24.07.2019 - 13:34 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Quer durch Europa: Hat Sophia noch gelebt?

Hat Sophia Lösche noch gelebt, als Fernfahrer Boujemaa L. (42) sie durch halb Europa kutschierte? Diese Frage stellt sich die Familie der Getöteten im Mordprozess am Landgericht Bayreuth. Auslöser ist der Autopsiebericht aus Spanien.

Tatort Führerhaus: Der ausgebrannte Lkw wurde im Oktober 2018 nach Bayreuth gebracht. Mit dem Presslufthammer wurden die verschmorten Teile heraus gebrochen und geröntgt. Die Tatwaffe - eine Art eiserner Radmutternschlüssel - konnte nicht gefunden werden.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die Forensikerinnen datieren den Todeszeitpunkt darin auf "frühestens" drei Tage nach ihrem Verschwinden: Samstag oder Sonntag, 16. oder 17. Juni 2018. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Lkw in Frankreich. Vor diesem Hintergrund rückt der holprige Ermittlungsstart wieder in den Fokus: Hätte die 28-Jährige gefunden werden können, ehe sie der Angeklagte getötet hat? Die Rechtsmedizinerinnen sagen, dass sie lebte, als der Täter sie fesselte. Wer fesselt schon eine Leiche?

Video zum Mordprozess

Chefermittler Dieter Biersack von der Bayreuther Mordkommission fasst am zweiten Verhandlungstag die Ermittlungen zusammen. Kurz geht er darauf ein, wie anfangs die Oberpfälzer und Leipziger Polizei den Fall hin und her schoben. Vater Johannes Lösche rief am Freitagfrüh um 7.45 Uhr erstmals bei der Polizeieinsatzzentrale in Regensburg an. Der pensionierte Pfarrer hatte Geburtstag, der Kontakt zur Tochter war auf ihrer Anreise schlagartig abgerissen. Erst nach dem Wochenende übernahm die Kripo Leipzig. "Es hat Absprachen gegeben, dass am Montag die Kripo Leipzig die Sachbearbeitung übernehmen sollte." Und wiederum erst am Montagnachmittag kontaktierte ein Beamter die Spedition in Marokko und erfragte die GPS-Daten des Lkw.

Fernfahrer gesteht Tötung

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Obwohl schon seit Samstag die Telefonnummer der Spedition und das Lkw-Kennzeichen bekannt waren. Der Kommissar bestätigt, dass dies Ergebnis der privaten Recherchen von Freunden und Familie war.

Die GPS-Daten ziehen eine Route durch Europa, quer durch Frankreich nach Südspanien. Der Chefermittler wirft korrespondierende Fotos aus Überwachungskameras von Rastplätzen an die Leinwand. Durch Mark und Bein geht der Anblick der letzten Bilder von Sophia. Sie steht vor der Tankstelle Schkeuditz, als der Angeklagte sie anspricht. Sie wirkt fröhlich, er lässig. Vorher hatte sie vergeblich Pkw-Fahrer angesprochen. Die Kripo hat einige ausfindig gemacht. Keiner nahm sie mit. Das letzte Foto, das Sophia lebend zeigt, stammt aus einem Rasthof. Der Angeklagte und sein Opfer trinken Espresso. Dann steigen sie wieder ein.

Rätselraten um den Tatort. In Bayern kommt es zu zwei mehrstündigen Stopps. Auf dem Rastplatz Sperbes, wo der Angeklagte die Frau getötet haben will. Und auf dem Firmengelände in Lauf, wo er aufladen sollte. Die Staatsanwaltschaft hält das für den wahrscheinlichen Tatort. Ein mögliches Indiz: Bei der Firma kommt er in weißen Hosen an, die er von Beginn an trug - und fährt in schwarzen Hosen ab. Nach eigenem Bekunden floss bei der Tat viel Blut.

Was dann folgt, kann sich niemand erklären: Auf seiner Fahrt durch Deutschland hält der Angeklagte im Stundentakt an Raststätten. Er läuft in die Shops, kauft aber nichts. Er hält 13 Mal. In Frankreich fährt der Lkw in 13 Stunden 11 Mal ab. In Spanien zählt Biersack 13 Haltepunkte. An der Strecke finden zwei Angestellte einer Tankstelle eine Woche nach dem Verschwinden die Leiche von Sophie Lösche im Gestrüpp. Ein paar Kilometer südlich zieht ein Hausmeister den blutbefleckten Overall des Angeklagten aus der Mülltonne. In Südspanien geht schließlich an der Autobahn der Lkw in Flammen auf - zehn Kilometer, bevor laut Arbeitgeber ein Anhängerwechsel stattfinden sollte. Aus dem Wrack sichert die spanische Polizei die Fetzen einer deutschen Stofftasche. Der Schriftzug "kein mensch ist illegal" ist verbrannt. Jetzt steht da: "kein mensch".

Viel geschluchzt wird einmal mehr auf der Anklagebank, als Handyfotos vom Smartphone des Angeklagten gezeigt werden. Darunter "Selfies" für die Ehefrau. Auf einem reckt er den Daumen hoch. Aufgenommen ist dieses Foto in Lauf - zu einem Zeitpunkt, als Sophia Lösche schon tot oder mindestens gefangen in seiner Fahrerkabine lag. Laut Kommissar hat der Angeklagte in der Nacht nach Sophias Verschwinden zwei Videos gelöscht, die er nach ihrem Einsteigen gedreht hatte. Diese konnten nicht mehr hergestellt werden.

Mit Spannung wird der Aussage der beiden Rechtsmedizinerinnen entgegen gesehen, die am 31. Juli per Video zugeschalten werden. Nächste Woche sagen auch Angehörige und Freunde aus. Bruder Andreas Lösche erneuert die Kritik an der Polizeiarbeit nach dem zweiten Verhandlungstag: Er spricht von einem "Offenbarungseid", einem "totalen Versagen". Ein Journalist fragt ihn nach dem Strafmaß, das er sich vorstelle. Der Grünen-Kreisrat aus Bamberg: "Das interessiert mich gar nicht. Mich interessiert die Wahrheit."

Andreas Lösche (rechts), Bruder der 28-jährigen ermordeten Tramperin Sophia, begrüßt seinen Vater im Landgericht Bayreuth. Bild: Daniel Karmann/dpa

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