18.08.2021 - 08:03 Uhr
RegensburgSport

Jahn Regensburgs Keeper Alexander Meyer: "Wir sind jetzt kaltschnäuziger, abgezockter"

Der SSV Jahn Regensburg thront als Überraschungsmannschaft auf Platz 1 der 2. Fußball-Bundesliga. Torwart Alexander Meyer spricht im Interview über die Gründe für den Höhenflug, das kommende Spiel gegen den FC Schalke sowie seine Zukunft.

Da ist kein Vorbeikommen: Jahn-Torwart Alexander Meyer hat den Regensburger Kasten in der aktuellen Spielzeit in drei Partien noch sauber gehalten.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

ONETZ: 3 Spiele, 3 Siege, 8:0 Tore: Traumstart in der 2. Liga für den SSV Jahn. Und ist es wegen der weißen Weste auch ein brillanter Auftakt speziell für den Regensburger Keeper?

Alexander Meyer: Auf alle Fälle, und zwar nicht nur wegen der Siege, sondern auch wegen der Art und Weise, wie wir gespielt haben. Wir haben auch im Pokal kein Gegentor kassiert, das sagt schon etwas aus. Wir wollen den Schwung mitnehmen und die Serie gerne weiter ausbauen, wissen die Ergebnisse aber auch entsprechend einzuordnen.

ONETZ: Es gibt zwei Sichtweisen auf den Regensburger Saisonstart: Darmstadt war Corona-geschwächt, Sandhausen sollte man zu Hause schlagen, und Kiel kam mit einer Formkrise zum richtigen Zeitpunkt. Oder aber, der Jahn ist in dieser Spielzeit tatsächlich so viel stärker, hat einen Schritt nach vorne gemacht und die Defizite aus der Vorsaison abgestellt. Welche These würden Sie unterschreiben?

Alexander Meyer: Ganz klar die zweite. Wir haben aus den Erfahrungen der letzten Saison gelernt, als wir bis zum letzten Spieltag um den Ligaverbleib zittern mussten. Das haben wir zum Teil nicht verstanden, weil wir eigentlich auch ordentlich gespielt haben, oftmals ebenbürtig waren. Allerdings hatten wir für den hohen Aufwand, den wir betrieben haben, zu wenig Ertrag. Dies lag an der Chancenverwertung, am Herausspielen von Torchancen oder auch an der Vielzahl an individuellen Fehlern. Da haben wir uns in jedem Fall gesteigert, sind jetzt kaltschnäuziger, abgezockter im Abschluss. Das hat man beispielsweise auch in Kiel gesehen, dass wir nicht viele Chancen für Tore brauchen.

ONETZ: Sie sind aktuell in die „Kicker-Elf der Woche“ berufen worden. Nehmen Sie so etwas zur Kenntnis? Freut Sie eine derartige Auszeichnung?

Alexander Meyer: Ja doch, der „Kicker“ ist für Fußballer durchaus ein wichtiges Medium. Und dort eine gute Benotung zu bekommen, freut mich natürlich. Aber ich hinterfrage und analysiere meine Leistung immer, bin sehr selbstkritisch, völlig unabhängig, ob ich nun in der „Kicker-Elf der Woche“ bin oder nicht.

ONETZ: Als Torhüter ist man oft das letzte Glied im Defensivverbund, nicht selten auch – Entschuldigung – das ärmste Schwein. In dieser Saison steht aber bislang noch die 0 bei den Gegentoren. Was macht die Jahn-Defensive bislang besonders gut? Warum ist die Defensive so stabil?

Alexander Meyer: Ich glaube, wir waren bereits in der letzten Saison gemeinsam mit Fortuna Düsseldorf das Team mit den meisten Zu-Null-Spielen (Anm. d. Red.: 11). Also verteidigt haben wir meistens sehr ordentlich, was bei uns schon vorne mit dem Anlaufen anfängt. Aber wir haben in der Defensive mit Steve Breitkreutz und seiner Erfahrung noch einmal an Qualität dazugewonnen. Oder auch Konni Faber hat Benedikt Saller als Rechtsverteidiger gut ersetzt. Natürlich gilt es diese Leistung aber auch jederzeit abzurufen und im Training tagtäglich an Details zu arbeiten.

ONETZ: Mit Steve Breitkreutz und Scott Kennedy spielt eine neuformierte Innenverteidigung vor Ihnen. Wie wichtig sind hier eine stabile Achse, gewohnte Abläufe?

Alexander Meyer: Eingespieltheit ist sowohl in der Defensive als auch in der Offensive immer von Vorteil. Auch letzte Saison hat es mit Jan Elvedi und Sebastian Nachreiner vor mir sehr gut funktioniert. Diese Jungs sind jetzt gerade hintendran, Elvedi etwa hatte eine schwere Verletzung am Ende der vergangenen Saison, für die läuft es jetzt nicht so, wie sie sich das erhofft hatten. Aber gerade auf der Position der Innenverteidiger haben wir große Qualität, auch in der zweiten Reihe, da kann jeder jederzeit spielen. Ich habe vollstes Vertrauen, egal, ob jetzt Kennedy und Breitkreutz oder Elvedi und Nachreiner vor mir spielen.

ONETZ: Auffällig ist auch die neue Qualität im Torabschluss. Lag darauf ein Schwerpunkt in der Vorbereitung?

Alexander Meyer: Nein, kein spezieller Schwerpunkt. Wir wussten, was unser Manko in der Vorsaison war, dass wir zu wenig Tore geschossen haben, und dass wir uns da viel mehr belohnen müssen. Das war schon kräftezehrend, vor allem zum Ende der Saison, mit den ganzen Reisen, Corona und dem steigenden Druck im Abstiegskampf. Da hat jeder Spieler seine Lehren draus gezogen und in der Vorbereitung von Anfang an richtig Gas gegeben, weil wir auch wussten, dass die Liga nicht gerade leichter wird. Da gehen wir von Tag eins in der Vorbereitung den richtigen Weg und sind nie zufrieden.

ONETZ: Mitverantwortlich für die neue Offensivpower ist der aktuelle Topscorer Sarpreet Singh, die Leihgabe vom FC Bayern. Wie nehmen Sie ihn wahr, über welche Eigenschaften verfügt er, die dem Spiel des SSV Jahn besonders guttun?

Alexander Meyer: Sarpreet ist technisch sehr stark. Man sieht das häufig am ersten Kontakt, der sehr sauber ist, an seiner Spielfortsetzung, am Spielverständnis. Da versteht jeder, dass der FC Bayern diesen Spieler nicht umsonst aus Neuseeland geholt hat, das hat schon alles Hand und Fuß. Zudem schlägt er sehr gute Standards. Ein richtig feines Füßchen.

ONETZ: Zwei weitere Spieler rücken derzeit vermehrt in den Fokus: Kapitän Benedikt Gimber und Max Besuschkow, die beiden Pferdelungen im zentralen Mittelfeld, haben scheinbar ihren Torriecher entdeckt. Müssen Sie sich da manchmal die Augen reiben, dass die aktuell scheinbar treffen, wie sie wollen?

Alexander Meyer: Das ist schon eine tolle Geschichte. Im Training treffen sie auch häufiger, und da habe ich hin und wieder mit ihnen gescherzt, dass ich so etwas auch endlich einmal im Spiel sehen will. Ich glaube, dass auch diese beiden Spieler einfach den nächsten Schritt gemacht haben und als eigentlich defensive Mittelfeldspieler ihre Chancen vorm Tor eiskalt verwerten.

ONETZ: Auch wenn vieles anders zu sein scheint: Der Trainer ist mit Mersad Selimbegovic noch immer der gleiche. Hat er sich in irgendeiner Form verändert? Im Training, in der Spielvorbereitung, in der Gegneranalyse?

Alexander Meyer: Seit ich hier bin, ist er immer der gleiche. Ganz egal, ob wir jetzt erfolgreich sind oder eine Phase haben, wo es nicht so gut läuft. Das zeichnet ihn auch aus, dass er da seinen Prinzipien treu bleibt, dass er nicht Aktionismus versprühen oder zwanghaft etwas verändern will. Das ist auch wichtig, dass wir eine gewisse Konstanz haben, dass wir uns nicht von unserem Weg abbringen lassen, auch wenn wir ein paar Spiele in Folge nicht erfolgreich gestalten können.

ONETZ: Kleiner Blick in die Statistik: Ihr seid in Kiel mehr als fünf Kilometer mehr gelaufen als der Gegner. Seid ihr aktuell vielleicht einfach fitter als andere Mannschaften?

Alexander Meyer: Das würde ich so nicht sagen. Wir betreiben durch unseren Spielstil mit dem intensiven Pressing schon immer einen sehr hohen Aufwand. Seit ich hier bin, gehören wir immer zu den Mannschaften in der Liga, die am meisten Kilometer abspulen. Aber das heißt nicht, dass das Team, das am meisten läuft, auch immer das Spiel gewinnt. Das haben wir in der vergangenen Saison leidlich erfahren müssen. Grundlage für unser Spiel wird es immer sein, dass wir die Bereitschaft haben, die Wege auch machen zu wollen.

ONETZ: Am Samstag kommt der FC Schalke 04 ins Jahnstadion. Der Erste empfängt den Neunten. Nehmen Sie die Favoritenrolle an?

Alexander Meyer: (lacht) Das war klar, dass so etwas jetzt kommt. Aber wir wissen alle, dass es eigentlich unglaublich ist, hier in Regensburg gegen Schalke zu spielen. Leider nicht vor vollem Haus, weil auch Schalke viele Anhänger mitbringen würde. Schalke ist ein großer Traditionsverein in Deutschland, der unbedingt wieder aufsteigen will, und daher auch am Samstag der Favorit sein wird. Wir wissen, dass wir in einer komfortablen Situation sind, noch ohne Niederlage und Gegentor, bereiten uns aber völlig unabhängig vom Gegner vor und wollen auch da wieder unser Spiel durchdrücken.

ONETZ: Kommen wir noch zu Ihnen persönlich, Sie spielen Ihre dritte Saison beim Jahn. Haben Sie als 30-jähriges Nordlicht Ihr sportliches Glück in Regensburg gefunden?

Alexander Meyer: Wenn man auf meine bisherige Karriere blickt, kann man schon sagen, dass der Wechsel nach Regensburg die richtige Entscheidung war. Ich fühle mich hier sehr wohl und was mir am wichtigsten ist, ich bin hier verletzungsfrei geblieben. Dennoch ist mein Ziel noch immer, das Maximum zu erreichen und Bundesliga zu spielen. Ich bin jetzt in einem guten Alter, als Torwart kann ich noch länger spielen.

ONETZ: Da dürfte es Ihnen in die Karten spielen, dass Sie in der Vorsaison neben herausragenden Leistungen in der Liga als Elfmeterkiller im DFB-Pokal für Aufsehen gesorgt haben. Gab es konkrete Anfragen aus der Bundesliga oder von internationalen Erstligisten?

Alexander Meyer: Aus der Bundesliga jetzt speziell nicht, aber aus dem Ausland hatte ich schon Anfragen auf dem Tisch. Aber da gehören immer viele Sachen dazu, zudem habe ich noch Vertrag beim Jahn. Aber klar habe ich das genossen, als ich gerade in den Elfmeterschießen im Pokal oft im Fokus gestanden habe.

ONETZ: Ihr Vertrag in Regensburg läuft am Saisonende aus. Wie ist da der Stand der Dinge? Gibt es schon eine Tendenz?

Alexander Meyer: Da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, auch noch keine Gespräche geführt. Für mich steht jetzt zunächst im Vordergrund, meine persönliche Saison, aber auch die mit dem Team erfolgreicher zu gestalten als zuletzt. Dann bleibt noch genügend Zeit zu schauen, wie es in der nächsten Spielzeit weitergeht.

In der Landesliga Mitte düpierte der SV Neusorg vor 24 Jahren den SSV Jahn Regensburg

Neusorg
Auch in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Rot-Weiß Koblenz (3:0) hielt Alexander Meyer (rechts) alles, was auch nur in die Nähe des Jahn-Tores kam.
Hintergrund:

Zur Person: Das ist Alexander Meyer

  • Geboren am 13. April 1992 in Bad Oldesloe
  • Bisherige Vereine: Jugend und zweite Mannschaft beim Hamburger SV (2005 bis 2012), TSV Havelse (2012 bis 2016), Energie Cottbus (2016/17), VfB Stuttgart (2017 bis 2019), seit 2019 beim SSV Jahn Regensburg
  • In bislang 67 Spielen für die Oberpfälzer kassierte Meyer 93 Gegentore
  • In der vergangenen Saison im DFB-Pokal, als der SSV Jahn ins Viertelfinale vorstieß, rückte Meyer als Elfmeterkiller in den nationalen Fokus: Gegen den 1. FC Kaiserslautern, den SV Wehen Wiesbaden und den 1. FC Köln parierte er insgesamt vier Strafstöße
  • Sein Vertrag beim SSV Jahn läuft noch bis zum Ende der aktuellen Saison 2021/22

"Das war klar, das so etwas jetzt kommt. Aber wir wissen alle, dass es eigentlich unglaublich ist, hier in Regensburg gegen Schalke zu spielen."

Alexander Meyer auf die Frage, ob der SSV Jahn als Tabellenführer auch favorisiert ins Spiel gegen Schalke geht

 

 

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