02.07.2020 - 12:00 Uhr
OTon

Im falschen Jahrzehnt geboren

Wahnsinn, wie sich so ein Musikgeschmack über die Jahre verändern kann, denkt Florian Bindl. Im OTon erzählt er von Spieleabenden mit genervten Freunden, musikalischen Jugendsünden und einem traumatischen Disco-Erlebnis.

Die Musik, die heute in Discos läuft, findet unser Kollege größtenteils ungenießbar. Das war nicht immer so.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Ein bisschen froh bin ich schon, dass die Clubs und Discotheken aktuell Sendepause haben. Also, ganz persönlich. Wirtschaftlich ist das für viele in der Branche ein Riesen-Problem, keine Frage. Und damit wir uns nicht falsch verstehen, ich gehe auch gern mal am Wochenende in Discos und schaue, wenn ich besonders mutig bin, sogar mal mit einer Zehenspitze und mich an meinem Bier festhaltend auf der Tanzfläche vorbei. Was mich aber doch erleichtert durchschnaufen lässt, ist das Thema Musik. Damit ich nämlich zu Cordula Grün oder diesem "Ich will saufen"-Lied mitgrölen kann, da brauche ich schon deutlich mehr als nur ein Bier. Kurz: Rein musikalisch bin ich in einer Disco so fehlplatziert wie Mickie Krause in der Oper.

Mein Musikgeschmack hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Als ich 13 war, konnte der Bass gar nicht heftig genug dröhnen. Damals galt: Der Bass ist dann richtig, wenn der Subwoofer die Katze einsaugt. Mittlerweile muss sich die Katze nicht mehr fürchten, aus meiner Anlage kommen jetzt, zehn Jahre später, eher die Beatles, Chuck Berry oder Pink Floyd. Dafür sind andere genervt. Wenn sich bei einem Spieleabend jeder reihum einen Musiktitel aussuchen darf, dann stößt ein zehnminütiges David-Gilmour-Gitarrensolo auf wenig Gegenliebe. Vielleicht bin ich alt geworden. Oder im falschen Jahrzehnt geboren. Oder beides.

Eine Geschichte von meinem 21. Geburtstag verfolgt mich noch heute. Freitagabend, kurz vor 12. Disco Rast. Ich äußere gegenüber meinen Freunden: "Wie schön wäre es, wenn in der Rast ein einziges Mal "Imagine" von John Lennon liefe!" – für mich der bedeutendste Song unserer Zeit. Mein Kumpel geht kurzentschlossen zum DJ, ich danke ihm noch immer für seine guten Absichten. Der Kommentar des Mannes am Mischpult: Imagine? Kennt er nicht. Hat er nicht. Was er dann spielte, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich Cordula Grüüüün.

Miriam Wittich schreibt über die Freuden des Tanten-Daseins.

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Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet - was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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