23.07.2019 - 18:41 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Mordprozess Sophia Lösche: Fernfahrer windet sich vor Gericht

Unerträglich. Keine fünf Meter trennen die Eltern und den Bruder von der Anklagebank. Am Dienstag hören sie, wie ihre Tochter Sophia erschlagen wurde. Fröhliches Nesthäkchen, engagierte Studentin. Entsorgt in Plastikmüllsäcken.

von Christine Ascherl Kontakt Profil

Dienstag, 9.01 Uhr, Vorführbeamte bringen Boujemaa L. in den Schwurgerichtssaal des Justizpalastes Bayreuth. Sechs Minuten klackern die Auslöser von 15 Kameras, ehe Vorsitzender Richter Bernhard Heim die Verhandlung eröffnet. Der Marokkaner, ein schmaler Mann mit hängenden Schultern, verschanzt sich hinter seinem Arabisch-Übersetzer. Er schildert, wie er der jungen Frau mit einem Ratschenschlüssel den Schädel zertrümmerte. Mit vier, fünf Schlägen. "Oder sieben." Wie sie ihm schwer verletzt die Hand entgegenstreckte und er noch einmal das Eisenrohr erhob und zuschlug. Sophia Lösche starb auf dem Boden des Führerhauses eines 40-Tonners, zusammengesackt zwischen Fahrer- und Beifahrersitz. Es sei viel Blut geflossen. "Viel Blut."

Sophia Lösche: Mordprozess beginnt

Amberg

Und während die Familie aus Amberg und Bamberg die Haltung bewahrt, die Eltern mit den schlohweißen Haaren, da weint der Angeklagte, heult, knüllt sein Papiertuch. Seine Personalien hat er noch beinahe geflüstert. Lebhaft wird er am Ende seiner dreistündigen Befragung, als es um eine mögliche sexuelle Komponente des Gewaltverbrechens geht. "Verurteilen Sie mich zum Tode und geben Sie meine Organe jemanden, der sie braucht", fleht er Vorsitzenden Richter Bernhard Heim an. Aber dieser möge diese Situation endlich beenden. Seit einem Jahr quäle er sich jeden Tag. "Leid", meint der Landgerichtsvizepräsident so kühl wie ein Eiswürfel, "Leid haben die Angehörigen seit einem Jahr mehr als Sie."

"No touch"

Der Marokkaner tischt eine krude Story auf, mit der er das Opfer gleich noch einmal beschädigt. Sophia Lösche sei ihm am Parkplatz Schkeuditzer Kreuz aufgefallen, als sie vor der Aral-Tankstelle Leute ansprach und offensichtlich eine Mitfahrgelegenheit suchte. Die Fahrt sei zunächst in bester Harmonie erfolgt. Sophia Lösche konnte ein wenig Arabisch, er ein wenig Französisch. Sie habe einen Joint geraucht. Er habe ihr Bilder auf seinem Handy von seinen vier Kindern gezeigt. "Sie war eine nette Person." Das habe sich schlagartig beim Stopp in Sperbes geändert.

Als er die Außenspiegel putzte, habe er durchs Fenster beobachtet, wie sie sein Führerhaus durchsucht habe. "Sie war mein Gast. Sie hatte nicht das Recht, meine Sachen zu durchwühlen." Daraufhin sei es zum Streit gekommen, in dem beide wütend hochfuhren. Er habe sie noch angelächelt, um die Situation zu entschärfen, habe "Respect" gesagt und "No touch". Es folgt die Szene mit der eisernen Ratsche, die Schläge auf den Kopf. Er habe den Lkw kurzzeitig verlassen und bei seiner Rückkehr sei er erschrocken, weil sie ihm die Hand entgegenhielt. Er habe die Frau mit Kabelbindern gefesselt. Zu diesem Zeitpunkt habe er geglaubt, dass sie noch lebe. Erst später sah er das viele Blut. "Sie war weg. Tot."

Und wieder ist schier unerträglich, wie er mit der Leiche verfuhr. Er schildert das so: Er habe der toten Frau die Kleidung mit einem Cuttermesser vom Körper gerissen, um das Blut im Führerhaus aufzuwischen. Die Leiche habe er mit einem Waschhandschuh für Autos abgewischt und in ein Bettlaken gewickelt in die obere Schlafablage gehievt. So sei er nach Frankreich gefahren, wo er den Körper der Frau in schwarze Müllbeutel umgepackt haben will. Auf einem Parkplatz bei Limoges hielt er seine 24-Stunden-Sonntagsrast.

Erst in Nordspanien habe er den Körper in die Böschung geworfen. Und auch hier bearbeitete er das Plastikpaket mit einem Cuttermesser, ehe er Benzin drüberkippte und es anzündete. Die Rechtsmedizin hat am Körper von Sophia Lösche neben den Brandspuren, den Schädelbrüchen und den postmortalen Schnittwunden auch Abwehrverletzungen an den Händen, Hämatome an den Beinen und eine Verletzung an der Lippe festgestellt. Etwa an dieser Stelle - in Nordspanien - wusste der Angeklagte, dass er gesucht wurde. Sein Chef aus Tanger rief an: "Es gibt Riesenärger wegen dir in Deutschland." Der Arbeitgeber habe ihm eine Nummer von Angehörigen der Tramperin genannt. Der Angeklagte rief an und log, er habe Sophia in Lauf aussteigen lassen. Diese Anrufe seien erst nach der Ablage der Leiche erfolgt.

Wichtig ist dem Angeklagten, dass der Tatort in Franken gelegen haben. Nur dieser Ablauf ließe sich mit einer Affekttat vereinbaren. Ungereimtheiten sieht nicht nur Oberstaatsanwältin Sandra Staade: "Ich habe hier einige Diskrepanzen." So passen die GPS-Daten nicht zu den angeblichen Stopps. Nebenkläger Andreas Lösche fragt, ob die Worte "Respect" und "Don't touch" nicht eher aus dem Mund seiner Schwester stammen. Selbst Vorsitzender Richter Heim äußert schon am Dienstag Zweifel: So gehört zu den Beweismitteln eine Dose Bier, an der die DNA der jungen Frau gefunden wurde. Diese Dose hat Boujemaa L. aber erst nach dem Rastplatz Sperbes gekauft. Bier? Der Angeklagte ist empört. Er habe kein Bier gekauft. "Es war Ramadan."

Schlüpfrige Filmchen

Richtig unangenehm wird es für ihn, als Bilder von seinem Smartphone Thema werden. Er hat am Vortag der Tat Frauen fotografiert, wie sie auf einem Rastplatz zum Toilettenhäuschen gehen. Warum? Zum "Spaß", für einen anderen Fernfahrer. "Ich habe keine Probleme mit der Potenz, Sie können mich zum Arzt nehmen." Eine Stunde vor dem Einsteigen der Tramperin filmte er sich selbst in seiner Erregung. Er sagt, er habe Probleme mit seiner Frau daheim in Tanger.

Randnotiz: Zur Festnahme kam es wenige hundert Kilometer vor dem Fährhafen nach Marokko. Der Lkw hatte nach Aussage des Angeklagten schon ab Frankreich einen Motorschaden und fing Feuer. Das Gespann sei nicht mehr zu löschen gewesen, weshalb er selbst schließlich die Polizei rief. Diese wollte prüfen, ob der 40-Tonner gefährliche chemische Stoffe geladen hatte und telefonierte mit dem Arbeitgeber in Tanger. Dieser sagte: "Nicht die Ladung ist das Problem, sondern der Fahrer." Daraufhin erfolgte die Festnahme.

Auch Eltern und Bruder stellen am Dienstag ihre Fragen. Die Mutter will wissen, was mit dem Handy der Tochter passiert ist, das nach 20 Uhr nicht mehr erreichbar war. "Es war nicht aufgeladen", sagt der Angeklagte erst. Dann schiebt er nach, dass er es möglicherweise "mit der Hand zerbrochen oder weggeschmissen" habe. Die Familie spricht von einer "Märchenstunde". Die Wahrheitsfindung bei Boujemaa L. wird dauern. Zwölf Verhandlungstage mit fast 20 Zeugen stehen bevor.

Vermisste Sophia L. identifiziert

Amberg

Getötete Tramperin Sophia Lösche in Amberg beigesetzt

Amberg

Sophia Lösche: Anklage lautet auf Mord

Amberg

Sophia Lösches Familie verklagt Björn Höcke

Amberg

Andreas Lösche: Kritik an Polizeiarbeit

Amberg

Tod in Fahrerkabine: Prozess im Fall Sophia Lösche beginnt

Amberg
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.