10.01.2022 - 15:56 Uhr
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Bergwacht im Bayerischen Wald im Dauereinsatz

Im Bayerischen Wald und in den Alpen passieren 2021 so viele Unfälle wie noch nie. Schuld ist oft fehlende Erfahrung. „Wir sehen haarsträubende Dinge“, sagt ein Retter

Immer öfter muss die Bergwacht als letzter Retter kommen
von Redaktion ONETZProfil

Von Sabine Dobel und Andreas Kerscheron, dpa

Wo sollte man schon hinfahren in der Pandemie? Viele Deutsche verzichteten auf Flugreisen und oft auch auf die Fahrt über die Grenze nach Österreich - die Folge waren im Jahr 2021 nicht nur überfüllte Parkplätze und mehr Müll in Bayerns Bergen, sondern auch mehr Tote und höhere Unfallzahlen in den Alpen. Auch im Bayerischen Wald hatte die Bergwacht mehr zu tun als je zuvor.

Etwa 550 Mal mussten die ehrenamtlichen Retter im Sommer 2021 verirrten Wanderern oder verunglückten Mountainbikern in der Region Bayerwald zur Hilfe eilen. 150 Mal mehr als im Sommer 2020. "Das ist auf jeden Fall der Höchststand an Sommereinsätzen", sagt Robert Heilig, Regionalleiter der Bergwacht. "Im vergangenen Jahr haben wir keine Wintereinsätze gehabt, sonst hätten wir Rekordeinsatzzahlen gehabt", sagt Heilig. Längst beschränken sich die Einsätze der Bergwacht in Ostbayern dabei nicht mehr auf die Gipfel des Bayerischen Waldes. "Wir haben ganz viele Einsätze um Regensburg herum, weil da viele Leute aus der Stadt wandern und radfahren."

Auch in den bayerischen Alpen stieg die Zahl der Unfälle 2021 nach Daten der Bergwacht Bayern auf einen Höchststand. Im Sommer mussten die Bergretter 3 650 Mal ausrücken, rund 250 mehr als im Vorjahr und 800 mehr als noch 2017 (knapp 2 840 Einsätze).

Lieber Urlaub daheim

Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein (DAV) spricht von einem "sehr großen Druck auf die bayerischen Alpen". "Die Leute fahren nicht weit weg, sie bleiben lieber daheim." Dabei stieg auch die Zahl der Bergtoten rapide. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd zählte von Berchtesgaden bis zur Zugspitze 50 Todesfälle - im Vorjahr waren es 34. Allein in den Berchtesgadener Bergen gab es 18 tödliche Unfälle, sonst seien es zehn oder zwölf, sagt der Berchtesgadener Polizeibergführer Jörg Fegg. "18 Tote nur bei uns - für uns war es ein Wahnsinn." Vier Menschen starben am Watzmann (2 713 Meter).

Der Polizeibergführer kennt den Ansturm auf seine Heimat seit Jahren - doch das Jahr 2021 hat selbst ihn überrascht. "Mit der Aufhebung des Lockdowns hat es mit den Skitouren angefangen. Wir sind überrannt worden in dem kleinen Talkessel, weil man nicht nach Österreich durfte. Das hat sich im Sommer fortgesetzt."

Mit Schuld an den vielen Unfällen ist häufig die mangelnde Erfahrung der Bergsteiger. "Die alpine Basisausbildung fehlt oft", sagt Fegg. Einen tödlichen Absturz gab es am Watzmann, weil sich Kletterer dort gleich zu Beginn ihrer Route verstiegen hatten. Sie hatten sich auf ihr GPS verlassen. Das macht in der Vertikale aber wenig Sinn. "Wir sehen oft haarsträubende Dinge", sagt Fegg. Etwa Eltern mit dem Nachwuchs in der Kraxe auf schwierigen Klettersteigen.

Tödliche Abstürze gab es im Bayerischen Wald nicht, sagt Bergwachts-Regionalleiter Heilig. Die kommen im Bayerischen Wald generell selten vor. Häufiger seien tödliche Unfälle bei Waldarbeiten, oder Wanderer, die Herz-Kreislaufprobleme bekommen. Anders als im Hochgebirge sei auch mangelnde Ausrüstung und Erfahrung seltener der Grund für einen Unfall. Häufig komme es dagegen vor, dass Wanderer unterschätzen, wie schnell in den Bergen das Tageslicht schwindet. Darum rät Heilig Wanderern, neben guter Ausrüstung, warmer Kleidung und einem vollen Handyakku auch eine Taschen- oder Stirnlampe einzupacken.

Mehr Mountain-Bike-Einsätze

Die zunehmende Beliebtheit von Mountain-Bikes trägt ebenfalls zur steigenden Zahl der Einsätze bei. So sei alleine die Bergwacht Deggendorf im vergangenen Jahr fast 300 Mal zu Einsätzen bei einem Bikepark ausgerückt, sagt Heilig.

Trotz der steigenden Zahl an Einsätzen sei das Aufkommen "auf jeden Fall noch bewältigbar" sagt Heilig. Das sei auch der guten Nachwuchsarbeit und den kulanten Arbeitgebern, die ehrenamtliche Bergwachtsmitglieder während der Arbeitszeit zu Einsätzen freistellen, zu verdanken. 2022 könnte noch unfallträchtiger werden: Anders als im Vorjahr laufen die Skilifte.

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Robert Heilig
Info:

Mehrere Einsätze sind Robert Heilig, dem Regionalleiter der Bergwacht in der Region Bayerwald aus dem Jahr 2021 in Erinnerung geblieben:

  • Im Winter holten die Retter drei festsitzende Schneeschuhgeher aus der vereisten Arberseewand. Im letzten Tageslicht rettete die Bergwacht die Schneeschuhgeher mit dem Hubschrauber.
  • Für eine aufwendige Rettungsaktion eines Forscherteams aus der Mühlbachquellhöhle bei Dietfurth (Kreis Neumarkt) kamen im Februar 2021 Spezialisten der Bergwacht aus ganz Bayern zusammen. Trotzdem konnte ein Höhlentaucher nur noch tot geborgen werden.
  • Sehr knapp war auch die Rettung eins schwerverletzten Gleitschirmfliegers, der eine Bruchlandung im Wald hingelegt hatte. Dabei hatte er sich in einer Höhe verfangen, in der die Äste der Bäume so dünn wurden, dass eine übliche Rettung mit Steigeisen nicht möglich war. Also musste die Bergwacht trotz des Risikos durch den Abwind eine Rettung mit Hubschrauber und Rettungswinde riskieren.
  • Ebenfalls ein glückliches Ende fand die mehrtägige Suche nach einem Mädchen, das sich im Oktober im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet verirrt hatte. Mithilfe eines Försters konnte das Mädchen schließlich gefunden werden.
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