10.06.2020 - 16:00 Uhr
ErbendorfBesserWissen

Schatzkiste für kleine Naschkatzen

Kinder lieben Süßigkeiten. Doch wie viel Schokolade & Co. ist erlaubt? Eltern stehen täglich vor der Herausforderung, das richtige Maß zu finden, weiß die Ernährungsberaterin Kristina Heinzel-Neumann. Ihre Lösung des Problems: eine bunte Box.

In die Schatzkiste kommen die Tagesrationen an Süßigkeiten: für jeden Tag der Woche eine Kinderhand voll.
von Christa VoglProfil

Selbstbestimmung und Eigenverantwortung sind im Zusammenhang mit kleinen Kindern ziemlich große Worte. Und doch ist sich Kristina Heinzel-Neumann sicher, dass es Eltern genau damit gelingen kann, der Zuckerfalle zu entkommen. "Es ist ganz wichtig, dass bereits kleine Kinder den richtigen Umgang mit Süßigkeiten lernen. Das funktioniert am besten, indem man einen festen Rahmen für den Süßigkeitenkonsum schafft", erklärt die 38-jährige Ökotrophologin aus Erbendorf. "Und die Schatzkiste bildet eben diesen Rahmen."

Heinzel-Neumann, die überwiegend als selbstständige Ernährungsberaterin arbeitet, holt aus der Schublade ihres Schreibtisches einen Kinderschuhkarton hervor und stellt ihn vor sich auf den Tisch: Er ist rundherum mit bunten Bildern der Eisprinzessin Elsa und ihrer Schwester Anna beklebt und stellt eine Szenerie dar, die gerade die Herzen kleiner Mädchen höher schlagen lässt. "Das ist nur eine mögliche Version", sagt sie lachend. "Natürlich kann man auch andere Motive verwenden. Am besten bastelt man die Schatzkiste gemeinsam mit dem Kind."

Eigenverantwortung

Doch wie funktioniert so eine Schatzkiste? In die Schatzkiste kommt die Menge an Süßigkeiten, die für eine Woche, also für sieben Tage reichen muss. Für jeden Tag darf sich das Kind eine Portion aussuchen: das kann zum Beispiel ein Schokoriegel sein, eine Kinderhand voll Bonbons oder Gummibärchen. Das Kind darf selbst auswählen. Grundsätzlich gilt, dass eine Kinderhand voll Süßigkeiten pro Tag erlaubt ist. Genau an dieser Stelle kommen Eigenverantwortung und Selbstbestimmung ins Spiel: Das Kind darf nämlich selber entscheiden, wie viel es an welchem Tag aus der Box haben möchte.

Es darf auch die ganze Box auf einmal leer essen. Damit liegt es in der Verantwortung des Kindes, ob es gleich die ganze Wochenration isst oder sich die Süßigkeiten einteilt. Wichtig: Ist die Box leergegessen, wird sie trotzdem erst am Beginn der neuen Woche aufgefüllt und es gibt auch erst dann neue Süßigkeiten. "Am besten funktioniert die Sache, wenn alle in der Familie mitmachen und somit Mama und Papa auch eine eigene Schatzkiste haben. Denn Kinder leben vom Vorbild", erklärt die 38-Jährige und fügt hinzu: "Wenn die Eltern nicht mitmachen, entsteht oft nur Frust und Abwehr."

Dass übermäßiger Zuckerkonsum gesundheitsschädlich ist und Kinder im Schnitt zu viel Zucker essen, ist keine Geheimnis: Karies, Diabetes, Übergewicht können die Folge sein. Andererseits sind Süßigkeiten heutzutage Bestandteil unserer Ernährung. Aber, wie Kristina Heinzel-Neumann betont: Die Menge macht das Gift. Aufgabe der Eltern sei es, den Kindern einen sinnvollen Umgang mit eben diesen Süßigkeiten zu vermitteln.

Süßes allgegenwärtig

Hier gibt es in den Familien ganz verschiedene Konstellationen. "Es gibt Eltern, die ihren Kindern nichts Süßes geben. Die Eltern tun so, als ob es überhaupt keine Süßigkeiten gäbe." Diese Verhaltensweise hält die Ernährungsberaterin aus Erbendorf nicht für richtig, denn: "Tatsache ist, dass Süßigkeiten allgegenwärtig sind. Sie müssen als ganz normaler Bestandteil des täglichen Lebens - von Erwachsenen und von Kindern - gesehen werden." Kinder müssten eben beizeiten lernen, damit umzugehen.

Aber auch Kinder sind sehr unterschiedlich, was ihr Verlangen nach Süßem betrifft. "Nicht für jedes Kind ist die Schatzkiste notwendig." Denn manchmal laufe es auch ohne große Regulierung. Es gebe Kinder, "die das gut können und Kinder, die das weniger gut können". Bei Kindern, deren Impulskontrolle noch nicht so gut funktioniere, sei es vielleicht auch gut, die Kiste anfangs nur mit einem Vorrat von drei Tagen zu befüllen, damit das Kind nicht ständig traurig sei, weil es bereits alles aufgegessen hat.

Als Familie ausprobieren

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang auch die Art und Weise, wie die Schatzkiste, die besonders ab dem Kindergartenalter geeignet ist, eingeführt wird. "Ich finde es sehr wichtig, die Sache mit dem Kind gemeinsam zu besprechen. Es muss sozusagen eine Einladung an das Kind sein. Nach dem Motto: Du, hör mal, ich hab' da eine Idee. Wir könnten das doch mal als Familie ausprobieren." Man dürfe nicht sagen: Du nascht zu viel! Wir müssen deine Süßigkeiten reduzieren!

Dann ist da noch die Sache mit den Verwandten und den Freunden, die zu Besuch kommen, Süßigkeiten als Geschenk mitbringen und so den ausgeklügelten Plan mit der Schatzkiste und der täglichen Nasch-Ration über den Haufen werfen. Doch auch hier hat Heinzel-Neumann eine Lösung parat: Bekommen die Kinder Süßigkeiten geschenkt, werden diese aufbewahrt und zum Befüllen der Box in den kommenden Wochen genutzt.

Selbstbestimmung

Die Sache mit der Schatzkiste klingt vielversprechend und das Prinzip ist einleuchtend: Die Kinder haben einen vorgegebenen Rahmen und bestimmen selbst, welche Süßigkeiten sie essen und wie sie die Wochenration aufteilen. Eben eigenverantwortlich und selbstbestimmt. Doch wie sieht das Ganze in der Realität aus? Mit ihren Vorträgen und Kursen ist die Ernährungsberaterin oft in Kindergärten unterwegs und erhält daher sehr viele Rückmeldungen von den Mamas und Papas zum Prinzip der Schatzkiste.

Natürlich erlebt sie als Mutter einer zweijährigen Tochter das Thema im Praxistest täglich hautnah. "Wichtig ist, dass man sich mit dem Problem auseinandersetzt. Die Schatzkiste ist nur ein Lösungsvorschlag." Als Eltern müsse man immer wieder Kompromisse schließen und neu justieren. Das gehe ihr genauso, erklärt sie achselzuckend. Und erzählt dann lachend von ihrer zweijährigen Tochter, die sich erst am Tag davor beim Einkaufen in einem unbeobachteten Moment einen Schokoriegel aus dem Regal schnappte, ihn auswickelte und davon abbiss. Schon irgendwie beruhigend, wenn man hört, dass sich auch die Kinder anderer Eltern nicht immer an Regeln halten und ihr Kindsein vergnügt ausnutzen.

Kristina Heinzel-Neumann, Ernährungsberaterin aus Erbendorf, ist vom Prinzip der Schatzkiste überzeugt
Hintergrund:

So funktioniert die Schatzkiste

Jedes Kind und auch jeder Erwachsene bekommt eine eigene Schatzkiste.

Die Box wird mit dem Namen des Kindes beschriftet und kann je nach Vorliebe bunt beklebt oder bemalt werden.

Am Beginn der Woche wird die Dose mit der Wochenration an Süßigkeiten befüllt (pro Tag zirka eine Kinderhand voll). Das Kind darf wählen, welche Süßigkeiten es haben möchte.

Es wird eine feste Uhrzeit vereinbart, zu der das Kind die Schatzkiste öffnen und die Tagesration entnehmen darf. Die beste Zeit ist nachmittags nach einem Imbiss.

Das Kind entscheidet selbst, wie viel es aus der Box essen möchte (es darf auch die ganze Box auf einmal leer essen; neu aufgefüllt wird allerdings erst wieder am Beginn der neuen Woche).

Wenn das Kind in der Schule oder bei Freunden Süßigkeiten bekommt, so muss aus der Schatzkiste wieder eine Portion herausgenommen werden.

Bekommt das Kind Süßigkeiten von Freunden oder Verwandten geschenkt, werden diese aufbewahrt und beim nächsten Befüllen der Box verwendet.

Der Inhalt des Adventskalenders wird nicht zur Schatzkiste gezählt.

Ausnahmen sind Weihnachten, Geburtstage und Feiertage: Aber auch da lohnt es sich, die geschenkten Süßigkeiten zur Seite zu legen und den Kindern zu zeigen: Süßigkeiten sind etwas Besonderes. (cvl)

 

 

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