Update 29.07.2019 - 20:31 Uhr
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Sophia Lösches Eltern: "bemerkenswert"

Zwei Dinge werden am 3. Tag im Mordprozess Sophia Lösche klar. Erstens: Es gibt Zweifel an der Version des Angeklagten einer Affekt-Tat. Zweitens: Es wären ein paar Klicks gewesen und man hätte den Standort des Trucks bestimmen können.

Der tägliche Anblick im Schwurgerichtssaal des Bayreuther Justizpalastes. Der wegen Mordes angeklagte Marokkaner im karierten Hemd, links neben ihm der Dolmetscher für Arabisch, rechts Anwalt Karsten Schieseck. Keine fünf Meter davon entfernt nehmen jeden Prozesstag die Eltern und der Bruder der Getöteten Platz mit Anwalt Valentin Barth an ihrer Seite.In der Mitte des Saals verfolgen die Sachverständigen den Prozess: der Rechtsmediziner Prof. Dr. Stephan Seidl (Rechtsmedizin) und Psychiater Dr. Thomas Wenske (in Schwarz). Dahinter Oberstaatsanwältin Dr. Sandra Staade.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Der Lastwagen werde von der Spedition per GPS überwacht, erklärt am Montag ein Kriminalbeamter. Die Firma in Tanger (Marokko) habe die Zugangsdaten bereitwillig zur Verfügung gestellt. Wie schnell geht die Standortbestimmung?, will der Vater der Getöteten, der evangelische Pfarrer Johannes Lösche, wissen. „Relativ schnell“, sagt der Beamte. Er ist von der Kripo Bayreuth, die den Fall erst nach dem Leichenfund übernahm. Aber auch die Kollegen in Leipzig hätten über diesen Zugang verfügt, „vermutet“ er.

Es darf nicht vergessen werden: Die Tat hat ein anderer begangen. Boujemaa L. (42), geständiger Fernfahrer. Trotzdem touchiert das Gerichtsverfahren immer wieder die anfangs holprige Polizeiarbeit. Die Kripo Bayreuth hat im Nachgang alles getan, um das Schicksal der Studentin minutiös aufzubereiten. Der Kriminalbeamte liest 37 Haltepunkte in Deutschland, Frankreich, Spanien vor. An der Strecke wurde jeder mögliche Mülleimer nach blutigen Beweismitteln durchsucht. Fast immer kam man zu spät. Auch der Täter kam unglaublich weit – bis Südspanien –, wenn man bedenkt, dass die Polizei sein Lkw-Kennzeichen schon kannte, als er noch in Frankreich war. Ab Spanien trackten ihn sogar schon die eigenen Kollegen.

Der Logistikchef der Firma ist Matthias E., ein Deutscher, der seit fünf Jahren in Tanger lebt. Seine Vernehmung wird verlesen. Demnach wurde er von einer Bekannten aus Deutschland über die Vermisstensuche informiert, vier Tage nach Sophias Verschwinden. Sofort nahm er Kontakt zur Kripo Leipzig auf. Sofort schaute er selbst nach den GPS-Daten des Mitarbeiters. Er verfolgte dessen Weg hinunter nach Südspanien. Boujemaa L. wich von der Route ab, ließ einen Aufladeort bei Madrid links liegen. Als der Lkw in Flammen aufging, war für Matthias E. klar: „Das war kein Zufall. Dieser Brandausbruch war vom Fahrer provoziert.“ Die Bilder der verschmorten Kanzel bestärkten ihn: „Das Führerhaus ist von innen her ausgebrannt.“

Den Mitarbeiter schätzte er als „zuverlässig und pünktlich“, als „intelligent und belesen“. Einer, der Bücher bei sich hatte, der Goethe, Schiller und Hesse gekannt habe. Und gerade, weil Boujemaa L. so „gescheit“ sei, hege er keinen Zweifel: „Er hat systematisch Spuren verwischt.“

Auch die Familie der getöteten Sophia Lösche hat Matthias E. kennen gelernt. Der Logistikchef war im August 2018 zur Trauerfeier nach Amberg angereist, um das Mitgefühl der Firma – ein Familienunternehmen mit 140 marokkanischen Fahrern – auszudrücken. Hinterher traf er die Eltern und ist merklich beeindruckt von dem pensionierten Pfarrer und seiner Frau. Diese hätten sich erkundigt, wie es der Frau des Täters ergehe. „Das fand ich bemerkenswert.“

Am Montagvormittag sah sich das Schwurgericht ein zweistündiges Video an. Es zeigt die Vernehmung des Angeklagten im Februar 2019, als er überraschend doch ein Geständnis abgelegt hatte. Ab der Festnahme im Juni 2018 hatte er acht Monate lang bestritten, mit dem Tod von Sophia Lösche zu tun gehabt zu haben. Als 2019 der Schlussbericht der Kripo Bayreuth – mit eindeutiger Beweislage – vorlag, gestand er. Es besteht der Eindruck, er strickte um die bekannten Fakten den Ablauf einer Affekttat im Streit. Vorsitzender Richter Bernhard Heim wies ihn am Montag auf Abweichungen zwischen der Vernehmung und seiner Aussage vor Gericht hin. Fortsetzung des Prozesses ist am Dienstag mit Aussagen von Freunden und Familie.

Der erste Prozesstag

Amberg

Der zweite Prozesstag

Amberg
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