Der SSV Jahn Regensburg kennt dieses Szenario: 2017 verabschiedete sich Trainer Heiko Herrlich mitten im Hochgefühl des Zweitliga-Aufstiegs in Richtung Bayer Leverkusen. Geschäftsführer Christian Keller zauberte mit Achim Beierlorzer einen bis dato wenig in Erscheinung getretenen No-Name-Trainer aus dem Hut – und landete, allen vorlauten Abgesängen zum Trotz, einen Volltreffer. Es folgten zwei erfolgreiche Spielzeiten im deutschen Unterhaus fern jeglicher Abstiegssorgen und ein mitunter begeisternd aufspielendes Team, das einer klaren Spielidee folgte. Und vor der am Wochenende beginnenden Zweitliga-Spielzeit 2019/20 daheim gegen den VfL Bochum (Sonntag um 15.30 Uhr) erleben die Oberpfälzer ein Déjà-vu: Nun ist Beierlorzer Geschichte. Der Franke lässt künftig den 1. FC Köln sein markantes Balljagdspiel Leipziger Prägung in der Bundesliga aufführen. Wieder musste ein neuer Trainer her, wieder installierte Keller ein unbekanntes Gesicht: Mersad Selimbegovic wurde von Beierlorzers Co- zum Cheftrainer befördert. Das Jahn-Urgestein genießt vereinsintern einen ausgezeichneten Ruf. Ob das reicht, die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben? Immerhin will der neue Coach System (4-2-2-2) und Spielweise seines ehemaligen Chefs fortführen und mit eigenen Ideen garnieren. Erschwerend kommt diesmal aber hinzu, dass sich neben Beierlorzer auch etliche Stammspieler der Vorsaison in der Sommerpause verabschiedet haben. Der SSV Jahn im Kader-Check:
Tor
Der Langjährige Stammkeeper Philipp Pentke hat sich als Nummer zwei zur TSG Hoffenheim verabschiedet. Seine Nachfolge stellt eine der größten Baustellen für Selimbegovic dar. Neuzugang Alexander Meyer (vom VfB Stuttgart) sowie André Weis, der Pentke in der Schlussphase der vergangenen Saison schon vertreten durfte und dabei nicht immer fehlerfrei blieb, sowie Alexander Weidinger lieferten sich in der Vorbereitung einen Dreikampf. Legt man die letzten Testspiele gegen Hoffenheim und den FSV Mainz zugrunde, dürfte Meyer am Sonntag gegen Bochum beginnen. Allerdings muss er erst beweisen, dass er ein ähnlicher Rückhalt sein kann, wie es Pentke in den letzten Jahren war.
Abwehr
Aus der Viererkette der Vorsaison sind mit Innenverteidiger Asger Sörensen (über RB Salzburg zum 1. FC Nürnberg) und Linksverteidiger Jonas Föhrenbach (zurück zum SC Freiburg) zwei Säulen weggebrochen. Für Sörensen wurde Tim Knipping vom SV Sandhausen verpflichtet. Der 1,90 Meter große Linksfuß hätte perfekt als Nebenmann zum gesetzten Marcel Correia gepasst. Allerdings setzt Knipping ein Bandscheibenvorfall noch länger außer Gefecht, so dass Sebastian Nachreiner zum Zug kommen dürfte. Während es Föhrenbach zurück in den Breisgau zog, wählte Chima Okoroji den umgekehrten Weg. Der Jahn lieh den 22-Jährigen vom SC Freiburg für eine Spielzeit aus. Und Okoroji sollte hinten links Vorteile gegenüber Alexander Nandzik haben. Um die Rechtsverteidiger-Position duellieren sich Urgestein Oliver Hein sowie Benedikt Saller, wobei Letzterer das Rennen machen wird. Die Abwehr war und muss wieder das Prunkstück der Regensburger werden. Das wird eine der Hauptaufgaben für Selimbegovic.
Mittelfeld
In der Schaltzentrale im defensiven Mittelfeld wird der Nebenmann für Dauerläufer Andreas Geipl gesucht, nachdem Adrian Fein (vom FC Bayern an den HSV verliehen) sowie Maximilian Thalhammer (zurück zum FC Ingolstadt) nicht mehr mit dabei sind. Einen hervorragenden Eindruck hinterließ in den Vorbereitung Neuzugang Max Besuschkow, der von Eintracht Frankfurt in die Oberpfalz kam. Für Marc Lais und Neuling Tom Baack (VfL Bochum) dürfte nur die Rolle der Back-ups drin sein. Schwieriger stellt sich die Situation auf den beiden Flügelpositionen dar. Mit Sargis Adamyan hat der SSV Jahn einen seiner gefährlichsten Offensivkräfte an die TSG Hoffenheim verloren. Florian Heister (kam wie Adamyan vor zwei Jahren vom Regionalligisten TSV Steinbach) zeigte vielversprechende Ansätze, ein Stammplatz dürfte für den 22-Jährigen aber zu früh kommen. Da auch Julian-Maurice Derstroff mehr Joker sein wird, bilden gegen Bochum Jann George und Sebastian Stolze die Flügelzange. 15 Tore und elf Vorlagen steuerte Adamyan letzte Saison bei – an diese Marke sollten zumindest beide Außenspieler zusammen herankommen.
Sturm
Nach dem überraschenden Abgang von Hamadi Al Ghaddioui (elf Tore) zum VfB Stuttgart muss Kapitän Marco Grüttner (fast) alle Last im Sturmzentrum alleine schultern. Es ist (neben der Torhüterposition) die größte Baustelle, wer neben dem zwölffachen Torschützen der Vorsaison stürmt. Neuzugang Erik Wekesser (vom Regionalligisten Astoria Walldorf) fällt mit einem Außenbandanriss im Knie zum Saisonstart aus. Somit kämpfen Jan-Marc Schneider (vom FC St. Pauli) sowie der Däne Andreas Albers (von Viborg FF) um den freien Startplatz gegen Bochum. Setzt Selimbegovic mehr auf die Variante spielender Stürmer, dürfte Schneider beginnen, favorisiert er den Typ "Sturmkante", wäre der 1,93 Meter große Albers am Zug.
Fazit
Für den SSV Jahn Regensburg dürfte eine schwierige Saison ins Haus stehen. Zu schwer wiegt der qualitative Verlust sowie der Abgang von Beierlorzer. Ein guter Start wäre enorm wichtig, doch angesichts des mittelschweren Umbruchs muss man der neuformierten Mannschaft noch etwas Eingewöhnungszeit zugestehen. Ein ähnlich starkes Abschneiden wie in den beiden letzten Jahren (Platz fünf und Platz acht) erscheint aktuell zu vermessen. Der Klassenerhalt sollte aber ohne allzu große Sorgen drin sein. Außer der Jahn startet die nächste Überraschungssaison – es wäre nicht die erste.



















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