09.07.2020 - 16:22 Uhr
OTon

Nur so ein Gefühl

Beim Frühstück passiert Wolfgang Ruppert ein Unglück. Der blutende Finger ist für ihn Anlass in der Kolumne OTon nachzudenken: über sich, die Zeit, die Welt - und wie alles zusammenpasst. Oder eben nicht.

Beim Frühstück denkt Wolfgang Ruppert nach.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Sonntagmorgen: Ich mache mir keine großen Gedanken. Der Tag ist, wie er ist. Alles scheint genauso zu sein, wie es sich nunmal gehört. Das Messer in meiner Hand, mit dem ich eine Semmel aufschneiden will, nehme ich gar nicht wirklich wahr. Meine andere Hand, die es hält, ebenso wenig. Was ich sehe, ist der heiße Dampf, der aus der Semmel tritt, während sie sich in zwei Hälften aufspaltet.

Doch plötzlich rutsche ich mit dem Messer ab, die Klinge schneidet mir in den Finger. Aus einer kleinen Wunde läuft Blut über meine Hand, dann den Arm hinab und tropft wie einzelne rote Regentropfen auf den Boden. Es tut weh, ich starre ratlos auf das Messer, den Finger, wieder auf das Messer. Jetzt erscheinen beide in einem anderen Licht. Ich gucke nicht mehr durch sie hindurch, sondern nehme sie ganz genau wahr.

Mich beschleicht das leise Gefühl, dass die Welt um mich herum vielleicht doch nicht wie eine perfekt aufeinander abgestimmte Maschine läuft, so wie es mir vor einer Sekunde noch vorkam. Das Messer, die doofe Semmel, auf die mir gerade eben der Appetit vergangen ist, ja sogar meine eigene Hand: Sind das alles störrische Objekte, denen ich perplex und hilflos gegenüberstehe und ausgeliefert bin? Es ist nur so ein Gedanke, aber er beschleicht mich immer wieder, wenn Kleinigkeiten schief gehen.

Was ist, wenn die Dinge um mich herum gar keinen so perfekten Sinn ergeben, wie ich es mir für gewöhnlich einbilde? Was wenn es überhaupt gar keinen Sinnzusammenhang gibt, nicht mal so einen marginalen wie zwischen mir, dem Messer und der Semmel? Es schaudert mir bei der Vorstellung, dass alles nur so nebeneinander ist, ganz ohne irgendeine Verbindung. Für einen kurzen Augenblick wirkt alles so seltsam kompliziert, fragwürdig und beunruhigend.

Nach fünf Minuten ist der Finger verbunden, der Schmerz verflogen. Ich mache weiter wie immer. Aber das komische Gefühl, das ich einen Moment lang hatte, bleibt noch im Hinterkopf.

Florian Bindl macht sich im OTon Gedanken über seinen Musikgeschmack

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OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet - was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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