05.11.2020 - 15:32 Uhr
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"Musik gibt mir Kraft": Iraner aus Tirschenreuth rappt auf Youtube

Vor fünf Jahren floh Kiyan aus dem Iran nach Deutschland. Heute macht er Rapmusik. Die hilft ihm, das Erlebte von der Seele zu singen. Und seine Fangemeinde im Netz wächst.

Der Fischhofpark in Tirschenreuth ist Kiyans Lieblingsplatz.
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Der Fischhofpark in Tirschenreuth ist Kiyan Aghamoussas Lieblingsplatz. Mit Blick auf Netzbach und Fischhofbrücke verbringt er dort gerne seine Zeit. „Hier kann ich gut nachdenken“, erzählt der 26-Jährige. Der Blick aufs Wasser erinnert ihn ein bisschen an seine Heimat Bandar Anzali, eine Hafenstadt am Kaspischen Meer mit 114.000 Einwohnern. Was er dort, während der Flucht durch Europa und seitdem hier erlebt hat, verarbeitet der Iraner in eigener Rapmusik. Kiyan rappt in seiner Muttersprache Farsi. Auf Instagram (kianazad__official) folgen ihm inzwischen 31.000 Menschen.

Weil er Gewalt und Druck unter dem Regime nicht mehr aushält, macht er sich 2015 auf den Weg. Im Iran gilt für Männer eine zweijährige Wehrpflicht. „Schon am ersten Tag dort haben sie uns die Gewehre in die Hand gedrückt“, berichtet er – deutsche Waffen. Nach wenigen Monaten sträubt es ihn, „Waffen und Krieg sind nichts für mich“. Mit einem weiteren Soldaten bekommt er den Auftrag ein Waffen- und Munitionslager zu bewachen, mit der Ansage jeden zu erschießen, der sich nähert. „Zum Glück kam in dieser Nacht keiner. Ich hätte niemals auf einen Menschen schießen können.“

Gegen die Regierung

Noch während des Wehrdiensts flüchtet Kiyan in die Türkei und konvertiert zum Christentum. „Im Iran kannst du dir die Religion nicht aussuchen.“ Wer den Islam abgelegt hat, muss im Iran mit einer langen Gefängnis- oder der Todesstrafe rechnen. In der Türkei lebt Kiyan acht Monate, schlägt sich durch – einfach ist es als Flüchtling und Christ auch hier nicht. Über die Balkanroute gelangt er Ende 2015 nach Bayern.

Solche Fluchtgeschichten, hat Anita Heindl in den vergangen Jahren von vielen Asylbewerbern gehört. Seit fünf Jahren kümmert sie sich um die Flüchtlinge im Landkreis Tirschenreuth. Zunächst ehrenamtlich, seit vier Jahren hauptberuflich. Als Hausverwalterin betreut sie die dezentralen Unterkünfte im Landkreis.

Kiyan Aghamoussa lernte sie 2015 in Hahneneggaten (Kreis Tirschenreuth) kennen. Seine Geschichte macht auf sie „einen stimmigen Eindruck“. „Es gibt manche, die plappern gleich drauf los, rücken mit allen Details raus“, erzählt sie, „das wirkt auf mich oft unglaubwürdig“. Kiyan war zurückhaltender, „das Vertrauen musste sich erst entwickeln“. Nach und nach habe er sich geöffnet und seine Geschichte erzählt.

Dass er seine Chance auf ein neues Leben nutzen möchte, sei bei ihm schnell klar gewesen. „Einige wissen, dass sie hier nur erfolgreich sein können, wenn sie Deutsch lernen und sich integrieren“, erzählt sie. Diesen Menschen ist auch bewusst, dass „ohne harte Arbeit die Chance auf ein besseres Leben schnell verwirkt ist“.

Bevor Kiyan auf Heindl traf, kam er aber in ein Flüchtlingscamp in Regensburg. Dort schreibt er seine Wut über die Missstände im Iran zum ersten Mal auf. 2018 entsteht daraus sein erstes Lied „Roll“, das er auf Youtube veröffentlich. „Roll“ bedeutet „zusammenrollen“. Möchte man nicht mehr über eine Sache reden, rollt man im iranischen sprichwörtlich eine Papierrolle zusammen. Übersetzt könnte eine Zeile lauten: „Wir sind wie Sklaven, aber keiner klagt, es gibt nichts mehr zu sagen, ich schlage das Buch zu.“ Rap ist im Iran sehr beliebt, richtet sich der Sprechgesang aber gegen die Regierung, ist auch er verboten – so wie Youtube.

„Meinungsfreiheit gibt es im Iran nicht“, erzählt Kiyan Aghamoussa. „Unabhängigkeit und Freiheit“, wie die Islamische Republik in ihrem Wahlspruch propagiert, spürt er nicht. „Wer etwas gegen die Regierung sagt, muss damit rechnen verhaftet oder getötet zu werden.“ Ein Beispiel ist die Hinrichtung des Ringers Navid Afkari. „Er war bei Demonstrationen gegen die Regierung dabei.“ Ringen ist im Iran ein weit verbreiteter Sport und trotz einer internationalen Solidaritäts-Kampagne konnte das Leben des 27-Jährigen nicht gerettet werden.

Für den Bruder

Nach einem Monat in einem Regensburger Flüchtlingscamp zieht Kiyan in eine Gemeinschaftsunterkunft nach Hahneneggaten, später nach Tirschenreuth. Vor einem Jahr erfährt er, dass sein älterer Bruder im Iran an Herzversagen verstorben ist – ein schwerer Schlag.

Aus der Trauer schreibt er sein zweites Lied „Hasrat“, was übersetzt „Bedauern“ heißt. „Eine Erinnerung an meinen Bruder und die gemeinsame Zeit“, erklärt er. „Ich singe, dass er wie ein Blatt ist, das von einem Baum fiel und dass ich keinen kenne, der so ist wie er“, übersetzt Kiyan. Auf Deutsch zu singen, habe er sich bisher nicht getraut. „Mein Deutsch ist noch zu schlecht.“ Für seine vier Youtube-Videos soll es aber bald eine Übersetzung geben.

Ein Blick zurück

Als 2017 sein Antrag auf Asyl abgelehnt wird, bricht für Kiyan Aghamoussa eine Welt zusammen. „Ich wusste nicht wie es weitergehen soll.“ Die Abschiebung steht kurz bevor. Aus Angst flieht er in die Niederlande, stellt von dort aus einen neuen Antrag in Deutschland. Nach vier Monaten erhält er dann eine Duldung, was nach deutschen Ausländerrecht eine „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“ bedeutet.

Er wird wieder in einer Sammelunterkunft in Regensburg untergebracht. Während der Zeit entstehen zwei Lieder. „Relax“ erzählt seine Geschichte als Flüchtling und dass „jeder Stress einmal vorbei geht“. „Manoto“ (übersetzt „Ich und du“) schreibt er für eine Iranerin, die er in Flüchtlingscamp kennengelernt hat. „Es ist ein Liebeslied.“ Darin erzählt er, dass die Tage nicht vorbei gehen wollen, und „deine Umarmung mich wärmt“. Kontakt haben die beiden nicht mehr. Zurück in Tirschenreuth nimmt er seine Lieder in Tonstudios in der Region auf und veröffentlicht sie – das war vor zwei Jahren.

Nur ein Wunsch

Weil Kiyan kein Ausweisdokument vorlegen kann, darf er in Deutschland nicht arbeiten. Eine Ausbildung konnte er im September trotzdem beginnen. Im Iran arbeitete er in einer Bäckerei. „Eine tolle Arbeit“, findet er. Mit Lebensmitteln hat auch seine Ausbildung zu tun. Im Schulzentrum Neustadt/WN lässt er sich zum Helfer für Ernährung und Versorgung ausbilden. „Es macht mir Spaß, ist aber auch sehr anstrengend.“ Auf dem Lehrplan steht auch „Speisenzubereitung“. „Wir haben eine Kartoffelsuppe mit Wienerwürstchen gekocht“, berichtet er. „Die Suppe hat mir sehr gut geschmeckt, die Würstchen waren nicht so meins“, erzählt er und lacht.

Die Ausbildung gibt dem Tag Struktur und ist ein Schritt zu einem weiteren Ziel: Ein „normales Leben“, das er sich sehnlichst wünscht. „Hier kann ich ohne Gewalt und Angst leben“. Eine eigene Wohnung wäre ein weiterer Schritt. „Ein Zimmer in Weiden oder Neustadt wäre super“, sagt der 26-Jährige. Noch lebt er im Asylbewerberheim in Tirschenreuth. „Ich bin auch ein Mensch, wurde oft nicht wie einer behandelt“, erzählt er. „Die Musik gibt mir Kraft, das alles zu schaffen.“

Kiyan Aghamoussa lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Seine Musik gibt ihm Kraft.

So arbeitet die Ausländerbehörde der Oberpfalz

Regensburg

Hier gelangen Sie zu Kiyans Youtube-Kanal

Im Länderreport des BAMF erfahren Sie mehr über die Situation der Christen im Iran

Hintergrund:

Der Iran und Asyl

  • Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat seinen Sitz in Nürnberg und befasst sich mit den Themen Asyl, Migration und Integration. Es ist zuständig für die Durchführung von Asylverfahren, koordiniert bundesweit die Förderung der Integration und betreibt Migrationsforschung.
  • Aus dem Iran gingen seit 2015 über 66 000 Anträge auf Asyl ein. Allein 2016 waren es über 26 000 Anträge.
  • Der Iran belegte Platz sechs der zehn zugangsstärksten Herkunftsländer. Die meisten Anträge stammten 2020 aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.
  • Laut BAMF-Länderreport sind im Iran 99 Prozent der 82 Millionen Menschen muslimischen Glaubens, die meisten sind Schiiten.
  • Ist ein Asylbewerber konvertiert, wird dies im Asylverfahren berücksichtigt. Es führt zur Schutzgewährung, wenn dem Asylbewerber wegen seines Glaubensübertritts im Heimatland Verfolgung droht. Der Antragsteller muss aber glaubhaft machen, dass er seine Konversionsreligion bei Rückkehr ausüben wird und ihm deswegen dort eine asylrelevante Verfolgung droht.
  • Die Konversion eines Asylbewerbers wird im Asylverfahren berücksichtigt. Sie führt grundsätzlich zur Schutzgewährung, wenn dem Asylbewerber wegen seines Glaubensübertritts im Heimatland Verfolgung droht. Der Antragsteller muss glaubhaft machen, dass er seine Konversionsreligion bei Rückkehr in sein Heimatland ausüben wird und ihm deswegen dort eine asylrelevante Verfolgung droht.
  • Die iranische Verfassung gewährt Christin zwar staatlichen Schutz, dennoch gelten für Andersgläubige im Zivil- und Strafrecht andere Regelungen.
  • Ein Glaubenswechsel ist derzeit nicht nach aktuellem Recht, aber nach der Scharia strafbar. Andersgläubige müssen zudem mit Razzien und spontanen Festnahmen rechen.
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