ONETZ: Frau Brendel-Fischer, wie steht es um die Integration in Bayern?
Gudrun Brendel-Fischer: Als Abgeordnete bin ich ein kritischer Mensch, der nicht alles ungeprüft glaubt. Deshalb war es mir von Anfang an ein Anliegen, mich bayernweit umzuschauen und ich habe festgestellt, dass die Integration bei uns tatsächlich gut gelingt. Das wird mir auch von Experten außerhalb Bayerns bestätigt.
ONETZ: Was zum Beispiel läuft gut?
Zum Beispiel die Berufsintegrationsklassen. Da nimmt Bayern junge Menschen bis 25 Jahre auf, um sie auf das Berufsleben vorzubereiten, während dieses Angebot in anderen Bundesländern mit dem Ende der Schulpflicht mit 18 ausläuft. Auch bei der Übernahme junger Flüchtlinge in Ausbildung kommen wir in Bayern gut voran. Inzwischen werden mehr Ausbildungsverträge nach der „3+2“-Regelung genehmigt als abgelehnt. An den Schulen hat sich aus meiner Sicht bewährt, Kinder ohne Sprachkenntnisse erst einmal in gesonderten Sprachlernklassen zu unterrichten.
ONETZ: Das klingt fast so, als ob ihr Amt bald überflüssig wäre...
An manchen Stellen hakt es noch. So müssen wir bei den schulischen Angeboten aufpassen, dass sie möglichst flächendeckend erhalten bleiben, auch wenn die Flüchtlingskinder weniger werden. Wir müssen auch die Kinder von Arbeitsmigranten in den Blick nehmen, deren Zahl mit Einführung des Fachkräftezuwanderungsgesetzes sicher steigen wird.
ONETZ: Die Vorsitzende der Migrationsräte in Bayern hat eine sinkende Hemmschwelle bei rassistischen Taten und Äußerungen gegenüber Zuwanderern beklagt. Stellen Sie das auch fest?
In meinen Gesprächen mit Migranten höre ich selten von solchen Vorfällen, vielleicht trauen sich aber manche Betroffene auch nicht, darüber zu reden. Im bayerischen Integrationsrat sind Rassismus und Antisemitismus ein Thema.
ONETZ: Motto der bayerischen Integrationspolitik ist Fordern und Fördern. Was bedeutet das konkret?
Für mich ist das ein Lebensprinzip. Wir schaffen als Freistaat und Gesellschaft viele Angebote zur Hilfe und Integration, deshalb muss ich auf der anderen Seite erwarten können, dass diese angenommen werden. Wir müssen auch einfordern können, dass diese Chancen genutzt werden.
ONETZ: Der Verfassungsgerichtshof hat in diesem Zusammenhang Zwangsmaßnahmen für unzulässig erklärt. Ärgert Sie das?
An diesem Punkt schon. Dass wir gewisse Erwartungen an eine aktiv betriebene Integration nicht mehr einfordern dürfen, dass wir die Weigerung zur Teilnahme an Integrationskursen nicht mit Sanktionen belegen dürfen, das verstehe ich auch vor dem Hintergrund meiner praktischen Erfahrungen im letzten Jahr nicht.
ONETZ: Was bedeutet das für die Zukunft?
Wir müssen jetzt mehr Überzeugungsarbeit leisten, wie hilfreich es ist, an Integrationskursen teilzunehmen, um unsere Kultur und die Grundlagen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens wie Religionsfreiheit oder das Selbstbestimmungsrecht der Frau verstehen und akzeptieren zu lernen. Wir müssen außerdem unsere vielen, oft von Ehrenamtlichen unterstützten Projekte noch stärker in die Fläche bringen. Ein ideales Integrationsfeld ist ehrenamtliches Engagement. Das betrifft den Sport genauso wie die Feuerwehren, die Rettungsdienste oder den sozialen Bereich.
ONETZ: Wie bewerten Sie allgemein die Integrationsbereitschaft von Zuwanderern?
Insgesamt erkenne ich einen großen Willen zur Integration. Viel hängt allerdings von den Rahmenbedingungen ab. Gerade in Dörfern mit nur wenigen Migranten gelingt Integration schneller, auch Familien tun sich leichter. In großen Gemeinschaftsunterkünften bleiben die Migranten oft eher unter sich. Das erschwert Integration natürlich.
ONETZ: Spüren Sie in der breiten Bevölkerung noch Willkommenskultur?
Es ist leider ein verbreitetes Phänomen, dass viele Leute über Flüchtlinge schimpfen, aber noch mit keinem Kontakt hatten. Hier kann ich nur raten, Kontakte zu knüpfen und ins Gespräch zu kommen. Zum Glück haben wir viele aktive Helferkreise, und unsere Unternehmen zeigen hohe Bereitschaft, Flüchtlingen bei sich eine Chance zu geben. Statt der 2016 anvisierten 60.000 sozialversicherten Beschäftigungsverhältnisse in Bayern haben wir schon mehr als 100.000.
ONETZ: Was wünschen Sie sich von Zuwanderern als Beitrag zur Integration?
Die Bereitschaft, sich im persönlichen Austausch mit den Einheimischen und deren Leben zu beschäftigen und sich einen Bekanntenkreis auch außerhalb der Gruppe der Migranten zu erschließen.
ONETZ: Und was wünschen Sie sich von den hier lebenden Bayern?
Vor allem einen vorurteilsfreien Umgang mit Migrantinnen und Migranten, und dass man sie in unsere Vereine und unser Lebensumfeld hereinholt.













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