07.12.2020 - 18:09 Uhr
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Corona in Bayern: Warum verbreitet sich das Virus hier besonders stark?

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Bei den Bundesländern mit der höchsten 7-Tage-Inzidenz mischt Bayern ganz vorne mit – trotz Lockdown. Doch woran liegt das? Warum ist Bayern so stark betroffen? Infektiologe Professor Bernd Salzberger nennt mögliche Gründe.

Der kleine Grenzverkehr zwischen den deutlich stärker betroffenen Ländern Tschechien und Österreich, könnte zur Verbreitung des Coronavirus in Bayern beigetragen haben.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Am Nikolaustag verkündete Ministerpräsident Markus Söder (CSU) strengere Corona-Regeln für ganz Bayern: Ausgangsbeschränkung, Distanzunterricht, Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Nicht alle Bürger haben dafür noch Verständnis – denn Bayern mischt bei der 7-Tage-Inzidenz trotz Lockdown weiter ganz vorne mit. Am Montag (7. Dezember) liegt der Freistaat unter allen Bundesländern auf Rang 4: Mit 176 ist der Wert 30 Punkte höher als die 7-Tage-Inzidenz im Bundesdurchschnitt (146). Auch im Nachbarland Baden-Württemberg liegt die Inzidenz deutlich niedriger (150). Von Inzidenzwerten aus dem Norden Deutschlands kann der Süden nur träumen: 50 in Mecklenburg-Vorpommern, 51 in Schleswig-Holstein. Woran liegt es also, dass sich das Coronavirus im Freistaat besonders stark zu verbreiten scheint?

1. mögliche Ursache: Kleiner Grenzverkehr

Auch wenn sich die Frage gegenwärtig nicht endgültig beantworten lässt, gibt es mögliche Ursachen, die die Verbreitung erklären könnten. Professor Bernd Salzberger, Bereichsleiter der Infektiologie an der Uniklinik Regensburg und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, nennt drei Gründe: Grenzverkehr, Aktivität und Altenheime. Vor allem der kleine Grenzverkehr scheint einen Teil beigetragen zu haben. Am 7. Dezember lag die Inzidenz in Österreich beispielsweise bei 251 und damit deutlich über dem deutschen Durchschnitt. "Bayern hat schon etwas Pech gehabt. Die Infektionszahlen in den Ländern um uns herum, Österreich und Tschechien, waren natürlich sehr hoch." Besonders die grenznahen Landkreise wiesen oft hohe Infektionszahlen auf. Ein aktuelles Beispiel ist der Landkreis Regen: Auf der Übersichtskarte des Robert-Koch-Instituts hat Regen längst die bekannte Farbskala und die dunkelrote Endstufe gesprengt. Regen leuchtet auf der Karte nun pink, denn die Inzidenz liegt am Montag bei 567 – bundesweit Platz 1.

Bayern hat schon etwas Pech gehabt. Die Infektionszahlen in den Ländern um uns herum, in Österreich und Tschechien, waren natürlich sehr hoch.

Professor Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie Uniklinikum Regensburg und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie

Professor Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie Uniklinikum Regensburg und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie

Salzberger begrüßt deshalb die aktuelle Entscheidung des Kabinetts auch den kleinen Grenzverkehr einzuschränken und nur auf triftige Grüne wie Arbeit oder den Besuch von Verwandten ersten Grades zu begrenzen. Gegen den Grenzverkehr als Verbreitungsgrund sprechen hohe Inzidenzzahlen auch in grenzfernen bayerischen Kreisen, wie dem Landkreis Main-Spessart, der am Montag eine Inzidenz von 266 hatte.

2. möglicher Grund: Aktivität der Bevölkerung

Als weiteren möglichen Grund für eine besonders starke Verbreitung in Bayern, nennt Salzberger die Aktivität in der Bevölkerung. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen: Während sich die Mobilität im Frühjahr (März) zur Zeit des ersten Lockdowns um bis zu 64 Prozent im Vergleich zum März im Jahr 2019 reduzierte, sinkt die Mobilität zu Beginn des zweiten Lockdowns bislang lediglich um bis zu 15 Prozent.

Zwar halten sich viele Menschen in Deutschland bereits gewissenhaft an die Regeln – die durchschnittliche Mobilität ist im November 2020 um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurückgegangen – dennoch "müsse die Vernunft noch besser sein", sagt Salzberger. Gegen die Aktivität der Bevölkerung als Ursache der Corona-Ausbreitung spricht die Situation in Mecklenburg-Vorpommern: Dort ist die Inzidenz niedrig (50) trotz höherer Mobilität (9 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahresmonat). Die Menschen sind dort also mehr unterwegs, trotzdem bleiben die Zahlen unten.

3. möglicher Grund: Starke Ausbrüche in Altenheimen

Professor Salzberger erklärt außerdem, dass die Fallzahlen aktuell sogar in allen Altersgruppen zurückgehen würden – außer bei den über 80-Jährigen. Im Moment gebe es wieder vermehrt große Ausbrüche in Seniorenheimen. "Wir müssen die Alten- und Pflegeheime jetzt noch besser schützen." Haben sich in Kalenderwoche 43 (19.10. bis 25.10.) in Bayern 49 Menschen über 80 Jahren und 140 Menschen in der Altersgruppe 20- bis 34-Jährige mit dem Coronavirus angesteckt, haben sich diese Verhältnisse bereits in Kalenderwoche 48 (23.11. bis 29.11.) umgekehrt: 284 Menschen über 80 infizierten sich, deutlich weniger unter den 20- bis 34-Jährigen (222 Infizierte). Das Coronavirus aus den Alten- und Pflegeheimen und damit von der Risikogruppe fern zu halten, scheint offensichtlich trotz der Maßnahmen in der Praxis nicht ganz geglückt zu sein.

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