Noch im hohen Alter trieben der drohende Zerfall Europas und die Lage der SPD Hans-Jochen Vogel um. Obwohl es ihm seine Parkinson-Erkrankung kaum noch erlaubte, seine Gedanken lesbar zu Papier zu bringen, schrieb der ehemalige SPD-Chef im Sommer 2019 noch ein Buch über den nicht nur in seiner Wahlheimat München außer Kontrolle geratenen Miet- und Immobilienmarkt. Nun ist er im Alter von 94 Jahren in München gestorben.
Mit seinem letzten Buch "Mehr Gerechtigkeit" verfolgte Vogel aber noch ein anderes Ziel: Ein letztes Mal wollte er Einfluss auf die Programmatik seiner Partei nehmen und sich zugleich auch einen eigenen politischen Fehler von der Seele schreiben. In der SPD galt Vogel immer als Muster-Politiker und bis zuletzt als gutes Gewissen mit unerschütterlichen moralischen Grundsätzen. Doch mit Blick auf die explodierenden Preise für Baugrund gab er sich sehr selbstkritisch: "Auch ich hätte in meinen verschiedenen Funktionen, die ich bis 1991 innehatte, das Thema eigentlich im Auge behalten und wieder aufgreifen müssen."
Abgesehen vom großen Thema "soziale Gerechtigkeit" trieb Vogel bis ins hohe Alter aber noch ein anderes Problem unserer Zeit um: der drohende Zerfall Europas. Schon als der Austritt Großbritanniens aus der EU sich erst erstmals abzeichnete, sagte Vogel, dass 70 Jahre Frieden in Europa nur durch die Überwindung des Nationalismus möglich geworden seien. "Wir haben in einem gemeinsamen europäischen Haus zueinander gefunden."
Jüngster OB Münchens
Vogel selbst hat die deutsche Geschichte ein Stück weit mitgestaltet: Mit 34 Jahren wurde der in Göttingen geborene Professoren-Sohn Oberbürgermeister in München - und damit jüngster OB einer deutschen Großstadt. Wegen heftiger Auseinandersetzungen mit der SPD-Linken warf der damalige Vertreter der Parteirechten das Handtuch und ging in die Bundespolitik. Sein jüngerer Bruder Bernhard ging ebenfalls in die Politik - allerdings in die CDU.
Kohl unterlegen
Die Karriere von Hans-Jochen Vogel war gezeichnet von Glanzpunkten wie Niederlagen: Bundesbau- und Bundesjustizminister, für knapp vier Monate Regierender Bürgermeister in Berlin, SPD-Partei- und Fraktionschef - und Kanzlerkandidat. Doch da unterlag er Helmut Kohl. "Die Belohnung für ein engagiertes und nicht eben unfleißiges Leben sehe ich darin, dass ich mit mir einigermaßen im Reinen bin. Das ist mir wichtiger, als wenn ich damals gegen Helmut Kohl Kanzler geworden wäre", zog Vogel in der Rückschau Bilanz.
Seinen Rückzug aus der aktiven Politik plante er sorgfältig. In seiner letzten Rede im Bundestag nach 22 Jahren Ende Juni 1994 zitierte der gläubige Katholik Papst Johannes XXIII: "Giovanni, nimm dich nicht so wichtig." Dies sei auch ein gutes Leitwort für ihn, um Abschied zu nehmen.















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