Surströmming - vergorener Dosenfisch zu Omas Geburtstag

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Wonach riecht der Sommer? Romantiker würden sagen: nach Meer oder frisch gemähtem Gras. Familie Raß hat im Juli andere Erfahrungen gemacht. Schuld sind eine witzige Tradition und der gefürchtetste Speisefisch der Welt: Surströmming.

Was eigentliche eine klassische Familienfeier zum Geburtstag der Oma werden sollte, nahm am Abend eine neue Wendung.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Wer es wagt, im Videoportal Youtube nach den Schlagworten "Surströmming Challenge" zu suchen, der muss damit rechnen, menschlichen Mageninhalt zu sehen. Die Clips gibt es zu Hunderten. Arglose Menschen öffnen eine Konservendose und drehen durch, schreien, fluchen, flüchten, übergeben sich. Die "Challenge", die Dose zu öffnen, ohne mit der Nase zu zucken, besteht kaum jemand. Eine Aufgabe wie gemalt für eine Familie aus Rothenstadt bei Weiden.

Seit Jahren schon ist es im Hause Raß eine gelebte Familientradition, nach dem Essen auszuwürfeln, wer die weniger schmackhaften Reste essen muss. "Das hat sich irgendwann so ergeben. Wir haben da alle unseren Spaß", sagt Tochter Magdalena. Aus den Essensresten wurden bald Mutproben. Stinkende Bohnen, absurde Kombinationen mit Mayonnaise und Ketchup. Im Juli gab es Surströmming. "Ich wüsste nicht, was danach noch kommen soll", gibt Magdalena zu.

Für 30 Euro aus dem Internet

Es war ein Weihnachtsgeschenk von Magdalena und ihrer Schwester für den Mann ihrer Cousine. Surströmming ist ein schwedischer Fisch. Ein fauliger Hering, der im Frühjahr in Salzlake eingelegt wird und in den warmen Sommermonaten zu gären beginnt. Schuld sind Milchsäurebakterien. Im August kommt er in die Dose, wo er weiter gärt. So stark, dass sich die Dose wölbt und ein gewaltiger Druck entsteht. Für 30 Euro hat Magdalena eine Dose im Internet gekauft. Der ultimative Ekel-Test. "Wir haben schon viel darüber gehört, ich kenne auch Leute, die es schon getestet habe", sagt sie.

Glauben wollte sie die Horror-Geschichten, die man sich erzählt, nicht. "Wir haben im Vorfeld ein Video gesehen von zwei Schweden, die den Fisch essen wollen." Beide haben sich übergeben. "Wir dachten: So schlimm wird´s schon nicht werden, das ist doch nur gespielt." Eigentlich sollte es die schwedische "Delikatesse" schon viel früher geben, zuerst kam eine Geburt dazwischen, im Frühjahr das Coronavirus. Neuer Termin: Die Geburtstagsfeier der Oma.

Nichts für Babynasen

15 Gäste trafen sich an einem schönen Sommertag im Juli. Man saß im Garten zusammen, hatte Spaß, eine "ganz normale, angenehme Geburtstagsfeier" sei es gewesen. Bis um 9 Uhr abends die Dose auf den Tisch kam. Eine geruchliche Höllenfahrt, eingesperrt in einer unscheinbaren, blechernen Konservendose. "Vielleicht haben wir es zu locker genommen, einfach unterschätzt", sagt Magdalena heute. Immerhin: Ein paar Vorsichtsmaßnahmen griffen. Babynasen haben in der Nähe der Dose nichts verloren, der Kinderwagen stand in sicherer Entfernung.

Magdalenas Vater nahm sich zusammen mit drei Gästen der Herausforderung an. "Das waren schon die richtigen für den Job – ein Fall für echte Männer", meint Magdalena. Unter freiem Himmel, die neue Küche sollte schließlich verschont bleiben, griffen sie zum Dosenöffner. Aus zehn Metern Sicherheitsabstand beobachteten das Geburtstagskind, Magdalena und die weiteren Gäste das Spektakel. "Wir wollten nur die Show genießen", grinst Magdalena.

Explosiver Inhalt

Zuerst öffnete sich die Dose kaum, einen Zentimeter fraß sich der Öffner hinein. Das reichte aber, um eine Vorhut des Dufts ausströmen zu lassen. Einer der Herren nahm schon Reißaus. Was folgte, ist ein Lehrbeispiel, wie man die Dose Surströmming eher nicht öffnen sollte. Schlagend, stechend, mit dem Dosenöffner auf das Blech einhackend. Erinnerung: Surströmming gärt, die Dose bläht sich, kleinste Erschütterungen können sie zum Platzen bringen.

Bumm! Das Blech brach, die Dose explodierte, ihr delikater Inhalt verteilte sich und bespritzte die vier Männer. "Die sind aufgesprungen und wie wild im Garten rumgelaufen", erzählt Magdalena. "Du sitzt da und plötzlich riechst du das. Der Gestank ist unglaublich. Faulig, eklig." Nichts wie weg. Flüchten bedeutete, an der Dose vorbeizulaufen, im Rücken war nur die nackte Hauswand. "Wir sind alle Richtung Straße gelaufen und mussten uns hinsetzen."

Der Moment, in dem die Surströmming-Hölle losbricht

"Ich weiß nicht, wieso ich das gemacht habe"

Dabei war die wichtigste Entscheidung noch gar nicht getroffen. Wohin mit dem Teufelszeug? Essen? Wegschmeißen? Am Ende siegte die Neugier. Nach etlichen Minuten trauten sich die Gäste vereinzelt wieder in den Garten. Magdalena und ihr Vater nahmen ihren Mut zusammen, pulten mit einer Gabel einen winzigen Brocken aus der Dose und kosteten. "Ich weiß selber nicht, wieso ich das gemacht habe", gesteht Magdalena. Knusprig sei es gewesen. Konsistenz: akzeptabel. Wie ein Dosenfisch eben. "Das ist aber dein kleinstes Problem. Es schmeckt wie Gülle." Im Endeffekt sei es ein mentaler Kampf. "Zuerst ist es furchtbar. Wenn du kaust, ist es sehr salzig." Zurück bleibe ein grässlicher Nachgeschmack im Mund. Zähneputzen habe kaum geholfen.

In familiärer Zusammenarbeit landete der Fisch im Müll, den Sack zu verknoten kam einen Marathon gleich, niemand wollte sich unnötig lange in der Nähe aufhalten. Als Andenken bleibt eine ausgewaschene, leere und damit ungefährliche Dose Surströmming zurück. Und ein T-Shirt für den Ersttester, Magdalenas Vater. Sie selbst kann immer noch herzhaft über den Abend lachen: "Ich habe mit 30 Euro beinahe meine ganze Familie ausgelöscht." Für einen legendären, unvergesslichen Geburtstag hat es in jedem Fall gereicht. Der lakonische Kommentar ihrer Oma: "Der stinkt scho!"

Acht Sommer-Mythen im Realitäts-Check

Deutschland und die Welt
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

markus grillmayer

aus Wikipedia:

Verzehr

Surströmming kann auf unterschiedliche Weise verzehrt werden. Eine Möglichkeit ist die tunnbrödklämma: Eine Scheibe tunnbröd (dünnes Fladenbrot aus Norrland) wird mit in Wasser gründlich abgespültem[4] Surströmming, Mandelkartoffeln, Butter, weißen oder roten rohen gehackten Zwiebeln, saurer Sahne (gräddfil) und Tomaten belegt.[5]

Traditionell wird Surströmming mit kalter Milch, Aquavit oder Bier serviert.

Manchmal hilft Lesen und nach Anleitung verfahren.

10.09.2020