21.05.2020 - 11:30 Uhr
OTon

In der Kürze liegt die Würze

44 Prozent der deutschen Frauen sind kleiner als 1,65 Meter. Eine von ihnen ist OTon-Kolumnistin Lena Schulze. Sie ist 1,54 Meter groß. Im Alltag oft ein Balanceakt.

Trittschemel sind im Haushalt von OTon-Kolumnistin Lena Schulze ein unverzichtbares Utensil. Sie ist nur 1,54 Meter groß. Hohe Regale können schnell zur Hürde werden.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Auf den Zehenspitzen balancieren, wenn ich im Stehen knutschen will. Im Konzert nichts sehen. Im Kino sitzt immer die größte und breiteste Person vor mir. Zu meinen größten Problemen gehören auch Supermarktregale oder Hängeschränke. Kommentare, wie "Süß, du bist ja klein" und "Wie ist die Luft da unten?" bekomme ich oft zu hören. Ich bin 1,54 Meter klein/groß.

Schon meine Eltern nannten mich als Kind "Zwergerl". Mein Opa nannte mich oft "Stopsel". Ganz klein und zierlich war ich, gerade mal 50 Zentimeter groß bei meiner Geburt. Kaum zu glauben, dass ich es in fast drei Jahrzehnten nicht geschafft habe, mehr als einen Meter zu wachsen! In der Grundschule war ich dann gerade so groß, dass man mich als "Meter-Knipfl" (Metermaß zum Abmessen des Holzes) mit in den Wald hätte nehmen können. Viel zu oft hatte ich viel zu große Kleidungsstücke im Schrank, weil: "Da wächst du schon noch rein." Ich belehrte meine Mutter eines besseren. Ich wuchs nicht rein. "Hättest halt in der Kinderabteilung einkaufen sollen!", erntete ich hämische Kommentare.

Bis heute gehe ich furchtbar schnell verloren. Wo ich früher als Kind hinter großen Warenregalen im Supermarkt verloren ging, sind es als Erwachsene Menschenmassen auf Konzerten oder im Theater, in denen ich untergehe. "Ohje, du Arme. Kannst du überhaupt etwas sehen?" Nein. Auch auf Partys hab ich es nicht einfach. Meistens ist der Bartresen so hoch, dass ich nicht drüber gucken, geschweige denn bestellen kann. Um ans Müsli im obersten Hängeschrank zu kommen, muss ich hüpfen. Nicht umsonst stehen in meiner Wohnung überall Tritthocker. In vielen Badezimmern hängen die Spiegel zu hoch für mich. Ich sehe nur meinen Scheitel.

Warum größere Menschen meinen, sie könnten sich auf mir ablehnen, habe ich bis heute nicht verstanden. Das machen sie allerdings nur, wenn sie mich bemerken. Denn oft werden Gespräche in anderen Höhen-Sphären geführt. Größere Menschen unterhalten sich über mich drüber.

Ich will nicht nur Nachteile aufzählen, es gibt viel Positives: Bei Konzerten werde ich immer nach vorne in die erste Reihe geschoben, damit ich was sehe. Meine Genickmuskulatur ist bestens trainiert – Genickstarre vom ständigen Hochgucken bekomme ich schon gar nicht mehr. Ich bin sehr gut im Klettern. Im Auto hat immer jemand Platz hinter mir. Bei langen Busfahrten hab ich es definitiv bequemer als Zwei-Meter-Menschen. Meine Füße gucken nie unter der Bettdecke hervor, ich stoße mir nie den Kopf. Selbst mit schwindelerregend hohen Absätzen bin ich immer noch kleiner als meine meisten Begleiter. Bekanntlich zählt ja die innere Größe mehr. In der Kürze liegt die Würze. Um die 1,54 Meter zu kompensieren, habe ich eine laute und bestimmte Stimme. Keine Angst: Man hört mich, bevor man mich sieht.

Das Gegenstück: Tobais Gräf berichtet davon, wie es ist, hochgewachsen zu sein

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Info:

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Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet - was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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