ONETZ: Haben Sie in Ihrer aktiven Zeit eigentlich auch mal am Weidener Wasserwerk gespielt?
Manuel Baum: Da kann ich mich noch gut erinnern. Mit Ismaning war ich zu Bayernliga-Zeiten da. Die Weidener hatten eine echt gute Truppe. Michael Ströll und Roy Stapelfeld haben hier gespielt. Ströll ist ja Geschäftsführer beim FC Augsburg, Stapelfeld kaufmännischer Leiter des NLZ. Da gab es zu meiner Augsburger Zeit natürlich einige Bezugspunkte. Und es gibt ein Bild des Spiels, wo wir alle drei drauf sind.
ONETZ: Sie waren lange im Nachwuchsbereich tätig, haben auch die deutsche U20-Auswahl trainiert. Haben Sie das Gefühl, dass wir in der Ausbildung der Fußballer in den letzten Jahren etwas falsch gemacht haben?
Manuel Baum: Ich finde schon, dass wir hierzulande viele talentierte Spieler haben. Die Herausforderung ist, aus Talent Qualität zu machen. Das kriegen wir oft nicht hin. Natürlich spielt auch das jetzige Freizeitverhalten eine Rolle. In anderen Ländern ist vielleicht der soziale Druck auch etwas größer. Da ist man vielleicht nicht gleich so satt, so bequem. Außerdem reduziert sich das Fußballspielen meist nur auf die Zeit im Training. Diese 3 bis 4 Stunden in der Woche reichen nicht aus, um Talente nachhaltig zu entwickeln.
ONETZ: Sie sind Trainer und Pädagoge? Die ideale Kombination?
Manuel Baum: Ein Trainer muss mittlerweile viele Kompetenzen mitbringen. Es ist schon förderlich, wenn man da ein Lehramtsstudium hat und du weißt, wie du methodisch, didaktisch Inhalte aufbereitest, wie du vermittelst. Oder wenn du weißt, wie man Spieler unterschiedlich behandeln muss. Dem einen muss man es sagen, dem anderen praktisch zeigen. Da kommt einem die Pädagogik schon zugute.
ONETZ: Viele sagen, um die Kinder beim Fußball zu halten, müsse man den Wettbewerbsdruck in jungen Jahren mindern. Auch der Verband geht da in diese Richtung ...
Manuel Baum: Ich bin kein Verfechter dieser Richtung, die Tabellen oder die Ergebnisse im Nachwuchsbereich abzuschaffen. Man muss unabhängig vom Fußball den Kindern Werte vermitteln, die sie ins Leben mitnehmen. Wenn du sagst, es gibt keine Konsequenz, ob du gewinnst oder verlierst, dann werde ich im Leben nicht lernen, mit Niederlagen umzugehen oder auch lösungsorientiert zu denken. Dann sage ich einfach: Das Spiel ist vorbei, ich gehe nach Hause.
ONETZ: Also sind Tabellen elementarer Bestandteil des Fußballs ...
Manuel Baum: Die Kinder wollen sich doch messen, wenn man sie fragt. Und wir gehen da in eine andere Richtung. Ich habe mit meinem Sohn Lionel vor einiger Zeit ein Turnier gespielt und da gabs keine Platzierungen. Die Kinder gingen dann nach Hause und fragten sich: Bin ich jetzt Dritter, Vierter oder was bin ich geworden Wenn die Kinder später ins Berufsleben kommen, geht es auch darum zu begreifen, dass man gemeinsam gewinnen und auch verlieren kann.
ONETZ: Ihr Engagement auf Schalke dauert im Jahr 2020 nur drei Monate. Haben Sie es bereut, bei diesem Verein, in dem es damals so viel Unruhe gab, angeheuert zu haben?
Manuel Baum: Ich wusste, das gehört dazu. Mir war wichtig, dass ich danach noch in den Spiegel schauen kann und dass ich das aus Überzeugung gemacht habe. Ich hinterfrage mich immer, aber ich stelle mich nicht infrage. Es hat Riesenspaß gemacht auf Schalke, auch wenn es nicht lange war. Leider waren zu der Zeit aus Corona-Gründen keine Fans im Stadion. Aber Schalke war etwas besonderes.
ONETZ: Derzeit sind Sie als Sky-Experte unterwegs. Halten Sie auch so den Kontakt zum Profigeschäft?
Manuel Baum: Man muss immer die Haltung haben, sich weiter- , sich fortzubilden. Ich kann im Übrigen mit dem Wort Ausbildung nicht viel anfangen. Das hat etwas Finales für mich. Als Experte habe ich die Möglichkeit, mich im Fernsehen tief mit der Materie zu beschäftigen. Da lernt man die ganze Zeit. Der Anspruch an mich ist immer, perfekt vorbereitet zu sein.
ONETZ: Fußball ist heute nicht nur Tor, Doppelpass oder Zweikampf. Wie wissenschaftlich darf Fußball sein?
Manuel Baum: Für mich wird Fußball immer komplexer, auch wenn es ein einfaches Spiel ist. Aber je mehr man weiß, umso kleinteiliger kann man etwas zerlegen. Und dann muss man überlegen, macht es Sinn, an den kleinteiligen Bereichen weiter zu schrauben, oder machen wir es zu komplex. Klar ist: Je mehr man weiß, umso mehr Begriffe gibt es auch. Aber wir müssen aufpassen, dass wir kein Inselwissen im Fußball entwickeln, wo der Fan dann nicht mehr dabei ist.
ONETZ: Würde Sie bei einer Rückkehr ins Trainergeschäft auch ein Zweitligist oder ambitionierter Drittligist reizen?
Manuel Baum: Mir geht es da ums Projekt, um die Leute, mit denen man zusammenarbeitet. Man kann doch nicht sagen, ich bin nur ein Erstligatrainer. Man ist Trainer oder man ist es nicht. Ich trainiere jetzt in München zusammen mit zwei Leuten die F-Jugend meines Sohnes Lionel. Ich mache das einmal die Woche und es macht Riesenspaß. Das sind sechs-, siebenjährige Jungs. Ich unterstütze da gerne, bringe mein Wissen ein. Das macht mir nichts aus, in der zweiten Reihe zu stehen (lacht).
ONETZ: Haben Sie eigentlich für den professionellen Fußball Ihre Beamtenstelle aufgegeben?
Manuel Baum: Nein, ich habe die Möglichkeit, ins Beamtentum zurückzukehren. Im Fußball ist es mittlerweile so, dass es keinen Trainerzyklus bis zur Pensionierung gibt. Man muss schauen, dass man sich auch parallel was aufbaut. Ich habe auch noch zwei Unternehmen: Das eine macht Spielanalysen für Sky, das andere beschäftigt sich mit Daten und Künstlicher Intelligenz im Fußball. Wenn du als Trainer drei, vier Vereine hattest, ist die Nachfrage nicht mehr so groß. Es kommen auch immer mehr neue Trainer dazu, die Zahl der Mannschaften bleibt gleich. Meine knapp 100 Bundesspiele als Trainer helfen mir natürlich auch in anderen Bereichen, wenn ich da etwas aufbaue.
ONETZ: Die Zahl der Trainerstellen ist begrenzt, die Konkurrenz ist groß. Tauschen Sie sich trotzdem mit Kollegen häufig aus?
Manuel Baum: Ich tausche mich mit Trainerkollegen, Sportdirektoren, Geschäftsführern aus. Ich gebe auch viele Fortbildungen, etwa beim österreichischen Verband für Erst- und Zweitligatrainer. Ich tausche mir gerne mit Kollegen aus. Wissen zu teilen ist besser Besitzstandswahrung.
ONETZ: Wie ist denn heute noch die Verbindung zu 1860 München, dem Klub, bei dem sie so lange waren?
Manuel Baum: Ich spiele heute noch manchmal in der Traditionsmannschaft. Ich habe drei Jahre dort in der Jugend gespielt, 12 Jahre war ich Trainer dort. 15 Jahre gehen nicht spurlos an einem vorüber.
ONETZ: Zum Abschluss nochmal eine Frage an den Pädagogen Baum: Wie würden Sie Ihren Schülern eine Ablösesumme von mehr als 100 Millionen Euro für einen Fußballer erklären? Ist das der Markt oder einfach nur Wahnsinn?
Manuel Baum: Diese Beträge sind natürlich nicht mehr greifbar. Es ist schwierig. Bei Neymar, Messi, Haaland oder Mbappé kauft man ja nicht nur einen Spieler, sondern eine ganze Marke. Und die Verantwortlichen wissen, dass sich durch den Trikotverkauf die Summen wieder amortisieren. So denken viele Vereine. Aber für mich ist Fußball immer noch Leidenschaft, ich bin da Fußball-Romantiker. Das Geld steht nicht im Vordergrund. Es ist auch bei vielen Profis nicht anders wie in unteren Ligen: Die ärgern sich genauso, wenn sie mal nicht spielen oder vier Spiele nicht getroffen haben.
Das ist Manuel Baum
- Geboren am 30. Augsut 1979 in Landshut, aufgewachsen in Dingolfing, wohnt jetzt in München.
- verheiratet, eine Tochter, einen Sohn.
- Studium der Sportwissenschaft an der TU München (Diplom); danach Lehramtsstudium: Realschullehrer (Sport, Wirtschaft/Recht, Buchführung); einige Jahre in Taufkirchen bei München an einer Realschule.
- Spieler: In der Jugend Torwart bei 1860 München. Im Seniorenbereich beim FC Ismaning und dem FC Unterföhring.
- Trainer: Zunächst Torwarttrainer bei 1860 München.
- Von 2011 bis 2014 bei der SpVgg Unterhaching: zunächst Co-Trainer unter Heiko Herrlich, später zusammen mit Claus Schromm auch Cheftrainer.
- Von 2014 bis 2016: Leiter Nachwuchsleistungszentrum des FC Augsburg und Trainer der zweiten Mannschaft (Regionalliga).
- Von Dezember 2016 bis April 2019: Cheftrainer der Bundesligamannschaft des FC Augsburg.
- Von Juli 2019 bis September 2020 Trainer der deutschen U20-Nationalmannschaft.
- Von September 2020 bis Dezember 2020 Cheftrainer der Bundesligamannschaft des FC Schalke 04 (Vertrag läuft bis Juni 2022).
- Derzeit Experte beim Bezahlsender Sky.
















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