12.07.2018 - 22:22 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Raus aus der Wohlfühl-Oase

Frankreich und Kroatien spielen um den WM-Titel. Im Halbfinale setzten sie sich gegen Belgien und England durch. Was hat dieses Quartett anders gemacht als Jogis Jungs? Ein Kommentar.

Team-Manager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw stehen in der Kritik.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

(fle) Die WM 2018 befindet sich auf der Zielgeraden. Während Frankreich als Titel-Aspirant durchaus mehrheitsfähig war, galten Kroatien, England oder Belgien doch mehr als Geheim- denn Top-Favorit. Der Blick auf die markanten Wesensmerkmale dieser Teams verdeutlicht, weswegen die WM für Jogis Jungs zu einem Horror-Trip verkam.
Frankreich pflegte einen pragmatischen, rein auf das Ergebnis ausgerichteten Spielstil. Nicht immer schön anzusehen, defensiv sehr stabil und stets darauf bedacht, den Gegner seiner schärfsten Waffen zu berauben. Jogi Löw dagegen gilt als reiner Fußball-Ästhet, bei dem das gepflegte Kurzpassspiel unantastbar scheint.
Kroatien definierte sich über bedingungslosen Zusammenhalt, leidenschaftlichen Einsatz - oft an der Grenze des Erlaubten - sowie über einen unbändigen Willen. Von derartigen Eigenschaften war das deutsche Team so weit entfernt wie der Kroate Domogaj Vida vom Friedensnobelpreis.
Belgien war wegen seiner taktischen Flexibilität und Variabilität nie auszurechnen. Dreier-, Vierer und Fünferkette wechselten oft innerhalb einer Partie. Ob der Fokus auf eigenem Ballbesitz oder doch einem schnellen Umschaltspiel lag, überraschte von Spiel zu Spiel. Der deutsche Auftritt bot durch das sture Festhalten am seit Jahren praktizierten 4-2-3-1-System mit ausuferndem Ballbesitz im Tempo der Uwe-Seeler-Traditionself so viel Überraschendes wie Neymars Schauspiel-Einlagen. Löw ließ seine Experimentierfreude, die er beim Confed-Cup gezeigt und damit alle Welt überrascht hatte, daheim in Freiburg.
Bliebe noch England: Neun von zwölf Treffern gelangen nach Standardsituation. In monatelangem Training packte die Insel-Elf unzählige Varianten ins Portfolio, die zum richtigen Zeitpunkt griffen. In dieser Zeit war man beim DFB damit befasst - ganz im Sinne der Bierhoffisierung des deutschen Fußballs - sich noch mehr sinnbefreite WM-Hashtags à la #zsmmn, #bestneverrest oder #fünfterstern auszudenken. Während sich Co-Trainer Hansi Flick beim Triumph 2014 ausschließlich um Standards kümmerte, blieb dieses Aufgabengebiet seit dessen Abschied vakant.
Jogi Löw ist ein Neuanfang durchaus zuzutrauen, doch dazu muss er raus aus seiner Wohlfühl-Oase und wieder mehr Trainer denn Lebemann sein. Anschauungsunterricht boten die vier Halbfinalisten zur Genüge.

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