(hwo) Fast schon rührend, diese vom Angeklagten erzählte Geschichte. Quasi als Oberhaupt einer in Paris lebenden vietnamesischen Familie will der 55-Jährige heuer im Mai nach Prag geschickt worden sein, um nach einem verschollenen Onkel aus Fernost zu suchen. Mit einem Uralt-Vehikel brach er auf und suchte, wie der Mann übersetzen ließ, vergeblich an der Moldau. Doch dann, welches Glück, habe sich ein ihm unbekannter Landsmann erboten, ein wenig mitzuhelfen bei der Familienzusammenführung.
"Lebensmittelchen" für Pariserin
Der langen Rede kurzer Sinn: Landsmann Quong, wie er angeblich hieß, kam zwar auch nicht auf die Spur des Onkels. Aber er bat den 55-Jährigen nach dessen Angaben, "ein paar Lebensmittelchen" mit nach Paris zu nehmen. So wurden dann drei größere Säcke mit Reis in den Kofferraum gehoben. "Kam Ihnen das nicht seltsam vor?", fragte die Vorsitzende der Ersten Strafkammer beim Landgericht Amberg, Roswitha Stöber. Die Antwort des Vietnamesen: "Irgendwie schon. Aber die Säcke hätten ja bei mir daheim von einer Frau abgeholt werden sollen."
Der uralte VW-Golf mit 200 000 Kilometern auf dem Tacho wurde heuer am 28. Mai auf der A6 bei Ursensollen (Kreis Amberg-Sulzbach) von Schleierfahndern gestoppt und gefilzt. Drei Säcke Reis lagen im Kofferraum, zwei mit gelben und einer mit weißen Fäden zugenäht. Zweimal stießen die Polizisten auf Langkorn-Ware. Aus dem dritten Sack quollen Plastiktüten mit weißem Pulver. Ein Volltreffer gewissermaßen, bestehend aus acht Pfund Ephedrin.
Angeklagter ist vorbestraft
Wozu braucht man Ephedrin, das in Pflanzen der Gattung Meerträubel vorkommt und stimulierende Wirkung hat? Die Richter wussten es zwar bereits, aber sie ließen es sich von dem Erlanger Toxikologen Bernd Schwarze ganz genau erklären. Das Alkaloid aus der Gruppe der Phenylethylamine bildet die Grundlage zur Herstellung der Droge Crystal Speed. Von daher in tschechischen Drogenküchen gerne und permanent eingesetzt. Der Experte erklärte: "Über ein Pfund Crystal hätte man aus den vier Kilo produzieren können." Doch davon wollte der 55-Jährige keine Ahnung haben. Seltsam nur: In seiner Wahlheimat Frankreich hatte man ihn wegen Rauschgifthandels bereits einige Jahre eingesperrt.
Der Tatbestand nannte sich "Unerlaubte Beförderung von Grundstoffen". Staatsanwalt Holger Bluhm hielt einen besonders schweren Fall für gegeben, erkannte auch Beihilfe zum Drogenhandel und forderte für den Vietnamesen fünf Jahre Haft. Anwalt Jürgen Mühl (Amberg) hielt das für völlig überzogen und beantragte zwei Jahre mit Bewährung für den seit Mai in U-Haft sitzenden Mann. Die Strafkammer verhängte drei Jahre zum Absitzen. So kam es dann, dass die vielköpfig aus Paris angerückte Familie des Reissack-Beförderers ohne ihr Oberhaupt an die Seine zurückkehren musste.















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