18.02.2021 - 12:51 Uhr
OberpfalzOTon

Der Krustenbraten schmeckt wieder: Corona lehrt Demut

Von der Skipiste direkt ins Bett: Über Nacht legt eine Corona-Infektion Tobias Gräf flach. Im OTon beschreibt unser Autor, wie er im Treppenhaus außer Atem gerät und der Braten nach Gefängnisfraß schmeckt. Eine Erfahrung, die Demut lehrt.

Schweinebraten mit Knödeln, Brezen und ein Weizen: Für einen Oberpfälzer ein köstlicher Schmauß – vorausgesetzt er leidet Corona-bedingt nicht unter Geschmacksverlust.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Am Anfang ging alles sehr schnell. War ich am Abend zuvor noch mit den Langlaufskiern unterwegs, überkam mich ich am Tag darauf gleich beim Aufstehen ein unheilvoller Verdacht: Corona! Übelkeit, Kopfschmerzen, Hitzewallungen. Bald gesellten sich Halskratzen und ein omnipräsentes Erschöpftheitsgefühl hinzu. In den folgenden Tagen schmeckte auch das Essen nicht mehr und der Geruchssinn ließ nach. Schon bevor das Testergebnis aus dem Labor meinen Verdacht offiziell bestätigte, war klar, dass das Virus auch mich erwischt hatte.

Zwar ist die Wahrscheinlichkeit für schwere Verläufe bei jungen Menschen statistisch nicht so hoch. Aber die Unsicherheit, wie es sich entwickelt, ist da. Ich hatte Glück: Die körperlichen Einschränkungen waren spürbar, aber nie bedrohlich. Eher war ich von der Krankheit genervt. Weil die strikte Isolation in kurzer Zeit äußerst anstrengend wurde. Die Monotonie zermürbt. Weder sind soziale Kontakte möglich, noch konnte ich die Zeit sinnvoll nutzen durch Lesen oder Streaming. Denn selbst um einem Film inhaltlich zu folgen, ist Konzentration nötig – die ich nicht aufbringen konnte.

Im Treppenhaus außer Atem

Am gravierendsten jedoch erlebte ich die Kurzatmigkeit. Der Katzensprung vom Keller über das Treppenhaus in den ersten Stock war tatsächlich ein Kraftakt. Zwei Etagen weiter oben angekommen, musste ich mehrere Züge kräftig durchschnaufen. Normalerweise bin ich relativ fit: Schwimmen, Mountainbiken, Hochgebirgstouren. Dass mich nun zwei Stockwerke zu einer Ruhepause zwangen, war eine einschneidende Erfahrung. Ich bin 29, und kam mir doch vor, wie ein alter Mann ohne Puste.

Während mir der fehlende Geruchssinn wenig ausmachte – es hat auch Vorteile, wenn man einschlägigen Gestank nicht mehr riecht –, störte mich der Geschmacksverlust massiv. Als leidenschaftlicher Anti-Vegetarier hätte man mir den saftigsten Krustenbraten vorsetzen können, ohne dass es mich interessiert hätte. Wer Essen nicht mehr schmeckt, verliert die Lust darauf. Der Akt der Nahrungsaufnahme wird zur lebenserhaltenden Pflicht. Dies ist ein Verlust von Lebensqualität, den ich mir zuvor so nicht bewusst gemacht habe.

Schmunzeln beim Blick zurück

Im Rückblick sehe ich vieles mit einem gelassenen Schmunzeln, weil ich Corona gut und zügig überstanden habe. Auch die Symptome waren nach zwei Wochen verschwunden. Der Sonntagsbraten duftet inzwischen auch für mich wieder so gut, wie er schmeckt. Dennoch weiß ich: Andere trifft es härter. Viele Kranke auch in meinem Alter leiden lebenslang unter den Spätfolgen. Diese Einsicht zwingt zu Demut und Dankbarkeit.

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In der Kolumne „OTon“ schreiben junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien über das, was ihnen im Alltag begegnet. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie sie die jungen Leute tagtäglich für die Leser aufbereiten, sondern um ganz persönliche Geschichten und Meinungen.

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