05.11.2020 - 09:37 Uhr
OTon

Ein "gnaschigs" Kind

Obst und Gemüse gehörten für Lucia Seebauer lange nicht auf den Speiseplan. In ihrem neuen OTon erinnert sie sich wie ihr Essverhalten das Gesprächsthema im Restaurant bestimmte und warum sie bis heute ein "gnaschiges" Kind geblieben ist.

Für Lucia Seebauer spielte Obst und Gemüse in der Ernährung lange ehre eine untergeordnete Rolle.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Schokopudding, Schnitzel und Kartoffeln in allen Variationen waren meine Leibspeisen als Kind. Was ich absolut nicht essen wollte, waren sämtliche Sorten an Obst und Gemüse. Ich hasste die Konsistenz, die Farben und bekam teilweise einen Würgereiz, wenn die gesunden Sachen vor mir auf dem Teller lagen.

Überdimensionierte Vitaminspritze

"Oh mein Gott, so ein gnaschigs Kind", hieß es da immer von meiner Mutter und meinen Großeltern. Sie sorgten sich, dass ich zu wenig Vitamine abbekomme. Einer meiner größten Feinde war die sogenannte Lebensmittelpyramide, denn alles was mir schmeckte, sollte man eher weniger essen. Selbst meine Kinderärztin drohte mir mit einer überdimensionierten Vitaminspritze, wenn ich nicht langsam anfange, Obst und Gemüse zu essen. Es wurde sogar infrage gestellt, ob ich so überhaupt erwachsen werden könne.

Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter einmal Zucchini, Kohlrabi und Auberginen paniert hat und mir dann als komisch schmeckende Schnitzel verkaufte. Mein Cousin versuchte mich davon zu überzeugen, dass eine Wassermelone eine Milchschnitte sei. Meine Tante malte mir ein lachendes Gesicht in die Gemüsesuppe. Lieber hungerte ich, als zu essen. Als wir im Kindergarten gemeinsam kochten, schnitt ich mich in den Finger, um nicht weiter mitmachen zu müssen. Die Situation war ernst und wiederholte sich jeden Tag aufs Neue. Es war Stress für alle Beteiligten.

Bestimmendes Gesprächsthema

Mein Essverhalten war meistens das bestimmende Gesprächsthema im Restaurant oder beim Besuch von Verwandten und Bekannten. Auf der Speisekarte stand ja nur wenig, was sich für mich zu bestellen lohnte. Und nur mit Wasser und Brot, wie im Gefängnis, wollte man mich doch nicht abspeisen. Für mein Verhalten schämte ich mich sehr. Es fiel mir wirklich schwer, mich zu überwinden, etwas Neues zu probieren. Je älter ich wurde, desto mehr verleitete mich die Scham dazu, mich auch mal an eher unbekanntes Terrain zu trauen.

So schmeckt mir heute Vieles, was ich früher nicht mal mit einer Kneifzange angefasst hätte. Rohe Tomaten, Bananen, Ananas sind für mich noch immer ein kleiner Graus, auch wenn es nicht mehr so schlimm ist wie früher – und zum Glück bleibt der Würgereiz aus.

Überraschung beim veganen Curry

Doch wenn ich mit meiner Familie oder langjährigen Bekannten essen gehe, kommt manchmal immer noch das Thema vom "gnaschigen" Kind auf. Beim Blick in die Karte werde ich aufgezogen: "Ach, das magst du ja eh nicht." Dann bestelle ich etwas – wie zum Beispiel ein veganes Curry – und plötzlich ist die Überraschung groß: "Echt, das isst du?"

In seinem OTon macht Julian Trager eine nicht ganz ernst gemeinte Reise in die Zukunft

Amberg
Info:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet - was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.