Es wird sich weisen, ob der Tag ein schlechtes Omen für das neue Generalsekretär-Tandem der Bayern-SPD ist. Wer wird schon gerne an einem Freitag, den 13. ernannt. Aber Not kennt kein Gebot. Nach dem letztlich unerwarteten Rücktritt von Arif Taşdelen am Dienstag wollten die Parteichefs Florian von Brunn und Ronja Endres die Personallücke mit Blick auf die anstehende Landtagswahl so schnell wie möglich schließen. Jetzt sollen die Landtagsabgeordnete Ruth Müller und der Nürnberger SPD-Bezirkschef Nasser Ahmed als ihr Stellvertreter dabei helfen, von Brunns ziemlich ehrgeizige Wahlziele zu erreichen: 15 Prozent plus X und Mitregieren in Bayern.
Die ersten Frage bei der medialen Präsentation der beiden Neuen Oberanger gelten aber den Ursachen der Zusammenkunft. Denn die genauen Umstände des Rückzugs Taşdelens sind weiter unklar. Angeblich soll er sich in einem dienstlichen Anliegen ungebührlich gegenüber zwei jungen SPD-Kandidatinnen für die Landtagswahl verhalten haben. Von Brunn wiederholt aber nur seine reichlich inhaltsleeren Floskeln aus den Vortagen. Konkreten Nachfragen, vor allem warum der Sachverhalt auch nach fünf Monaten noch nicht aufgeklärt ist, weicht er aus und bescheidet knapp: "Mehr kann und will ich dazu nicht sagen." Für eine "objektive Klärung" habe man parteiintern eine Kommission eingerichtet, ansonsten blicke man jetzt nach vorne.
Umfrage sieht SPD bei zehn Prozent
Dass in dem Fall beim Krisenmanagement die interne Kommunikation nicht funktioniert haben könnte, deutet die neue, bis zum Parteitag im Mai zunächst kommissarisch arbeitende Generalin Müller indirekt an. "Meine große Stärke ist es, Menschen zusammenzubringen und dabei auch mal Empfindlichkeiten und Eitelkeiten hintanzustellen", erklärt sie im Kontext der Fragen zur Causa Taşdelen. An anderer Stelle lässt sie einfließen, dass es immer besser sei, direkt miteinander statt übereinander zu reden. Solche direkten Gespräche der Parteispitze mit Taşdelen und den sich angegangen gefühlten jungen Frauen hat es offenbar nie gegeben. Jedenfalls antwortet von Brunn auf mehrere konkrete Fragen dazu maximal unkonkret.
Viel lieber und ausführlicher freut er sich über eine neue Umfrage, die die SPD wieder bei zehn Prozent sieht, und lobt die nun getroffene Personalentscheidung. Man habe mit der erfahrenen Landespolitikerin Müller und dem tatendurstigen Kommunalpolitiker Ahmed eine "sehr gute Lösung" gefunden. "Gutes Team, gute Aufstellung", bilanziert von Brunn. Endres betont vor allem Müllers Herkunft vom Land in der ansonsten großstädtisch geprägten SPD-Spitze. "Sie spricht die Sprache der Menschen und versteht sie auch", sagt Endres. In der Programmpartei SPD kann das nicht schaden.
Kritik an CSU und Freien Wählern
Müller berichtet dann auch lebhaft aus ihrem Erfahrungsschatz eines Landlebens. Von den Einsätzen als "Ruftaxi Mama", von fehlenden Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten, von den vielen Funklöchern, die sie alle persönlich kenne. Da wolle sie die SPD zum Anwalt der Menschen machen. Demütig spricht sie davon, welch große Ehre und Verantwortung es für sie sei, "der ältesten Partei in Deutschland dienen zu dürfen". Die Umfragewerte neun Monate vor der Wahl, schreckten sie nicht. "Ich bin eine Frau und weiß, was in neun Monaten alles möglich ist", betont Müller mit der Erfahrung einer Schwangerschaft. Ihr Ziel: "Die SPD noch stärker zweistellig machen."
Als "waschechter Franke" stellt sich Ahmed vor. "Das erkennen Sie an meinem Namen und vielleicht auch an meinem Aussehen", sagt er mit ironischem Unterton als gebürtiger Nürnberger mit Eltern aus Eritrea und der dort landestypisch dunklen Hautfarbe. Im Tandem mit Müller fühle er sich "für die Abteilung Attacke zuständig". Eine erste Kostprobe davon gibt er gleich mit Vorwürfen an CSU und Freie Wähler, denen er vorwirft, nach den Silvester-Krawallen in Berlin eine ausländerfeindliche Kampagne gestartet zu haben. Solchen Tendenzen wolle er "von Anfang an Einhalt gebieten", er verlangt eine faktenbasierte Differenzierung bei Migrations- und Integrationsfragen. Mit Blick auf die Wahlchancen der SPD ist Ahmed guter Dinge: "Ich bin voll und ganz Optimist, das steckt wohl in meinen Genen als Fan des 1. FC Nürnberg." Die nötige Leidensfähigkeit fürs neue Amt scheint Ahmed also mitzubringen.
- Ruth Müller (55) ist in München geboren, lebt aber seit ihrer Kindheit im ländlichen Niederbayern. Die gelernte Einzelhandelskauffrau hat einen Sohn. Seit 2013 gehört sie dem Landtag an, sie ist agrar- sowie frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Zudem ist sie in der evangelischen Kirche engagiert und dort Mitglied der Landessynode.
- Nasser Ahmed (34) ist in Nürnberg geboren. Seine Eltern waren vor dem Bürgerkrieg in Eritrea geflohen. Er ist promovierter Politikwissenschaftler und arbeitet beim Stromnetzbetreiber TenneT. Seit 2014 gehört er dem Nürnberger Stadtrat an, seit 2021 führt er den SPD-Bezirk Nürnberg. Seine politischen Schwerpunkte sind die Verkehrs- und die Integrationspolitik.















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