09.03.2021 - 20:02 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Kommentar: "Högschden" Respekt für Jogi Löw

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Der angekündigte Rücktritt des deutschen Weltmeister-Trainers kommt zwar drei Jahre zu spät, ist aber dennoch noch einmal ein genialer, finaler Schachzug von Joachim Löw, kommentiert Sportredakteur Fabian Leeb.

Die WM 2018 in Russland bescherte Joachim Löw schöne Bilder auf der Strandpromenade von Sotschi. Sportlich allerdings brachte sie ihm mit dem Vorrunden-Aus die größte Enttäuschung der im Sommer endenden Ära ein.
von Fabian Leeb Kontakt Profil
Kommentar

Plötzlich ergibt alles Sinn: Die noch vor Wochen schwer verriegelte Tür zur Nationalelf ging für Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels wie von Geisterhand plötzlich doch wieder auf. Nun weiß das zuvor zwei Jahre lang verstoßene Trio, dass Bundestrainer Jogi Löw kein Bad im Brunnen der Vernunft genommen hatte. Er stieß die Tür bereits in dem Wissen auf, dass für ihn nach der EM 2021 und damit 15 langen Jahren im bedeutendsten Trainerjob Deutschlands Schluss sein wird. Dem Weltmeister-Coach von 2014 gebührt "högschder" Respekt für seine historischen Verdienste um den deutschen Fußball, genauso wie für diesen Schritt – nur kommt er drei Jahre zu spät.

Nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland war die Zeit für den ewigen Bundes-Jogi bereits abgelaufen. Seitdem hat die Nationalelf zwei Jahre ihrer Entwicklung vergeudet, die Unwägbarkeiten des Pandemiejahres seien ausgeklammert. Der vielzitierte Neuaufbau nach dem Totalcrash von Watutinki war in der Verantwortung eines ermüdeten, ausgelaugten Fußballlehrers von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nicht nur den deutschen Elitekickern ging viel der, vor allem seit der spielerischen Neubelebung 2010, erworbenen Reputation flöten. Auch der zunehmende uninspiriert und instinktlos agierende Joachim Löw hat sein Erbe beschädigt. Mit dem Tiefpunkt der 0:6-Demontage in Spanien. Der Abtritt nach einer verkorksten WM als vormaliger Weltmeister-Trainer hätte von Größe, von einer realistischen Selbsteinschätzung gezeugt. Nun haftet Löw für immer der Makel des verpassten Absprungzeitpunkts an – wie so vielen Überfliegern, die nicht merken, wann der Sinkflug einsetzt.

Und doch ist der Rücktritt – der laut DFB freiwillig erfolgte – samt gewähltem Zeitpunkt ein genialer, finaler Schachzug Löws. Er nimmt damit gewaltig Druck vom Kessel. Den von ihm stets betonten Umbau der DFB-Elf kann er von nun an getrost ausblenden. Nicht mit einer wackligen Elf im Entwicklungsstadium, sondern mit der besten zur Verfügung stehenden Mannschaft geht es zum Kontinentalturnier. Sprich, mit Müller, mit Boateng und mit Hummels. Frei von lähmenden Trainer-, System- und Personaldiskussionen arbeiten Löw und seine ihm nach wie vor verbundenen Akteure an einem letzten, einem rauschenden Abschiedsfest. Erst ein deutscher Bundestrainer hat jemals bereits vor einem großen Turnier seinen Rücktritt angekündigt: Franz Beckenbauer anno 1990. Der Ausgang ist bekannt. Und als Welt- UND Europameister-Trainer würden die deutschen Fans Löw sogar das Gemurkse seit Beginn der WM 2018 verzeihen.

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