auch in formidabler Weise getan. Oli Hein ist dadurch mit Sicherheit die Jahn-Spielerlegende der Neuzeit schlechthin.“

  • ... über das Jahnstadion Regensburg

"Das neue Jahnstadion Regensburg ist seit Juli 2015 nicht nur die neue Heimat des SSV Jahn und der Jahnfans, sondern auch wichtiger Katalysator für die Entwicklung des SSV Jahn in den vergangenen Jahren. Zwar stand das alte Jahnstadion an der Prüfeninger Straße zweifelsfrei für eine lange Fußballtradition und auch für ein hohes Maß an Fußballkultur, war aber einfach nicht mehr zeitgemäß und tauglich für die Herausforderungen des heutigen Profifußballs. Moderne Vermarktungsoptionen, hinreichende Hospitality-Angebote, gute An- und Abreiselogistik, angemessenen Aufenthaltskomfort und andere Dinge mehr konnte das alte Jahnstadion nicht mehr bieten. Deshalb waren und sind wir beim SSV Jahn äußerst dankbar, dass die Stadt Regensburg mit dem Bau des neuen Jahnstadions eine zukunftsweisende Investition in den weichen Standortfaktor Profifußball getätigt hat.“

  • ... über Achim Beierlorzer

„Bis heute ist Achim für mich ein sehr geschätzter Ansprechpartner. Über die zwei Jahre der Zusammenarbeit hat sich eine freundschaftliche Beziehung entwickelt – bei aller beruflich notwendigen kritischen Distanz zwischen Chef-Trainer und Geschäftsführer. Es war im Sommer 2017 eine sehr gute Entscheidung, ihn als Trainer zum Jahn zu holen. Achim hat unsere ersten beiden erfolgreichen Zweiliga-Jahre entscheidend mitgeprägt. Unter seiner Regie – das darf man nie vergessen – hat der SSV Jahn zum ersten Mal überhaupt in seiner Historie den Klassenerhalt in der 2. Liga realisiert und diese Leistung in der Folgesaison nochmals wiederholt. Das heißt, dass Achim Beierlorzer dazu beigetragen hat, dass der Jahn Historisches leisten konnte.“

  • ... über die Relegationsspiele 2017 gegen den TSV 1860 München

„Die rote Wand aus über 7.000 frenetischen Jahnfans beim Relegationsrückspiel in der Allianz Arena wird unvergessen bleiben. Aber nicht nur die Jahnfans, auch die Jahnelf war damals herausragend. Mit einer sehr guten Leistung im Hinspiel und einer sensationellen Leistung im Rückspiel konnte sich unsere No-Name-Truppe gegen die starbesetzte Mannschaft von 1860, die ganz andere Ambitionen hatte und eigentlich in die 1. Bundesliga aufsteigen wollte, vollkommen verdient durchsetzen. Mit diesem Aufstieg haben wir beim SSV Jahn im Sinne unseres damaligen Jahresmottos Grenzen verschoben, was für viele davor nicht vorstellbar gewesen ist.“

  • ... über Thomas Stratos

„Thomas Stratos hatte als erster Trainer während meiner Amtszeit in der Saison 2013/14 eine schwere Aufgabe übernommen. Zahlreiche Spieler des Kaders waren mit sehr wenig bis keiner Erfahrung im Profifußball ausgestattet. Dennoch hat es Thomas damals geschafft, der Mannschaft eine klare Handschrift zu geben. Wir haben dadurch trotz unserer im Wettbewerbsvergleich unterdurchschnittlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten sportlich souverän die Klasse in der 3. Liga gehalten. Nach dem einen Jahr haben sich unsere Wege dann getrennt. Die Spielidee, die wir für eine erfolgreiche Zukunft des SSV Jahn implementieren wollten, war nicht konform zur Ausrichtung von Thomas. Die Entscheidung zur Nicht-Verlängerung seines Vertrages war insofern nur folgerichtig. Trotzdem hat Thomas in diesem einen Jahr einen guten Job gemacht, sonst hätten wir mit diesem Kader nicht so souverän die Liga halten können.“

  • ... über die Hans-Jakob-Tribüne und die treuesten Jahnfans

„Die Jahnfans sind der Unterstützer der Jahnelf in allen Lagen des Spiels. Sie haben in den vergangenen Jahren ein sehr großes Feingefühl bewiesen, um entsprechend auf Spiellagen zu reagieren und die Mannschaft, auch und gerade wenn es mal nicht so läuft, entsprechend zu pushen. Gleichzeitig ist die Hans-Jakob-Tribüne bei den gegnerischen Teams gefürchtet. Wenn man sich vor Augen führt, wie viele große Vereine in den vergangenen Jahren im Jahnstadion Regensburg auch vor der Stimmungsgewalt der Hans-Jakob-Tribüne untergegangen sind, dann spricht das für die Jahnfans. Ich würde mir deshalb sehr wünschen, dass das Zusammenspiel zwischen den Jahnfans und der Jahnelf auch in den kommenden Jahren so perfekt harmoniert wie das die letzten Jahre der Fall war.“

  • ... über den Durchmarsch von der Regionalliga in die 2. Bundesliga

„Der direkte Wiederaufstieg von der Regionalliga in die 3. Liga in 2015/16 war auf jeden Fall schon eine tolle Geschichte. Im Endeffekt war es aber ein Pflichtaufstieg. Danach, also vor Saisonbeginn 2016/17, war sicherlich nicht zu erwarten, dass wir in der 3. Liga direkt so gut ankommen werden, dass uns der Sprung auf den dritten Platz und damit die erneute Qualifikation zur Relegation gelingen würde. Andererseits haben wir dann nach den ersten Saisonspielen ziemlich schnell festgestellt, dass wir uns vor niemanden in dieser Liga zu verstecken brauchen. Wir hatten einen sehr guten, wettbewerbsfähigen Kader zusammen. In der Winterpause gab es dann im Innenverhältnis die relativ deutliche Ansage, dass wir bis zum Saisonende ganz vorne mit dabei sein wollen. Das hat dann erfreulicherweise auch geklappt. Die anschließenden erfolgreichen Relegationsspiele gegen 1860 München waren ein unvergessliches Highlight."

  • ... über den dienstältesten Jahn-Profi Sebastian Nachreiner

„Analog zu Oli Hein ist Sebastian Nachreiner eine Identifikationsfigur mit extremer Treue und Loyalität zum SSV Jahn. Sebastian ist mittlerweile auch Jahn-Rekordspieler in der 2. Bundesliga. Niemand hat so viele hochklassige Spiele für den Jahn absolviert wie Sebastian Nachreiner. Er hatte oft schwere Verletzungen, ist aber immer wieder zurückgekommen und hat sich dann auch immer wieder seinen Stammplatz zurückgekämpft. Sebastian ist zudem ein sehr kluger Kopf abseits des Platzes und darf sich bald hoffentlich Dr. Nachreiner schimpfen. Deshalb gilt für Sebastian genau das Gleiche wie für Oli: Mit solchen Spielern ist Entwicklung möglich. Das sind großartige Jungs."

  • ... über das neue Funktionsgebäude am Kaulbachweg

„Das neue Funktionsgebäude und das Trainingsgelände am Kaulbachweg insgesamt sind ein in Stein gemeißeltes Symbol für die positive Entwicklung des SSV Jahn. Alles, was am Kaulbachweg entstanden ist, wurde vollständig aus Eigenmitteln finanziert, mit viel Herzblut von den beteiligten Baupartnern erschaffen, ist hochmodern und bietet beste Rahmenbedingungen für professionellen Fußball. Insgesamt macht es uns alle sehr stolz, dass wir am Kaulbachweg aus einem ehemals grundmaroden mittlerweile ein hoch professionelles Trainingsgelände entwickeln konnten.“

  • ... über Heiko Herrlich

„Heiko Herrlich ist unser doppelter Aufstiegstrainer. Ein Trainer mit sehr viel Siegermentalität, der unserer Mannschaft damals sehr gut getan hat, weil er sie immer wieder aus der Komfortzone geholt hat. Mitunter hatte Heiko auch ungewöhnliche Ideen und Ansätze und wurde dafür damit belohnt, dass er doppelt hintereinander aufgestiegen ist. Heiko wird deshalb mit Sicherheit für immer seinen Platz in den Jahn-Geschichtsbüchern haben.“

  • ... über sein "Abschiedsspiel" gegen den FC Ingolstadt

„Tatsächlich war es der Moment, in dem mir mein Abschied zum ersten Mal auch emotional sehr bewusst geworden ist. Zuvor hatte ich es immer wieder erfolgreich verdrängt gehabt, dass die Zeit beim Jahn zu Ende geht. Der 3:0-Sieg war dann natürlich ein perfekter Abschluss. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die Mannschaft mich vor der Fankurve hat hochleben lassen und ich mich auf diese Weise von den Jahnfans verabschieden konnte. Es war eine große Ehre, dass mich die Jahnfans vor der Kurve gefeiert haben. Gleichzeitig war es mir aber auch etwas unangenehm, was mir wohl deutlich anzumerken war. Ich betrat vor dem Fanblock ein Terrain, das meiner Meinung nach eigentlich ausschließlich den Protagonisten auf dem Platz vorbehalten sein sollte.“

Jahn-Keeper Alexander Meyer spricht im Interview über den Regensburger Höhenflug in der 2. Bundesliga

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Hintergrund:

Zur Person: Das ist Christian Keller

  • Geboren 1978 in Donaueschingen
  • 2008 promovierte Keller an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Das Dissertationsthema lautete „Steuerung von Fußballunternehmen – finanziellen und sportlichen Erfolg langfristig gestalten“
  • Aufgrund einer schweren Knieverletzung musste der damals 18-jährige Mittelfeldspieler seine aktive Karriere frühzeitig beenden
  • Keller ist in Besitz der Trainer-A-Lizenz des Deutschen Fußball-Bundes
  • Ab Dezember 2009 arbeitete Keller für sechs Monate beim SSV Jahn Regensburg als Mitarbeiter einer Beratungsfirma, die den Verein finanziell sanierte. In derselben Funktion war er unter anderem auch bei der SpVgg Bayreuth und dem TSV 1860 München tätig
  • Nach dem Abstieg des SSV Jahn aus der 2. Bundesliga wurde Keller im August 2013 als Nachfolger von Franz Gerber neuer Geschäftsführer sowie Sportlicher Leiter

 

 

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