29.08.2020 - 09:10 Uhr
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Wenn Jugendliche den Vater verlieren: Drei Wege durch die Trauer

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Viel zu früh haben drei junge Oberpfälzerinnen ihre Väter verloren. Mit Oberpfalz-Medien teilen sie ihre Gefühle: Wie erging es ihnen direkt nach dem Verlust? Und wie geht es ihnen heute? Mit ihren Geschichten wollen sie auch Mut machen.

Der Weg durch die Trauer ist manchmal steinig und schwer: Drei junge Oberpfälzerinnen erzählen wie es ihnen nach dem Tod von ihrem Vater erging.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Von Maria Oberleitner, Susanne Forster und Kathrin Moch

Wie fühlt man sich, wenn der Vater stirbt?

Luisa (25): "War ich zu wenig für ihn da?"

Es war ein Frühlingsmorgen. Ich war noch etwas verschlafen. Plötzlich kam der Anruf. Es schaue nicht sehr gut aus. Eine Dusche später saß ich im Auto Richtung Palliativeinrichtung. Und wusste gar nicht so recht, was mich dort eigentlich erwartet.

Ich habe viel geweint. Begreifen konnte ich es anfangs kaum. Trauer in Etappen trifft es wohl ganz gut. Ich hab versucht, die Alltagsdinge so „normal“ es eben geht zu erledigen. Das hat mich abgelenkt. Und auch meine Familie. Sie war da, hat mir Raum gegeben – zum Trauern, aber auch für Gespräche. Ich habe mich in Vorlesungen meines Studiums gesetzt. Wollte mir nicht anmerken lassen, dass ich meinen Papa verloren habe.

Habe mich mit Freunden getroffen, versucht, die Trauer nicht zu sehr an mich heranzulassen. Bilder von meinem Papa hab ich mir nicht anschauen wollen – ich fühlte mich nicht bereit dafür. Immer wieder bin ich in Gedanken die letzten Momente durchgegangen, die mein Papa und ich gemeinsam hatten.

„War ich zu wenig für ihn da? Bin ich jetzt ein anderer Mensch – das Mädchen mit dem toten Vater?“ Dieser „Rucksack“ war gepackt und begleitete mich auf meinem Weg. Mal fühlte sich das „Gepäck“ leichter an – mal schwerer. In meinem damaligen Freundeskreis habe ich den Tod meines Papas nicht zum Thema machen wollen. Und trotzdem war ich froh, wenn dann doch mal jemand nachgefragt hat. Wie es mir geht. Oder wie ich damit klarkomme, dass mein Papa gestorben ist. Und dann war ich ein wenig erleichtert, wenn mir einfach jemand zugehört hat.

Anna (29): "Bitte kein ‚Alles wird gut.‘"

Es ist gut gemeint und nett, wenn Freunde, Familie und Bekannte ihre Hilfe anbieten. Mir war es damals fast unmöglich, auf solche in der Luft schwebenden Angebote zu reagieren. Ich war wie gefesselt, meine Gedanken konnten sich kaum zwei Meter wegbewegen von diesem Gefühl der Leere. Meine beste Freundin stand einfach so vor der Tür. Und war da. Das war wichtig für mich, weil ich vor ihr ehrlich zusammenbrechen durfte – was ich vor meiner Mutter damals (und heute) nicht kann. Sie war empathisch, sie hat mir die Hand gehalten, sich neben mich ins Bett gelegt und hat Essen besorgt. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie getan hätte.

Was ich deshalb jedem raten kann, der nicht recht weiß, wie er seinen trauernden Liebsten helfen kann: Schaltet die Waschmaschine ein, räumt den Geschirrspüler aus, schiebt eine Tiefkühl-Pizza in den Ofen und wartet, bis sie aufgegessen ist. Seid da, fühlt nach, ob ihr gebraucht werdet. Wenn nicht: verabschiedet euch und kommt wieder. Und wieder. Sagt keine Dinge wie: „Alles wird gut.“ Denn wir alle wissen, dass es nicht wieder gut wird. Nie wieder. Es wird nur besser. Langsam, sehr langsam. Wenn ihr nicht die richtigen Worte findet, dann sagt lieber nichts. Nichts ist unangenehmer, als in der Trauer auch noch anderen den Umgang mit einem selbst leicht zu machen. Greift uns unter die Arme: Beim Aussuchen des Sarges, beim Organisieren der Beerdigung, beim Zurückfinden in den Alltag. Irgendwann findet jeder Trauernde Worte, die einen Adressaten suchen. Seid dieser Adressat.

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Lena (27): "Seinen Platz zu finden dauert"

Als ich das erste Mal nach dem Tod von meinem Papa meinen Account in einem sozialen Netzwerk öffnete, ploppten mit einem viel zu fröhlichen „Ping“ gefühlt 100 neue Nachrichten auf. In Wahrheit waren es vielleicht 20 – immerhin mindestens 19 mehr als sonst.

Trauerbekundungen meiner Mitschüler, die mir in den nächsten Tagen sowieso mit einem mitleidigen Blick im Klassenzimmer entgegen kommen würden. Einerseits fand ich es schön zu wissen, dass Menschen Anteil daran nahmen, dass ich gerade eine furchtbar traurige Erfahrung machen musste, andererseits hatte ich keine Ahnung, wie ich darauf reagieren sollte. „Vielen Dank – Dir auch“, ist wohl die falsche Antwort auf „Mein Beileid“. Immerhin hatte keiner einen Smiley geschickt. Über ein ehrliches „Das ist so schlimm. Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, habe ich mich oft am meisten gefreut.

Exponentiell mit den Tagen, die vergingen, nahmen auch die Nachrichten, die ich bekam, ab. Für alle anderen dreht sich die Welt weiter. Für jemanden, der trauert, bleibt die Zeit stehen. Nichts ist mehr wie es einmal war, einen Alltag gibt es nicht mehr. Man muss erst seinen Platz in dieser neuen Welt finden – und das dauert. Lange. Besonders geholfen haben mir deshalb die Menschen, die auch nach Wochen, Monaten und manchmal sogar Jahren einfach fragen: „Wie gehts dir denn damit?“ Die einem das Gefühl geben, dass sie deinen Schmerz, der eben nicht nach ein paar Wochen verschwindet, sondern immer wiederkehrt, auch nicht vergessen haben.

Wie geht es euch heute?

Lena (27): "Es geht immer irgendwie weiter"

Über zehn Jahre sind mittlerweile vergangenen, seit mein Papa das letzte Mal zur Tür rein kam. Zehn Jahre in denen ich meinen Führerschein, mein Abi und meinen Studienabschluss gemacht habe. Zehn Jahre in denen ich aus- und umgezogen bin, renoviert habe. Zehn Jahre in denen ich ein kleines Stück mehr erwachsen geworden bin. Und obwohl ich oft dachte, dass das nicht möglich ist: ganz ohne meinen Papa. Die wohl wichtigsten Dinge, die ich aus der Erfahrung mit dem Tod gelernt habe, sind:

Irgendwann kehrt das Lachen zurück. Man darf traurig sein. Schlimmer geht immer. Ein schlechter Tag, bedeutet nicht, dass es ein schlechtes Leben ist. Solange man hier auf dieser Erde verweilt, sollte man sich viel öfter auf die kleinen Dinge konzentrieren, die das Leben schöner machen: Pizza, Sonnenuntergänge, Lieblingsjeans, Sommerregen, Popcornduft.

Denn unsere Zeit ist begrenzt und kann schneller vorbei sein als wir denken. Und das mit Abstand Wichtigste, das ich durch den Verlust von meinem Papa gelernt habe: Es geht weiter. Immer. Irgendwie. Und auch wenn man denkt, dass man am Ende ist. Wann ich gemerkt habe, dass es mir besser geht? Als ich mich über den Dreck an den Fenstern, den ausverkauften Bikini oder einen Stein im Schuh geärgert habe. Da wusste ich: Mein großes Problem ist so klein geworden, dass es wieder Platz gibt für Alltag – und seine Probleme. Wann immer ich mich mal wieder über Kleinigkeiten ärgere, erinnere ich mich an die Zeit, in der sie ohne Bedeutung waren und weiß: Das Leben ist gar nicht mal so schlecht, wie man oft meint.

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Anna (29): "Ich bin stärker geworden"

Ich bin kein großer Thomas D.-Fan, aber in dieser einen Frage bleibt mir nichts, als ihn zu zitieren: „Und dann begreifst du, wenn du daran nicht zerbrichst, dann reifst du. Und dann entdeckst du, wenn du das überstehst, dann wächst du.“

Natürlich – ich vermisse ihn. Wenn ich nach Hause komme, fehlt mein Papa. Seit acht Jahren. Dass ich die Uni geschafft, einen neuen Freund habe, umgezogen bin – all das hat er nicht mehr erlebt. Deshalb habe ich es den Sternen erzählt. Ich bin nicht sehr gläubig. Aber wenn ich in den Sternenhimmel blicke, fühle ich mich ihm nah.

Nah fühle ich mich ihm auch – tatsächlich – in der Küche. Mein Vater hat für sein Leben gern gekocht – und wo ich anfangs nur versuchte, eine Lücke (auch in meinem Magen) auszufüllen, weiß ich heute, wieso er so gern am Herd stand. Leider sind mit seinem Tod auch bestimmte Rituale der Esskultur meiner Jugend verschwunden. Niemand kocht diese eine Hühnersuppe, wenn ich krank bin. Fragt mich, ob ich mir Lasagne oder Brokkoli-Auflauf wünsche, wenn ich zu Besuch komme. Und manche Dinge sind schlichtweg verloren – weil ich versäumt habe, mir Rezepte anzueignen. Sauerbraten oder Kartoffelsalate habe ich seither viele Gute gegessen – aber doch hat es nie wieder nach „daheim“ geschmeckt. Ach ja, Thomas D. hatte Recht. Ich bin gewachsen, bin stärker und reifer geworden. Viele Menschen in meinem Alter versuchen, den Tod und das Sterben auszuklammern. Ich hingegen bin unvorbereitet voll-frontal mit dem Sterben zusammengeprallt. Das war hart – doch seitdem ist der Tod für mich kein Tabu-Thema mehr.

Luisa (25): "Ich kann über den Tod sprechen"

Über den Tod meines Papas sprechen konnte ich anfangs nicht so richtig. Versucht habe ich es hin und wieder. Heute gelingt mir das schon recht gut. Mittlerweile kann ich auch wieder Fotos anschauen, die meinen Papa zeigen. Das war lange nicht möglich. So hole ich mir Erinnerungen her, wenn ich das möchte. Und ich spreche darüber – mit meiner Familie zum Beispiel.

Dann frage ich, wie er denn so war, mein Papa. Möchte wissen, in welchen Dingen wir uns ähnlich sind. Manchmal bin ich ein wenig wehmütig, wenn ich im Internet auf Vater-Tochter-Fotos stoße. Dann bin ich kurz traurig, dass ich mir ein Foto mit ihm nur in Gedanken erschaffen kann. Und dann sehe ich mir Bilder von früher an – und freue mich über die Erinnerung auf Fotopapier.

Zu manchen Zeiten im Jahr fühlt sich das Vermissen stärker an – wenn mein Papa Geburtstag hat. Oder zu der Zeit im Jahr, in der er gestorben ist. Ich habe gemerkt, dass es ein wenig einfacher ist, wenn ich nicht versuche, die Gedanken an ihn zu verdrängen. Ich lasse sie einfach zu. Ganz egal, ob ich dann weinen muss oder sogar lächeln, weil ich an ein schönes Erlebnis mit meinem Papa denke.

Heute weiß ich, ich bin selbstbewusster geworden. Ich kann über den Tod sprechen, habe gelernt, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann. Habe herausgefunden, dass nur ich selbst verantwortlich bin für mein Wohlbefinden. Auch wenn die Gedanken mir manchmal einen Streich spielen. Dann darf ich auch mal traurig sein. Dann gehe ich raus in die Natur – und spaziere so lange, bis es mir besser geht.

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