25.06.2020 - 11:16 Uhr
Deutschland und die WeltOTon

Es liegt auf der Hand: Die Zukunft des Händedrucks

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Der Handschlag hat Jahrtausende überdauert und einige Pandemien verkraftet. Er wird auch die Coronakrise überstehen, in neuen, moderneren Varianten. Ein Essay.

Braucht´s das noch oder kann das weg? Der klassische Handschlag gerät in der Corona-Pandemie unter Druck. Bei Jugendlichen hat er sowieso längst ausgedient.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Ob feucht, ob kraftvoll, ob innig oder in aller Kürze: Der Handschlag ist eine universelle Geste, die weltweit verstanden (wenn auch nicht überall praktiziert) wird. Es gibt kaum eine Umgebung, in der ein Händedruck unangebracht erschiene. Er dient uns zur Begrüßung, als Abschied, beglückwünscht Jubilare, spendet Trost, zollt Respekt, besiegelt Wetten und Verträge. Er kann Verbundenheit, Ebenbürtigkeit, Toleranz, Individualität, Fairplay, aber auch Macht signalisieren. Und: Er überträgt Keime, unter anderem Sars-Cov-2, mittlerweile in allen Winkeln der Welt und jedem Kind bekannt als das Coronavirus. Kann eine derart allgegenwärtige Geste wie der Händedruck einfach so verschwinden, wegen eines neuartigen Erregers?

Plötzlich edelmütig

Dass die Coronakrise unsere Welt verändert hat, ist offensichtlich. Wie ein viraler Gewittersturm hat die Pandemie uns im Februar und März getroffen und so manche gesellschaftliche Verwundbarkeit in grelles Licht getaucht. Viele Veränderungen sind wohl nur vorübergehend. Dass wir nun dauerhaft in der Öffentlichkeit Masken tragen? Unwahrscheinlich. Dass Clubs, Stadien und Discotheken der Vergangenheit angehören? Auf keinen Fall! Und doch wanken derzeit Konventionen und Instinkte, die wir für unverrückbar hielten und die tief wurzeln. Ja, das Coronavirus kehrt Gewohntes sogar um. Zum Beispiel unseren beinahe reflexartigen Drang, zur Begrüßung die Hand zu schütteln.

Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass wir uns jemals wieder die Hand geben sollten.

Anthony Fauci, US-amerikanischer Immunologe

Wer damals, also im fernen 2019, jemandem die Hand reichte, der erwartete, dass die Geste erwidert würde. Geschah das nicht, galt es als Fauxpas des Gegenübers. Wer dagegen heute ein Händeschütteln freundlich ablehnt, der ist umsichtig, rücksichtsvoll, fast schon edelmütig. Ob das von Dauer ist? Anthony Fauci, immerhin Berater der US-Regierung in Fragen des Infektionsschutzes, schockierte im April die Weltöffentlichkeit mit der Aussage: "Um ehrlich zu sein, ich denke nicht, dass wir uns jemals wieder die Hand geben sollten." Das hat gesessen. Können und wollen wir aber den Händedruck so leicht abschütteln? Begrüßen sich junge Menschen überhaupt noch per Handschlag oder ist das nur so ein verstaubter Habitus der "Alten"? Es ist Zeit, die Geste auf ihre Zukunftsfähigkeit hin abzuklopfen.

Zunächst aber ein Blick in den Rückspiegel. Woher der Brauch des Händeschüttelns kommt, ist unter Historikern umstritten. Fest steht nur: Im alten Ägypten, in Mesopotamien, in den Sagen Homers, auf römischen Münzen, der Handschlag reicht weit zurück. Sehr wahrscheinlich symbolisierte er im Altertum gute Absichten. Wer seine bloßen Hände zeigte, der bestätigte, keine Waffen zu tragen, also in friedlicher Mission unterwegs zu sein. Der Händedruck diente also vielmehr der eigenen Sicherheit als der Begrüßung. Heute ist das anders. Schon in frühester Kindheit haben wir gelernt, dem Onkel, der Oma oder dem Nachbarn die Hand zu geben. Selbstverständlich die Rechte. Der Handschlag ist also fest verankert im Musterkatalog menschlichen Handelns.

Ist ein Handschlag gefährlich? Ein Mediziner erklärt Vor- und Nachteile

Amberg

Berühren, nicht schütteln

Um nun beurteilen zu können, ob und in welchem Kontext der Handschlag das Ende seines Daseins erreicht hat, lohnt eine grundlegende Unterscheidung. Zunächst der Business-Handschlag. Händeschütteln ist in der Geschäftswelt die Norm. Wer sich als Bewerber – ganz gleich in welchem Alter – vorstellt, der gibt dem Chef die Hand. Alles andere wäre ja respektlos. Verhandlungen zwischen Firmen enden mit einem Händedruck. Bei wichtigen Gipfeltreffen entbrennen regelrechte Handschlags-Orgien. Kaum zu glauben: Im Durchschnitt schüttelt ein US-Präsident in einem Jahr 65.000 Hände, das sind ganze 178 pro Tag.

Noch ist das so. Gut möglich, dass sich daran bald etwas ändert. Eine einfache Berührung, ohne Handfläche, reduziert nämlich das Risiko, Keime in Umlauf zu bringen, bereits erheblich. Eine Berührung mit geballter Faust überträgt nur noch ein Viertel der Bakterien, verglichen mit dem üblichen Handschlag. Das belegte 2014 eine Studie in der Wissenschaftspublikation "American Journal of Infection Control". Sobald nun Politiker in der Öffentlichkeit neue Begrüßungen ausprobieren, werden sie wohl auch in unseren Rathäusern oder Firmen Einzug halten. Norm ist Norm.

Individuell soll es sein

Aber unter Jugendlichen? Im Privatbereich? Haben wir überhaupt einheitliche Begrüßungen? Einen allgemein gültigen Kumpel-Knigge gibt es schließlich nicht. Wer sich trifft und per Handschlag begrüßt, für den ist das eine Art Freundschaftsbeweis und oft sehr individuell. Zum Beispiel der Dap. Das ist nicht der klassische, sondern der coole Handschlag, bei dem wir weniger die Hand, sondern primär die Daumen des anderen umfassen. Daran schließt sich eine zum Teil komplizierte Abfolge von Fingerzeigen, Schnippen oder Umarmungen an. Im US-Basketball etwa, in der NBA, haben Spieler untereinander jeweils ihre eigenen Dap-Varianten. Sich die alle einzuprägen erscheint herausfordernder als manche Spieltaktik. Der Dap kommt eigentlich aus dem afro-amerikanischen Raum, ist aber längst auch bei uns angekommen – vor allem in Städten. Üblich ist auch der Fist Bump, also ein Berühren mit geballter Faust. Oft reicht aber einfacher Blickkontakt, ein Winken oder – mein persönlicher Favorit – ein gepflegtes "Servus".

Dass Corona Einfluss auf unsere privaten Begrüßungs-Vorlieben hat, ist schwer vorstellbar. Nur was einheitlich war, kann sich einheitlich wandeln. Jugendlicher Rebellengeist und der Drang nach Individualität stehen dem im Wege. Außerdem führen medizinische Ratschläge doch noch lange nicht zu einer Verhaltensänderung, sonst würden wir längst keine Schokolade mehr essen, keinen Alkohol trinken und nicht mehr rauchen. Im Berufsalltag könnte ein Abgesang auf den Handschlag also fällig sein, zumindest kurzfristig. In unseren Innenstädten, in der Disco oder auf dem Sportplatz dürfte er, in welcher Ausprägung auch immer, überleben. Wie krisenfest die Geste ist, beweist die Geschichte. Schon zur Zeit der Spanischen Grippe, also kurz nach dem Ersten Weltkrieg, stand der Händedruck vor dem Aus. Mehrere Städte in den USA sprachen sogar ein offizielles Handschüttel-Verbot aus. Durchgesetzt hat es sich nicht. Das menschliche Ur-Bedürfnis nach Nähe und vertrauter Berührung war stärker.

Eine Typologie des Händeschüttelns

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