Update 04.11.2019 - 19:12 Uhr
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Prozess um illegales Rennen: Bub von Unfall gezeichnet

Ein illegales Rennen zwischen Sportwagen und Motorrad endet in einem tödlichen Unfall: Ein Familienvater stirbt, sein Sohn wird schwerst verletzt. Der Alltag des Elfjährigen dreht sich seither um Therapien. Tapfer sagt der Bub im Deggendorfer Raser-Prozess aus.

Akten liegen im Verhandlungssaal des Landgerichts in Deggendorf.
von Agentur DPAProfil

Deggendorf. Zwei Männer liefern sich auf einer kurvenreichen Strecke im Bayerischen Wald eine Verfolgungsfahrt zwischen Sportwagen und Motorrad. Der 28-jährige Fahrer eines Audi TT RS verliert die Kontrolle über seinen hochmotorisierten Wagen - er prallt frontal gegen einen entgegenkommenden Oldtimer-Opel. Dessen 38-jähriger Fahrer ist sofort tot. Sein Sohn erleidet allerschwerste Verletzungen und ist bis heute gezeichnet. Am Montag sagte der Bub vor dem Landgericht Deggendorf im Prozess gegen die beiden auf der Anklagebank sitzenden Fahrer von Sportwagen und Motorrad aus. Das sei ihm wichtig, berichtete zuvor die Mutter des Elfjährigen.

Schweren Schrittes, leicht hinkend, aber aufrecht und selbstsicher erscheint Johannes im Verhandlungssaal. In seinem Gesicht sind Narben zu sehen. Er trägt eine Brille - seit dem Unfall kann er laut seiner Mutter auf dem linken Auge kaum noch sehen, das rechte Auge ist verschoben. Ein Zuhörerin verliert beim Anblick des blonden Elfjährigen die Fassung. „Schau' Dir das an“, raunt sie ihrer Sitznachbarin schluchzend zu. Mit einem deutlichen „Servus!“ begrüßt Johannes den Vorsitzenden Richter, der den tapferen kleinen Kerl wohlwollend anlächelt.

Dass der Schüler überhaupt vor Gericht auftreten kann, ist alles andere als selbstverständlich. Notarzt und Klinikpersonal seien direkt nach dem Unfall nicht davon ausgegangen, dass Johannes überleben werde, hatte die Mutter des Buben und Witwe des 38-jährigen Oldtimer-Fahrers aus dem Landkreis Cham zuvor geschildert. Gesicht und Kiefer gebrochen, Becken und Bein gebrochen, Hirn und Lunge verletzt, vier Zähne verloren, Schnittwunden, Koma. An ihrem Buben sei kaum noch etwas heil gewesen.

Der Rechtsmediziner aus München, der das Obduktionsergebnis des Leichnams des Vaters vorträgt, sagt, die beiden Autos dürften wohl bei 100 Stundenkilometern frontal ineinander geknallt sein. Die zahlreichen und massiven Verletzungen, die der Vater erlitten hatte - unter anderem ein Genickbruch -, seien unmöglich zu überleben gewesen.

Der Alltag des Sohnes ist seit dem Unfall bei Achslach im Juli 2018 von Rehamaßnahmen geprägt. Er habe Probleme mit dem Gehen und Sehen, sagt die Mutter, und habe das Essen, Trinken und Sprechen wieder lernen müssen. Den linken Arm könne er kaum bewegen. Aber er sei fleißig und wolle Fortschritte machen. Der Bub besucht eine Förderschule, von 14 bis 16.30 stünden Therapien auf dem Programm, anschließend mache er Hausaufgaben.

„Physio, Ergo, Logo“, zählt Johannes auf, während ihm seine Mutter liebevoll über den Rücken streicht. Die Therapien machten ihm aber Spaß, sagt er. Ansonsten hoffe er, dass sein Bein wieder „aufwacht“, so dass er keine Schiene mehr tragen müsse. An den Unfall habe er keine Erinnerungen. Es wirkt, als sei der Bub stolz, in dem Prozess auch einen Beitrag leisten zu können.

Zu seiner Linken sitzen die beiden 28 und 54 Jahre alten Angeklagten. Mit ernster Miene verfolgen sie den Auftritt des Elfjährigen und der Mutter. Zum Prozessauftakt vor drei Wochen hatten sie Verantwortung für das Geschehen übernommen und Reue gezeigt. Um die Familie zumindest finanziell zu unterstützen, zahlen sie den Verteidigern zufolge der Witwe im Rahmen eines außergerichtlichen Täter-Opfer-Ausgleiches 31 000 sowie 25 000 Euro.

Der 28-Jährige, der den Sportwagen gefahren hatte, ist Bundespolizist und nach Angaben seines Anwaltes vom Dienst suspendiert. Er war bei dem Unfall schwer verletzt worden. Die Schuldgefühle ließen ihn nicht los, sagte er zum Prozessauftakt. Plädoyers und Urteile sind für die kommende Woche geplant.

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