16.10.2020 - 10:10 Uhr
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Gesundheitsämter am Anschlag: "Wir tun, was wir können"

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Die Corona-Infektionszahlen steigen wieder - und damit steigt auch die Arbeitsbelastung an den Gesundheitsämtern. Jetzt wird aufgestockt.

Das Gesundheitsamt in Amberg stellte bereits vor einiger Zeit Bürocontainer auf, um das zusätzliche Personal zur Bewältigung der Coronakrise unterzubringen.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Dr. Roland Brey ist Leiter des Gesundheitsamtes in Amberg. Dort hat man seit Beginn der "Corona"-Pandemie alle Hände voll zu tun. Mit dem normalen Personal ist das nicht zu stemmen, weswegen schon seit Monaten Hilfskräfte mitarbeiten. "Wo die herkamen, war sehr phasenabhängig", sagt Brey: "Ganz am Anfang waren es Lehrkräfte oder Medizinstudenten, später kamen Auszubildende aus anderen Behörden." Alle diese Gruppen gehen inzwischen allerdings wieder ihren normalen Tätigkeiten nach.

Brey berichtet von anstrengenden Monaten, in denen das Personal lange Arbeitstage hatte und auch am Wochenende im Einsatz war. Das sei auf Dauer nicht zu schaffen. Um so mehr begrüßt er es, dass die bayerischen Gesundheitsämter nun personell aufgestockt werden. "Die Politik hat erkannt, dass man uns verstärken muss." Eingestellt würden beispielsweise Kräfte, die sich um das "Contact-Tracing", also das Nachverfolgen von Kontakten positiv Getesteter kümmern. Hierfür gebe es sehr viele Bewerber, doch nicht jeder komme infrage. "Wir müssen schon schauen, wer passt rein, wer hält Stress aus? Das ist kein Bürojob von Montag bis Freitag von acht bis fünf, das geht auch übers Wochenende."

Medizinische Vorbildung nötig

Ein Teil der "Neuen" bräuchte zudem eine medizinische Vorbildung. Doch Ärzte seien Mangelware, "zumindest wir in Amberg tun uns schwer, welche anzuwerben". Bei Krankenschwestern sehe es besser aus. Weil seit Ende September der Personalwechsel laufe, befinde man sich momentan in einer sehr anstrengenden Phase. "Wir müssen die Leute ja schnell einarbeiten." Und es seien nicht nur Anrufe zu tätigen, sondern richtiggehende Ermittlungen durchzuführen. Zudem sei viel mehr los als während des Lockdowns, erklärt Brey. "Die Leute haben wesentlich mehr Kontakte und entsprechend mehr Menschen müssen in Quarantäne."

Mit der Anordnung der Quarantäne sei es jedoch noch lange nicht getan. "Wir müssen auch die Einhaltung überwachen." Das geschehe mit täglichen Anrufen. "Dabei fragen wir nach dem Befinden und beobachten die allgemeine Entwicklung, das ist ein Prozess." Aus der Quarantäne entlassen könne das Gesundheitsamt erst, "wenn alles geklärt ist, zum Beispiel auch, ob Schulen oder Kindergärten mit betroffen sind". Und noch etwas betont Brey: "Es dürfen dabei auf keinen Fall Informationen verloren gehen." Sämtliche Zahlen und Daten müssten genau dokumentiert und weitergeleitet werden.

Im Moment beobachtet Brey eine "sehr dynamische Entwicklung". Es kämen pausenlos Anfragen. Die Contact Tracer kümmerten sich hauptsächlich um positive Laborbefunde. "Sie arbeiten einen Fragenkatalog ab, ermitteln Kontakte und veranlassen Tests. Das kann sehr umfangreich sein." Hinzu kämen unvorhergesehene Probleme, "da erreicht uns dann zum Beispiel am Wochenende ein Laborbefund, aber ohne Telefonnummer oder Mailadresse des Getesteten. Es ist in der Praxis nicht ganz einfach." Brey ärgert es, wenn er hört, dass die Gesundheitsämter "hinterherhinken" würden. "Wir tun, was wir können." Und er nimmt die niedergelassenen Ärzte in die Pflicht: "Die Devise muss sein, die Leute nach einem Test immer auch in Quarantäne zu schicken", sagt er.

Austausch mit Ministerin Huml

Anfang der Woche haben sich die Chefs der Oberpfälzer und niederbayerischen Gesundheitsämter in einer Telefonkonferenz mit der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml ausgetauscht. "Wir vor Ort wissen schließlich am besten, was an den aktuellen Regeln alles dranhängt." Und Brey findet nicht alles gleich sinnvoll. "Wir haben derzeit viele verschiedene Listen und Verbote." Die größte Rolle bei Ansteckungen, sagt der Mediziner, spielten die Haushalte, wo man nur wenig Distanz einhalten könne. Schulen und Kindergärten hingegen sieht Brey als weniger gefährlich an: "Wir haben inzwischen Hygienekonzepte, da ist es nicht mehr unbedingt notwendig, bei einem Verdachtsfall gleich alle in Quarantäne zu schicken."

Die aktuelle Entwicklung in Europa und der Welt gefällt dem Mediziner nicht. "Wir beobachten das und es ist sehr beunruhigend." Sorge macht Brey vor allem, dass die Lage irgendwann nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen sei und sich das Virus wieder in die Altenheime einschleiche. "Dann werden wir eine Zunahme an schwer kranken Menschen und Todesfällen haben." Es gelte also, Schritt zu halten und gegenzusteuern, aber mit Augenmaß. "Denn es darf dabei nicht alles Andere den Bach runtergehen, dass wir zum Beispiel wieder keinerlei Kontakte in Altenheimen erlauben."

Staatsregierung handelt

Die bayerische Staatsregierung versucht der Entwicklung des Infektionsgeschehens aktiv gegenzusteuern: Am Dienstag gab sie bekannt, die Contact-Tracing-Teams von 775 Mitarbeitern an den Gesundheitsbehörden um weitere 500 Mitarbeiter aufzustocken. Um das Contact-Tracing unverzüglich zu stärken, werden mit sofortiger Wirkung bis zu 2000 staatliche Mitarbeiter dafür abgestellt. Die personelle Unterstützung des Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, des Landesamts für Gesundheit und der Gesundheitsämter mit Stammkräften der anderen Ressorts wird im bisherigen Umfang bis mindestens 30. April 2021 verlängert.

Es dürfen dabei auf keinen Fall Informationen verlorengehen.

Dr. Roland Brey Gesundheitsamt Amberg

Dr. Roland Brey
Gesundheitsamt Amberg

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Hintergrund

Das Gesundheitsamt in Amberg ist seit 15. September durch 18 zusätzliche Mitarbeiter verstärkt worden. Am Gesundheitsamt Weiden/Neustadt wird bis Jahresende das bisherige Stammpersonal um circa 22 Vollzeitstellen aufgestockt. Ein Großteil der neuen Mitarbeiter sei bereits im Dienst. Am Gesundheitsamt Tirschenreuth wird sich bis 1. Januar 2021 die Zahl der Mitarbeiter um 23 erhöht haben. Hinzu kommen 6 Kräfte aus der sogenannten Contact-Tracing-Team-Reserve. Bei Bedarf stehen hierfür weitere Mitarbeiter aus dem Landratsamt zur Verfügung, die bereits im Frühjahr im Einsatz waren. Am Gesundheitsamt Schwandorf hat sich die Personalstärke aktuell um 24,5 Stellen erhöht, ab Anfang November werden voraussichtlich 8 weitere hinzukommen. Darüber hinaus stehen aktuell 27 Beamte anderer Behörden als Reservisten für das Contact-Tracing im Notfall auf Abruf zur Verfügung.

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