10.09.2020 - 15:00 Uhr
OTon

Rettet die Postkarte

Noch viel lieber als OTon-Kolumnistin Lena Schulze Postkarten erhält, schreibt sie selber welche. Aus jedem Urlaub und auch gerne im Alltag, um Freunde einfach mal zu grüßen.

Immer noch beliebt, um Grüße in die Heimat zu senden: Postkarten. Hier ganz viele in einem Souvenirladen in Cassis in Frankreich.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Überraschung! Gerade hole ich eine Postkarte aus dem Briefkasten, von einer lieben Freundin. Handgeschrieben! Mit echter Briefmarke drauf! Wer kriegt sowas heute noch? Ich!

Ich bekomme unglaublich gerne Postkarten und verschicke noch viel lieber selbst welche. Postkarten kommen immer von Menschen, die an einen denken und einem eine Freude machen wollen. Lieber eine Postkarte als einen Brief. Darin verstecken sich meist nur Rechnungen. Natürlich ist chatten, twittern, mailen, simsen unschlagbar schnell. In diesem Augenblick hier auf den Knopf gedrückt, hat im nächsten dort bereits der Empfänger meine Grüße oder Urlaubsfotos. Aber Whatsapp-Grüße kann man sich nicht an Pinnwand oder Kühlschrank heften. Und dass in handschriftlichen Postkarten wesentlich mehr Herzblut steckt als in einer schnellen elektronischen Mitteilung, steht außer Frage. Ich wühle mich gerne durch alte Liebesbriefe, Grußkarten von Freunden und Verwandten aus aller Welt. So viele schöne bewegende und lustige Erinnerungen. Was wird von den vielen SMS und Mails in 10, 50, 100 Jahren bleiben? Hier und jetzt will ich für das Postkarten-Schreiben plädieren.

Die Postkarte ist immer noch die populärste analoge Kurznachricht – auch im digitalen Zeitalter. Zig Milliarden wurden in der 150-jährigen Geschichte der Postkarte rund um den Globus verschickt, für Urlaubsgrüße und Kondolenzübermittlungen, für Liebesbekundungen und Glückwünsche.

Das Schöne ist ja, dass man nicht viel darauf schreiben muss. So viel Platz ist ja nicht. „Wetter schön, Hotel gut, Essen prima. Sonnige Grüße.“ Okay, ein bisschen mehr Mühe gebe ich mir schon. Kreuze auf der Ansichtskarte an, wo mein Lieblings-Restaurant ist. Oder, um den Empfänger zu verwirren, schreibe ich spanische Zeitungsartikel auf die Karte ab. Oder nur Wörter, die ich in den wenigen Tagen in Estland in der Landessprache gelernt habe. Oder male Bilder, statt das Wort zu schreiben. Oder kritzle eine Nachricht über zwei Karten, damit sich zwei Freundinnen treffen müssen, um die Grüße zu lesen. Oder ich dichte. Oder bediene mich aus Liedtexten. Es vergeht kein Urlaub, in dem ich keinen Kartengruß verschicke.

Und der Gruß muss ja nicht aus dem Urlaub kommen. Manchmal reicht es auch einfach ein Lebenszeichen abzugeben – auf einer Werbe-Karte, die ich im Restaurant im Regal kurz vor der Toiletten-Tür gefunden habe. „Hi, ich musste an dich denken, als ich letztens unser Lieblingslied im Radio gehört hab. Wie gehts dir?“ Postkarten erhalten Freundschaften.

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Waldsassen
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Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet - was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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