16.10.2020 - 16:25 Uhr
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Zeitloses Design für jeden: Mein DIY-Clubsessel für 24 Euro

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Ein Sessel aus einem einzigen Brett, der 24 Euro kostet, in 24 Stunden hergestellt ist - und dessen Form an die größten Designklassiker der Moderne erinnert: Architekt Van Bo Le-Mentzel verspricht genau das in seinem Buch "Hartz-IV-Moebel".

Geschafft: Redakteurin Stephanie Wilcke nimmt nach getaner Arbeit Platz in ihrem neuen Clubsessel. Mit Materialkosten von 24 Euro und ein bisschen Geschick lässt sich das gute Stück relativ einfach selbst bauen.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Der Designklassiker "Clubsessel B3" von Marcel Breuer oder der "Barcelona Chair" von Ludwig Mies van der Rohe: Ein Stuhl und ein Sessel, die Geschichte schrieben, weil sie einfaches Design mit einer genialen Idee zum neuen Sitzen verbinden. Sitzmöglichkeiten, die knapp 100 Jahre alt sind, aber heute noch immer richtig schick aussehen. So etwas habe ich mir auch immer für mein Wohnzimmer vorgestellt. Leider fehlt mir dafür (noch) das übrige Kleingeld. Dann fällt mir das Buch des Architekten Van Bo Le-Mentzel in die Hände.

In dem knallgelben Buch "Hartz-IV-Moebel", das wie ein Reclam-Heftchen daherkommt, erklärt der Architekt, dass er ein neuartiges Prinzip entdeckt habe, Möbel zu produzieren. "Ganz ohne Fabrik und Kapital." Zusammen mit seiner "Crowd", wie Van Bo Le-Mentzel seine Mitstreiter nennt, ist das Buch entstanden. Darin reihen sich Bauanleitungen für Möbel und Lampen, die jeweils von Designklassikern abgeleitet oder inspiriert sind.

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"Ist dieses Buch nur für Hartz-IV-Empfänger gedacht?", fragt der Erfinder im Editorial. Und er gibt sich auch gleich die Antwort: "Nein, es richtet sich an alle Menschen mit wenig Einkommen und viel Geschmack." Also Fans von Do-it-yourself, Interior-Design-Anhänger, Start-Ups, Marketingmanager und "Kommunisten und andere schräge Vögel". Der zweite Bauhaus-Direktor Hannes Meyer („Volksbedarf statt Luxusbedarf“) hätte seine wahre Freude an dem Büchlein.

Entscheidung für den "24-euro-chair"

Nach einigem Durchblättern entscheide ich mich für den "24-euro-chair", der sich in seiner Form unter anderem von jenen großen Klassikern wie dem "Barcelona Chair" und Breuers Clubsessel inspirieren ließ. Van Bo Le-Mentzel sagt also, dass es für 24 Euro und mit etwas handwerklichem Geschick möglich ist, sich einen schicken Sessel ins Wohnzimmer zu stellen. Ich mache den Test.

Zur Seite von Hartz-IV-Möbel

An einem Samstagvormittag im Baumarkt: Zwei Leimholz-Kieferplatten (10,92 Euro), ein vier Meter langer Gurt (5,08 Euro), Stuhlwinkel (2,68 Euro) und Schrauben (5,06 Euro) landen im Einkaufswagen. Designer Van Bo Le-Mentzel empfiehlt, zwei Kissen in der Größe 50 auf 50 Zentimeter bei Ikea zu kaufen. Leider ist "Karlstad" aber nicht mehr zu bekommen. Lässt sich bestimmt im Internet etwas finden, denke ich mir.

Die Materialliste: Aus einem Kieferleimholzbrett werden 16 Einzelteile geschnitten, außerdem braucht man gut 3,5 Meter Gurt, Leim, Schrauben und einige Winkel.

Aus den beiden Kieferplatten sollen die Einzelteile für den Sessel geschnitten werden. Bei meinem Vater und Freund ernte ich verächtliche Blicke für die Kiefer-Wahl. Später werde ich merken warum.

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Um die Sache zu vereinfachen (und auch, weil ich keine Stichsäge zur Hand habe), bitte ich jemanden, die beiden Platten auf die entsprechenden Größen über eine große Kreissäge laufen zu lassen. 16 Einzelteile brauche ich.

Mit einer Kreissäge lässt sich das Brett (in meinem Fall waren es zwei) millimetergenau zerteilen.

Ich entscheide mich zudem dafür, die zusammenlaufenden Armlehnen beziehungsweise Füße des Sessels auf Gehrung schneiden zu lassen – also im 45-Grad-Winkel zueinander laufen zu lassen. Van Bo Le-Mentzel schlägt als Profi-Variante sogenannte Schwalbenschwänze (wie Holz-Finger, die einander greifen) vor. Das erscheint mir für meine Fähigkeiten etwas hoch gegriffen. Schließlich braucht es dafür ein Stemmeisen und erfahrene Hände, die die Finger aus dem Holz brechen können.

Wenn das Holz im 45-Grad-Winkel aufeinandertrifft, nennt man das Gehrung.

Mit den geschnittenen Holzteilen geht es nun in die Produktion meines ganz eigenen Designklassikers. Von meinem Vater bekomme ich noch den Rat, die wichtigen Teile zu verleimen, bevor ich sie miteinander verschraube. Also wandern noch einige Schraubzwingen in meine Tasche. Ich merke schnell, dass das Verleimen etwas Übung verlangt, denn die einzelnen Seiten müssen gleichzeitig mit dem Kleber in Form gebracht werden.

Den Leim aufzutragen, ist nicht sonderlich schwer. Das Zusammenbringen der Einzelteile nachher umso mehr.

Nicht nur einmal muss ich das Konstrukt wieder aufmachen, weil sich ein Fuß oder die Armlehne verschoben hat. Der Leim bleibt an den Fingern kleben und verteilt sich so schön auf den Hölzern. Am Ende liegt aber doch ein wildes Konstrukt am Boden, das von vier Schraubzwingen zusammengehalten wird.

Ein wildes Konstrukt: Am Ende finden die Einzelteile mit Hilfe der Schraubzwingen aber ihren Platz.

Die Kiefer ist ein Weichholz

Richtig knifflig wird es, als ich die erste Schraube ins Holz bohren will. Kiefer ist ein Weichholz und bei den nur 50 mal 5 Zentimeter großen Holzstücken für die Füße spaltet sich das Holz schnell. Auch die Idee, mit Winkeln das Holz zu verbinden und auf die reinen Schrauben zu verzichten, ist nicht ganz von Erfolg gekrönt. Die Lösung: Wir bohren die Löcher etwas vor. Eine Bohrmaschine daheim zu haben, ist also ratsam.

Um das Holz nicht zu spalten, bohren wir erst kleine Löcher für die Schrauben vor. Der Winkel in den Ecken soll dann die Holzteile zusammen halten.

Nach einiger Zeit stehen der Rahmen für die Rückenlehne sowie die beiden Armlehnen mit den Verbindungsteilen für den Unterbau fertig an der Wand. Jetzt wird es noch einmal heikel, denn der Gurt muss straff an die Holzteile geschraubt werden. Er soll ja später einmal den Sitzenden tragen. Im Baumarkt habe ich leider keine Jute kaufen können, sondern einen Gurt aus einer Kunststoffmischung. So gespannt das Band auch ist, ich zweifele daran, ob der Gurt wirklich einmal jemanden halten kann. Drei Bahnen sollen am Sitzteil befestigt werden, zwei an der Rückenlehne. Ich glaube vor allem, dass sich die Bahn in der Mitte gut in das Hinterteil des Testers bohren könnte.

Gestrafft: Jetzt werden die einzelnen Gurte an die Sitz- und Rückenfläche fest verschraubt.

Ja, es ist ein Sessel!

Nun wird es langsam ernst, denn die Einzelteile werden zu einem Ganzen verschraubt. Ja, es sieht wirklich nach einem Sessel aus! Ich bin stolz, denn mein Konstrukt ähnelt wirklich der Abbildung im Buch. Als ich mich aber langsam und vorsichtig hineinsetze, bestätigt sich der Verdacht mit dem Gurt und meinem Hinterteil, auch die Rückenlehne wackelt. Vor allem bei letzterem stellt sich schnell Besserung ein, da wir zwei lange Schrauben genau an jene Stelle schrauben, wo Rücken- und Armlehne aufeinander treffen. Jetzt macht der DIY-Clubsessel einen ordentlichen und stabilen Eindruck.

Ja, es ist ein Sessel! Und er ähnelt auch der Abbildung in Van Bo Le-Mentzels Buch. Später wird der Sessel noch mit Schellack und Bienenwachs bearbeitet.

In den Tagen darauf bearbeite ich meinen Designklassiker mit Schleifpapier, um die eine oder andere unschöne Stelle zu kaschieren und abstehende Holzspreißel zu entfernen. Danach trage ich eine Schellack-Mischung auf. Das gibt dem nahezu farblosen Kiefernholz einen goldbraunen Farbton. Anschließend reibe ich den Sessel mit Bienenwachs ein, um ihn standesgemäß glänzen zu lassen.

Fazit eines 24-Stunden-Projekts

Architekt Van Bo Le-Mentzel erklärt auf seiner Webseite: "Für die Bearbeitung braucht ihr eine vollwertige Werkstatt!" Da hat er nicht ganz unrecht, denn sicherlich hat nicht jeder bei sich eine Kreissäge, Bohrmaschine oder Schraubzwinge im Keller stehen beziehungsweise liegen. Er empfiehlt, sich eine "Offene Werkstatt" zu suchen.

Van Bo Le-Mentzel hat bei der Entwicklung seiner Bauanleitung darauf geachtet, dass der Sessel möglichst preisgünstig gebaut werden kann. Für den nächsten Sessel würde ich wohl lieber zu einem etwas teureren aber hochwertigeren Holz als Kiefer greifen.

Vom Design bin ich völlig überzeugt. Der Sessel hat eine klare Formensprache, verzichtet auf Schnickschnack, kein Holzstück ist zuviel, jedes Teil hat eine Funktion.

Architekt Van Bo Le-Mentzel sagt, dass sich mit 24 Euro innerhalb kürzester Zeit ein Sessel selbst bauen lässt. Das Design ist inspiriert von Klassikern wie Marcel Breuers "Clubsessel B3" und Ludgwig Mies van der Rohes "Barcelona Chair". Wir haben es getestet.
Bauanleitung:

Die Anleitungen zum 24-euro-chair, dem kreuzberg-36-chair oder dem beta-block finden sich in Van Bo Le-Mentzels Buch "Hartz-IV-Möbel" (12,99 Euro) wieder. Oder sie sind "kostenlos, aber nicht kostenfrei", wie der Architekt erklärt, auf der Webseite www.hartzivmoebel.de/ abrufbar. Dort erwartet er, dass sich die Selbermacher anmelden und einige Fragen beantworten. "Die Geschichten der Leute sind meine Bezahlung."

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