25.06.2020 - 12:00 Uhr
AmbergOTon

Coronavirus und Handschlag: Das sagt ein Mediziner

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Seit fast 20 Jahren ist Prof. Hossain Facharzt für Mikrobiologie. Seine Welt sind die kleinen Dinge des Lebens: Viren, Bakterien, Pilze. Im Telefoninterview erklärt er, warum ein Handschlag aus medizinischer Sicht gefährlich sein kann.

Mit dem Blick in eine Petri-Schale kennt er sich aus: Professor Hamid Hossain ist seit fast 20 Jahren Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Seitdem schüttelt er fast niemandem mehr die Hand – aus gutem Grund, wie er im Interview erklärt.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Professor Hamid Hossain, Chefarzt für Mikrobiologie der Kliniken Nordoberpfalz AG und dem Klinikum St. Marien in Amberg, kennt sich aus mit der Übertragung von Keimen. Im Telefoninterview mit Oberpfalz-Medien erklärt der Mediziner, warum es in der Coronakrise sinnvoll sein kann, auf einen Handschlag zu verzichten.

ONETZ: Herr Prof. Hossain, wenn wir uns jetzt gegenüber stehen würden, würden Sie mir eigentlich zur Begrüßung die Hand geben?

Prof. Hamid Hossain: (lacht) Nein. Zu Ihrem und meinem Schutz würde ich Ihnen nicht die Hand geben. In der aktuellen Situation ist es nicht auszuschließen, dass Viren übertragen werden. Von anderen viralen Erkrankungen wissen wir: Viren können sich mehrere Stunden auf der Haut oder Hautoberfläche aufhalten und infektiös sein – sei es jetzt Corona oder Influenza.

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ONETZ: Ist ein Handschlag also sogar gefährlich?

Prof. Hamid Hossain: Gefährlich würde ich es nicht nennen, denn wir übertragen ja auch gute Keime. Keimaustausch ist wichtig für die Entwicklung unseres Immunsystems. Beim Küssen übertragen wir viel mehr Keime als beim Handschlag. Wir brauchen diesen Keimaustausch. Dadurch setzt sich unser Immunsystem mit Keinem auseinander und lernt fürs Leben. Nur in der aktuellen Situation oder in bestimmten Bereichen wie dem Krankenhaus, trägt man auf der Hand möglicherweise krankmachende Keime, die gefährlich werden können, wenn sie übertragen werden. Sobald diese dann in den Körper gelangen, können sie eine Infektion auslösen.

ONETZ: Raten Sie als Mediziner davon ab, jemandem die Hand zu reichen?

Prof. Hamid Hossain: Aus medizinischer Sicht ist ein Handschlag grundsätzlich nicht empfehlenswert. Vor allem in der aktuellen Situation. Auch wenn ich selbst als Student oder Arzt früher sehr oft die Hand gegeben habe, einfach weil es ein Ritual ist. Als Mikrobiologe und Krankenhaushygieniker bin ich schon länger zurückhaltend, was das Hände geben anbelangt – auch wenn es mir nicht immer gelungen ist. Seit Beginn der Pandemie gebe ich auch in meinem privaten Umfeld niemandem mehr die Hand.

ONETZ: Wie begrüßen Sie dann? Gibt es einen Gruß, der aus medizinischer Sicht unbedenklicher ist als der Handschlag?

Prof. Hamid Hossain: Da gibt es natürlich verschiedene Möglichkeiten. Manchmal ist es nur wie ein kleines Winken. Mit Kollegen machen wir manchmal einen Fist-Bump, also so einen Faustschlag, wie die Jugendlichen das machen. Es gibt eine Studie, die zeigen konnte, dass beim Faustschlag viel weniger Erreger übertragen werden als beim Handschlag. Die Kontaktfläche ist geringer und auch die Kontaktzeit kürzer. Unter Erwachsenen wird oft ein bisschen darüber gelächelt. Aber das ist eine Möglichkeit, wenn man unbedingt den Handkontakt braucht.

ONETZ: Warum brauchen wir diesen Körperkontakt?

Prof. Hamid Hossain: Wir sind einfach mit dem Handschlag erzogen worden. Zu Beginn der Pandemie hatten einige Menschen fast schon ein schlechtes Gefühl, nicht die Hand zu reichen. So ein Handschlag drückt ja vieles aus. Er ist Begrüßung, ein Friedenszeichen oder eine Geste von Vertrauen und Respekt. Das ist ein Ritual in vielen Kulturen und tief in uns verwurzelt. Und diese Kultur des Handschlags pflegt man ja sowohl im Beruf als auch im Privaten. Ich merke, seitdem ich schon länger nicht mehr die Hand gebe – auch schon vor Corona – muss ich andere Mechanismen anwenden, um meinen Patienten Nähe zu zeigen. Das macht jeder auf seine Weise. Ich versuche vieles zu verbalisieren und aktiv zu kommunizieren im Sinne von ‚Ich gebe ihnen jetzt nicht die Hand, weil...‘. Es gibt da ganz viele Wege, wie man subversiv Nähe vermitteln kann. Ich rede länger mit dem Patienten. Und ein ehrliches Lächeln ist sowieso viel besser als jeder Händedruck.

ONETZ: Wie gelangen die Viren von unseren Händen eigentlich dann in den Körper?

Prof. Hamid Hossain: Es ist so: Wir haben auf unserer Haut eine Normalflora. Wir sind besiedelt mit Bakterien und das ist auch gut so, weil die guten Bakterien damit den Platz auf der Haut besetzen. Auf den Händen haben wir etwa 100-1000 Bakterien pro Quadratzentimeter. Im Vergleich zu anderen Stellen ist das wenig. Im Mund sind wir bei 100 Millionen. Und noch tiefer im Darm sind wir bei einer Billion. Dadurch verhindern wir, dass sich auf der Haut oder Schleimhaut gefährliche Keime festsetzen. Trotzdem kommen die auch immer wieder mal drauf. Das nennen wir vorübergehende Flora. Das können auch mal Viren sein. Viren kommen durch Kontakt auf unsere Hände und wenn wir Hände waschen sind sie wieder weg. Aber in dieser Zeit, bevor wir uns die Hände gewaschen haben, wenn wir uns dann die Hände geben, werden diese Bakterien oder Viren übertragen. Diese Viren dringen aber nicht in die Haut ein. Das Problematische ist, dass der Mensch sich immer wieder ins Gesicht fasst – im Schnitt 23 Mal pro Stunde. Über die Nasen- und Rachenschleimhaut oder die Bindehaut der Augen kann das Virus in unsere Zellen eindringen. So gelangt ein Virus in den Körper.

ONETZ: Gibt es Erkenntnisse, ob so ein Ritual wie der Handschlag zur Ausbreitung des Coronavirus beigetragen hat?

Prof. Hamid Hossain: Also es hat sicherlich dazu beigetragen. Wobei ich als Mediziner sagen muss, dass es im Vergleich zu der Übertragung über Tröpfchen und Aerosole eine geringere Rolle spielt. Es spielt schon mit hinein, deshalb ist es ganz wichtig, dass man die Hände wäscht oder desinfiziert. Seife reicht absolut aus, weil das Virus durch die Seife zerstört werden kann. Und ich denke, dass man schon viel verhindert hat, weil man sich früh für eine Hand-Hygiene ausgesprochen hat. Man hat dadurch einen Übertragungsweg minimiert. Die wichtigste Mitteilung, auch außerhalb von Corona, ist: Regelmäßig die Hände waschen.

ONETZ: Werden wir uns denn jemals wieder die Hände geben?

Prof. Hamid Hossain: Ich glaube, im Beruflichen wird sich dieses „No Handshake“-Prinzip durchsetzen. Im Privaten könnte ich mir vorstellen, dass – wenn alles abflacht und viel Gras darüber gewachsen ist – diese Kultur, die tief in uns drin steckt, wieder hochkommen wird. Immer wenn die Angst vor etwas verschwindet, geht man lockerer damit um, und der Alltag kehrt zurück – das ist die Natur des Menschen. Deswegen gehe ich davon aus, dass man im Privaten irgendwann wieder den Handschlag ausüben wird.

ONETZ: Also ist die Coronakrise nicht das Ende des Händedrucks?

Prof. Hamid Hossain: Nein, das glaube ich nicht. Das Ganze steht und fällt mit der Angst und dem Wiederkehren des Corona- oder eines anderen Virus. Wenn es tatsächlich keine Neuinfektionen mehr geben sollte und lange genug Normalität herrscht, kann es eine Renaissance des Handschlags geben. Aber es wird Zeit brauchen.

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