30.07.2020 - 15:01 Uhr
OTon

Kreis aus Elan und Frust

Kollegin Lucia Seebauer streicht in ihren freien Tagen den Gartenzaun daheim. Nach der anfänglichen Motivation entwickelt sich die Prozedur aber zu einer Strafarbeit. Mehr dazu berichtet sie in ihrem neuen OTon.

In ihrem OTon beschreibt Lucia Seebauer wie sie den heimischen Gartenzaun streicht. Für sie ist es eine Arbeit, die nahezu in einer Endlosschleife verläuft.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Endlich zwei Wochen Urlaub: Klar, da will ich mal so richtig entspannen. Nach einigen Tagen chillen, bilde ich mir aber ein, doch mal etwas Sinnvolles tun zu müssen. Ich zieh mir alte Klamotten an, hole Farbe und Pinsel aus dem Keller und streiche den Gartenzaun. Das wird ja eigentlich eh schon längst Zeit, denke ich. Voll motiviert gehe ich ans Werk, lege die Pappe unter die Holzlatten, die durch zwei bis drei Winter recht in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Neben mir dröhnt Musik aus meiner Bluetooth-Box.

Zuerst pinsele ich oben am Holz, male die Ränder an, gehe in die Hocke und streiche den unteren Teil mit den Zwischenstücken der Querbalken. Nach zehn Latten schaue ich auf die Uhr. Bei jedem neuen Ansetzen des Pinsels komme ich mir vor, wie in einem nicht enden wollendem Déjà-Vu. Zwanzig Latten später merke ich die Arbeit langsam in den Oberschenkeln, die Sonne brennt auf meinen Hinterkopf, der Schweiß fließt. Frust setzt ein.

Franz Ferdinand singt aus meiner Musikbox "Hol mich raus". Puh, ich bin noch nicht mal bei der Hälfte angelangt. Ich kann gar nicht so viel trinken, wie ich schwitze. Meine freiwillige Einsatzbereitschaft fühlt sich wie Strafarbeit an. Ich mache weiter. Langsam kriege ich Angst vor dem Muskelkater, der mich am nächsten Tag erwarten könnte. Zwei Stunden später sehe ich langsam ein Ende des Tunnels und fülle ein letztes Mal Farbe - eine dunkelbraune Pampe, die aussieht wie Schokopudding - randvoll in meinen Becher. Der anfängliche Elan kommt wieder zurück, und ich male bis ich am Ende des Gartenzauns angekommen bin. Stolz begutachte ich, was ich an einem Tag geschafft habe. Die Holzlatten sehen aus wie neu und strahlen vor Glanz. Plötzlich fährt mir ein Schreck in die Knochen: Beim Aufräumen, fällt mir auf, dass die Rückseite des Zauns noch farblos ist. So erwartet mich die gleiche Endlosschleife noch mal von vorn.

Der OTon der vergangenen Woche

Weiden in der Oberpfalz
OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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