Als ich ein Kleeblatt hasste

04.08.2022 - 00:05 Uhr

Ein Fan des 1.FC Nürnberg muss Greuther Fürth verabscheuen. Viele Jahre lang war das für Florian Bindl selbstverständlich. Bis zu einem Abend, ausgerechnet in Fürth. Ein Lehrstück über unsinnige Feindbilder und Kleeblätter im Klo.

Das Kleeblatt steht für die SpVgg Greuther Fürth, den großen Rivalen des 1. FC Nürnberg.

Diese Kolumne beginnt im September 2004. Und sie endet für den Leser, der sich bis ganz unten wagt, mit einem Griff ins Klo.

Ich bin Clubfan. Von Herzen, aus Leidenschaft und seit fast 18 Jahren. Mit „Club“ ist keine Disco gemeint, sondern ein gewisser Fußballverein aus Nürnberg. Der 1. FC Nürnberg, der Club eben. Mein erstes Spiel im Frankenstadion, am 11. September 2004, ein glorreiches 0:0 gegen Hertha BSC. Damals mit Papa. Der Funke sprang über.

Aber Halt. Ich will hier eigentlich gar nicht über den Club reden. Manchmal, wenn man über etwas schreibt, das einem besonders am Herzen liegt, dann fließen die Zeilen nur so dahin. Ja, eigentlich soll das hier ein Lehrstück werden. Darüber, warum blinder Hass irr ist. Und warum er sich für den, der sich mit seinem Feindbild näher beschäftigt, auflöst wie Tau am Morgen.

Der große fränkische Rivale des Club ist die SpVgg Greuther Fürth. Gern als kleine, unbedeutende Westvorstadt des großen Nürnberg verunglimpft. Saublöd nur, dass der Club die Derbys gegen Fürth meist verliert und seinem Ruf als „Depp“ Ehre macht. Nun war ich, jung und wenig reflektiert, auch allzu schnell mit dem Anti-Fürth-Virus infiziert. Ich sang angetrunken auf Bierbänken oder im Stadion: „Alle Blumen blühen, alle Blumen blühen, nur das Fürther Kleeblatt nicht!“ Ein Klassiker rot-schwarzer Folklore, der jedem Botaniker einen Würgreiz bescheren würde. Noch schlimmer: Ich beichte, dass auf meiner Toilette, im Pissoir, mehrere Jahre lang ein kleines Fürth-Emblem klebte. Alles weitere überlasse ich Ihrem Kopfkino. Ein Schelm würde sagen: Das Fürther Kleeblatt wurde regelmäßig gegossen.

2017 hat sich etwas verändert. Für ein anderes Medienhaus war ich als Reporter bei einem Heimspiel der Fürther eingeteilt, berichtete aus dem Stadion. Es war eine der prägendsten frühen Erfahrungen für mich als Journalist. Toller Pressebereich im Stadion, gute Stimmung bei Flutlicht. Ein Pokalspiel. Ich schrieb damals einen Text, auf den ich auch heute noch etwas stolz bin.

Mein Feindbild Fürth, das Kleeblatt, das nicht blüht: ein sympathischer Verein? Noch dazu einer, der meine Journalisten-Karriere beflügelt hat? Vor diesem Abend war ich nie in Fürth, habe eine Stadt und einen Verein beschimpft, die ich nur aus der Ferne kannte. Was für ein Blödsinn. Kindisch und peinlich.

Vor zwei Wochen hat der Club das Derby mit 2:0 gewonnen. Ich war im Stadion. Derbysieger, yeah! Das Emblem in meinem Badezimmer ist aber verschwunden.

Hintergrund:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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