04.02.2021 - 15:35 Uhr
Deutschland und die WeltOTon

Kampf mit dem Unverfügbaren

"Sprechen hilft", das hat Wolfgang Ruppert in den vergangenen Jahren gelernt. Deswegen spricht er im OTon über seine Krankheit und hofft, anderen damit Mut machen zu können.

Sich seiner eigenen Sterblichkeit in jungen Jahren bewusst werden, kann schwierig sein.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Seit dem 2. März 2008 weiß ich, dass ich chronisch krank bin. Dank eines Medikaments kann ich gut damit leben. Die Erfahrung, die ich dabei gemacht habe, hat lange mein Denken bestimmt. Sie ist zu einem entscheidenden Teil dafür verantwortlich, dass ich zu dem geworden bin, der ich heute bin. Wirklich darüber gesprochen habe ich lange Zeit überhaupt nicht.

Damals habe ich zum ersten Mal am eigenen Leib gespürt, dass ich über die Schwelle zwischen Leben und Tod keine Verfügung habe, dass ich ohnmächtig in die Welt geworfen bin. Ich erinnere mich noch so genau an das Datum, weil es der Abend der Kommunalwahl war und meine Mama kandidiert hatte.

Wie fast alle Geschichten aus meiner Jugend fing es damit an, dass ich am Schlagzeug saß. Auf einmal hatte ich keine Kontrolle mehr über meine linke Körperseite. Ich krampfte, konnte nichts dagegen tun, bis ich in das Schlagzeug fiel. Am Boden spürte ich meinen Körper nicht mehr. Ich habe mich atmen, mehr röcheln gehört, ohne Einfluss darauf nehmen zu können, als ich das Bewusstsein verlor.

Mein Papa hat mich gefunden und meine Mama rief den Notarzt. Es folgte eine Woche im Krankenhaus. Nach und nach schlossen die Ärzte Schlaganfall, Hirntumor und Leukämie aus. Dann stellte sich heraus, dass ich Essentielle Thrombozythämie, also eine Erkrankung des Knochenmarks habe, die dazu führt, dass ich eine deutliche Erhöhung der Blutplättchenanzahl (Thrombozyten) im Blut habe. Unbehandelt bestünde die Gefahr von Blutgerinnseln und Blutungen. Ist nicht cool, aber im Vergleich zu den anderen Möglichkeiten am wenigsten beschissen.

Große Probleme bereitete mir danach nicht mein Körper, sondern mein Kopf. Ich wurde zum Paradebeispiel eines Hypochonders. Ich dachte, dass hinter jedem noch so kleinen Symptom eine tödliche Krankheit lauert. Meine Schulnoten waren damals eh schon schlecht. Ich konnte mir also sparen, deswegen abzurutschen. Immerhin. Ich war mir sicher, dass ich meinen 18. Geburtstag nicht erleben würde.

Heute bin ich 27 Jahre. Was soll ich sagen, ich bin noch da. Mit den Jahren habe gelernt, mit meinen Ängsten zu leben und zu akzeptieren, dass es gerade die Sterblichkeit ist, die unser Leben bedeutsam und unsere Zeit kostbar macht - auch wenn wir keine Gewalt darüber haben. Und ich habe mich entschieden, meine Geschichte zu erzählen, weil ich glaube, dass viele Menschen solche Erfahrungen teilen. Und für euch, die ihr euch angesprochen fühlt, habe ich einen Tipp: Es ist allemal besser darüber zu sprechen, als es jahrelang in sich hineinzufressen.

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OTon
Hintergrund:

OTon

In der Kolumne „OTon“ schreiben junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien über das, was ihnen im Alltag begegnet. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie sie die jungen Leute tagtäglich für die Leser aufbereiten, sondern um ganz persönliche Geschichten und Meinungen.

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