Von Helmut Kunz
Weiden. Nein, die Hosen hatte keiner von den 20 Freiwilligen voll, die vor 25 Jahren den ersten UNO-Einsatz deutscher Bundeswehrsoldaten in Somalia vorbereiteten. „Aber es war schon ein gemischtes Gefühl. Man wusste ja nicht, was auf einen zukam. Es war für alle die dabei waren Neuland. Im Fernsehen und Radio haben wir mitbekommen, dass die Amerikaner schon viele Tote zu beklagen hatten. Mulmig war es schon, aber Angst? Nein, die hatten wir nicht.“
Hartmut Brönner war Mitglied dieser allerersten Truppe, die angeführt von Generalmajor Georg Bernhardt am 15. Mai 1993 in Köln-Wahn eine Maschine der Bundesluftwaffe Richtung Dschibuti bestieg, um in dem bürgerkriegsgeschüttelten, afrikanischen Land am Aufbau eines Militärcamps mitzuwirken. Brönner war damals Stabsfeldwebel, 48 Jahre alt und nach seinem Kommandeur der zweitälteste Soldat im Unterstützungsverband Somalia.
Seit Dezember war Brönner für den Einsatz in Koblenz ausgebildet worden. Jetzt endlich kam grünes Licht. Der ehemalige Soldat breitet eine riesige Landkarte aus, die er damals von den Kanadiern bekommen hatte und zeigt auf einen Punkt im südlichen Zentralsomalia. Entgegen erster Pläne wurde der Verband nämlich nicht im nordöstlichen Bosasso stationiert, sondern in der Region um Belet Uen. Deshalb ging es von Dschibuti aus mit einer Trans All weiter zur roten Sandpiste in jenem wüstenähnlichen Gebiet.
„Es war zwar der erste bewaffnete Auslandseinsatz der Bundeswehr. Aber wir hatten unsere Waffen nur zum Selbstschutz dabei.“ Auch das spätere Bataillon sei nicht im Kriegseinsatz gewesen, sondern tat Friedensdienst zur versorgungsmäßigen Unterstützung einer noch einzutreffenden indischen Brigade von 5000 Mann. Die 20 Pioniere um Brönner stellten das Erkundungskommando für das 70-köpfige Vorkommando, das wiederum 1600 deutschen Soldaten den Weg ebnen sollte, die Ende Juli 1993 unter der Flagge der Vereinten Nationen das erste Kontingent deutscher Blauhelme stellten.
„Ich war bis zum 17. Juli dort. Wir haben das Lager erkundet, aufgebaut und für das erste Kontingent vorbereitet. Wir durften nur in einem befriedeten Gebiet eingesetzt werden.“ Warum die UNO in Somalia war? „Ganz einfach: Es herrschte Bürgerkrieg. Es herrschte Hungersnot mit mehreren Hunderttausend Toten. Die internationalen Hilfstransporte wurden von Regierungstruppen abgefangen. Deshalb hat die UNO internationale Truppenkontingente ins Land geschickt."
Die erwartete indische Brigade, die von den Deutschen versorgt werden sollte, hatte den Auftrag, Bürgerkriegsparteien zu entwaffnen. „Wir durften das nicht.“ Vorher hatten die Kanadier diese Arbeit übernommen. Jetzt zogen sie ab und drückten dem deutschen Erkundungstrupp zum Abschied den Schlüssel in die Hand. Die Waffen, die eingezogen wurden, es waren meist Kalaschnikows, wurden ungesichert gelagert und oft nachts von Einheimischen gestohlen, erinnert sich Brönner.
„Die Bevölkerung hat uns bei unserer Ankunft bejubelt. Unsere Aufgabe lag darin, auch weiterhin möglichst freundlich aufgenommen zu werden. Allein schon zum Eigenschutz.“ Unter anderem gab’s ein Fußballspiel der Soldaten – „wir waren ja damals amtierender Weltmeister“ – gegen die Somalis vor Ort. „Tausende von Somalis standen am Straßenrand und haben unsere Spieler in ihren Trainingsanzügen, auf denen das deutsche Embleme aufgedruckt war, beklatscht." Brönner: „Nach dem Spiel, das natürlich unentschieden ausging, wurde von begeisterten Menschen das Spielfeld gestürmt.“
Brönner war Schirrmeister. Seine Hauptaufgabe bestand darin, zwei von den Kanadiern übernommene Stromgeneratoren zu betreuen. „Ohne Strom lief nichts.“ In Belet Uen habe es weder ein Elektrifitätswerk noch irgendwelchen Strom gegeben. „Nachts war es dunkel. Eine Stadt ohne Post, Bahn, Bus. Keine Polizei, keine Feuerwehr. Und das bei 70000 Einwohnern."
Biwakiert wurde in Zelten. „Wir hatten von den Kanadiern Paletten als Bodenbelag bekommen. Sonst hätten wir auf Sand liegen müssen.“ Gefahr lauerte von Kamelspinnen, die Wirte suchten für ihre Eiablage – „mir ist mal eine hinten an den Hals gekrochen“ - und Schlangen. Probleme gab es auch durch Hitze und Sandstürme.
Erfindungsreich waren die Deutschen vor allem, was die Beseitigung ihrer Fäkalien anging, die man täglich kurzerhand abfackelte.
„Man muss auch wissen, dass Urin schwerer ist als Öl, was wiederum die Fliegen fernhält." Der Weidener Stabsfeldwebel war zur Regenzeit in Somalia. „Eine Stunde lang Platzregen und der Dchebelle Fluss trat über die Ufer. Die ausgetrockneten Flussläufe durften nicht unterschätzt werden. Das musste man alles in die Planungen mit einbeziehen.“
Das Vorkommando wurde bis auf 70 Soldaten aufgestockt. Dann kam das Kontingent, das Ende 1993 auf 1400 Mann reduziert und Anfang 1994 dann komplett abgezogen wurde. Warum? „Weil den Amerikanern nach Überfällen auf ihre Konvois das Ganze zu heiß wurde und sie sich zurückzogen.“ Daraufhin sei die indische Brigade nicht eingetroffen, die von den Deutschen hätte versorgt werden sollen. „Damit standen wir ohne Auftrag da.“
„Wir stellten den Grundstock für weitere Auslandseinsätze der Bundeswehr“, zieht Brönner Bilanz. „Unsere Erfahrungen waren gefragt. Und gleich danach kam ja Bosnien. Später der Kosovo und Afghanistan.“ Als die Bundeswehr nach Bosnien kam, war Brönner bereits pensioniert, meldete sich allerdings freiwillig und zeichnete verantwortlich für das katholische und evangelische Militärseelsorgezelt der Bundeswehr.















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