Initiative „Ostbayern sieht Schwarz“ fordert Perspektiven für Familien und Unternehmen

Drei Unternehmen aus Ostbayern starten die Initiative „Ostbayern sieht Schwarz – Wir brauchen jetzt Perspektiven“. Die Idee findet großen Anklang in Amberg, Schwandorf und Tirschenreuth. Weiden ist da vorsichtiger.

Fußgängerzone geschlossen: Unternehmer und Politiker fordern eine Perspektive für Ostbayern.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Unternehmer im ostbayerischen Raum sehen sich aufgrund der Grenzlage zum Corona-Hotspot Tschechien im Nachteil. Sie kritisieren, dass sich die Maßnahmen von Bundes- und bayerischer Staatsregierung ausschließlich auf den Inzidenzwert fokussieren: „Sie nehmen dadurch der kompletten Region Ostbayern – all ihren Bewohnern, Familien, Kindern, Schülern und Unternehmen – die so dringend benötigte Perspektive“, heißt es in einem offenen Brief an die Staatsregierung in München.

Zu den Unterzeichnern gehören Caroline Frey von der gleichnamigen Chamer Unternehmensgruppe mit Modehäusern in Marktredwitz, Bad Kötzting, Cham und Schwandorf sowie Einrichtungshäusern in Cham, Marktredwitz und Weiden, Christoph und Johannes Huber vom Modehaus Garhammer in Waldkirchen sowie Josef Kagerbauer vom Glasbetrieb Joska in Bodenmais (Kreis Regen).

Amberg und Schwandorf unterstützen Initiative

Wie dramatisch die Stimmungslage in der Region inzwischen ist, zeigt die ungewöhnliche Karriere der Wortmeldung aus dem Bayerischen Wald. Bereits am nächsten Tag glühen die Telefonleitungen: „Ich finde die Initiative der drei großen Firmen super“, sagt Schwandorfs Citymanager Roland Kittel. „Ich habe heute lange mit einem der Initiatoren telefoniert, wir unterstützen sie durch eine breite Streuung des Anliegens an die Mitgliedsgeschäfte und Gastronomen.“

Auch Thomas Eichenseher, Vorsitzender des Stadtmarketingvereins Amberg steht Gewehr bei Fuß: „Wir wollen uns beteiligen und dürfen vor lauter berechtigter Sorge nicht vergessen, dass es ein Leben nach Corona gibt.“ Das gefährde man gerade. „Am stärksten leiden die identitätsbildenden Geschäfte, die eine Stadt ausmachen.“

Not und Unmut wachsen

Die Not wachse ständig und mit ihr der Unmut über die Perspektivlosigkeit, solange man an dieser Strategie festhalte: „Unsere Geschäftsleute nehmen die Pandemie alle sehr ernst, nur verstehen sie die Logik mancher Beschlüsse nicht“, sagt Kittel. Warum manche Geschäfte öffnen dürfen und andere mit genauso guten Hygienekonzepte nicht, sei nicht schlüssig. „Wäre es nicht besser, die Menschen würden sich mit Abstand im Außenbereich der Gastronomie aufhalten statt dicht gedrängt ohne Masken auf den Plätzen?“

Das produzierende Gewerbe würde bereits zeigen, wie man mit dem Virus leben könne: „Es wird getestet, Infizierte werden mit Tests herausgefiltert, deswegen macht man nicht gleich den Laden zu – anderen gibt man erst gar keine Chance, selbst mit Maske zu öffnen“, sagt Kittel. „Die haben offenbar die bessere Lobby. In Tanzschulen darf man nicht einmal mit seinem Partner, mit dem man zusammenwohnt.“ Das frustriere die Betroffenen ungemein: „Die Kosten laufen weiter, Hilfszahlungen kommen oftmals nicht, die Luft wird immer dünner.“

Manche hätten bereits Versicherungen und Bausparer gekündigt, um über die Runden zu kommen, jede weitere Woche reite sie tiefer in die Misere. „Als nächstes kommt ein Biergarten- und Shoppingtourismus in Städte mit geringerer Inzidenz wie Regensburg und Kelheim“, sagt Kittel. Das Infektionsgeschehen werde dadurch neu angefacht. „Man muss gemeinsam laut sein, sonst geht man stumm zugrunde – da stehen zigtausende Arbeitsplätze auf dem Spiel.“

Franz Stahl appelliert an CSU-Parteifreunde

In Tirschenreuth macht Bürgermeister Franz Stahl (CSU) die Initiative zur Chefsache: „Die Unternehmer haben doch Recht“, stimmt er zu. „Ich kann zu 100 Prozent unterstützen, was sie fordern, und das unterschreiben auch alle unsere Geschäftsleute.“ Er habe den offenen Brief gleich am Montag den Abgeordneten Tobias Reiß (Landtag) und Albert Rupprecht (Bundestag, beide CSU) weitergeschickt. „Mich ärgert die Ungleichbehandlung von großen Supermärkten und kleinen Einzelhändlern narrisch“, sagt der Rathauschef. „Den Vogel hat man am Valentinstag abgeschossen, als die Gärtnereien geschlossen blieben und die Supermarktketten das Geschäft übernahmen.“

Dabei hätten Einzelhändler und Gastronomen Hygienekonzepte par excellence. „Wenn unsere Einzelhändler zu haben, lebt eine Stadt nicht mehr“, stellt Stahl fest. „Die müssen wieder ran an die Kunden, die Leute kaufen nur noch online.“ Das habe eine nachhaltige Wirkung. „Es sind die kleinen Händler, die bei uns Steuern zahlen, Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen.“ Es gebe den schönen Slogan der Staatsregierung: „Leben findet Innenstadt – und was macht der Freistaat, er dreht den Hahn ab.“

Deshalb habe er bereits am 2. Februar in einem Brief an Gesundheitsminister Klaus Holetschek und Ministerpräsident Markus Söder appelliert, die Grenzregion mit mehr Impfstoff auszustatten. „Leute, unsere BRKler stehen bereit, aber was hilft’s, wenn wir keinen Impfstoff in der Nadel haben?“ Als Feuerwehrler wisse er doch auch: „Wo’s brennt, bringt man das Wasser hin.“ Immerhin sei er dankbar, dass man das endlich kapiert habe.“ Nur mit schneller Impfung bringe man die Pandemie unter Kontrolle und das gesellschaftliche Leben wieder zum Laufen. „Wir sind das Sprungbrett der Pandemie Richtung Westen.“

Vorsichtiger Balanceakt in Weiden

Vorsichtiger äußert sich Andrea Schild-Janker, Geschäftsführerin des Stadtmarketingvereins Weiden. „Wir beteiligen uns an den Aktionen unseres Berufsverbandes, bei dieser Initiative hat der Vorstand entschieden, die Forderung nach sofortigen Öffnungen bei einer Inzidenz von 231 nicht zu teilen.“ Sie tendiere zum moderaten Vorschlag der IHK, der eine Öffnungsperspektive statt Dauer-Lockdown fordert. „Selbstverständlich leidet die Innenstadt, aber anders als Unternehmen, die selbst testen, ist das in einer Fußgängerzone nicht so einfach.“ Leider habe sich gezeigt: „Wenn die Mobilität steigt, steigt auch die Inzidenz.“ Und im Vergleich mit Tschechien müsse man konstatieren: „Ganz falsch machen wir es nicht.“

Dennoch seien die Beschlüsse von vergangener Woche auch für sie ein Tiefschlag gewesen: „Wir haben bis zur letzten Sekunde mit unserer Oster-Aktion gewartet und sehen jetzt, es gibt keine Perspektive.“ Insofern seien die Forderungen der Initiatoren legitim: „Es muss was passieren.“

Das Modehaus Frey in Marktredwitz leidet unter dem Lockdown.

Sorge um Familien und Unternehmen

Die Unternehmer beklagen nicht nur die eigene wirtschaftliche Situation: „Familien zerreißen sich förmlich, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Mütter, Lehrer und Erzieher sorgen sich gleichermaßen um das Wohl und um die Ausbildung der Kinder, die vom aktuellen Lockdown besonders hart getroffen werden. Und auch Einzelhandel, Gastronomie sowie Hotellerie werden durch die jetzigen Regelungen unverhältnismäßig stark belastet.“

Massive Wettbewerbsverzerrung

Die als willkürlich bezeichneten Maßnahmen hinsichtlich der Öffnung von Geschäften würden für eine massive Wettbewerbsverzerrung sorgen und zu einem Chaos an Regelungen führen: „Baumärkte, Gartenmärte und 1-Euro-Läden dürfen ohne Inzidenzwert geöffnet werden. Auf der anderen Straßenseite müssen Möbelhäuser, Modehäuser, Elektrofachmärkte oder Fahrradgeschäfte weiterhin geschlossen bleiben.“

Optionen wie „Click & Collect“ seien lediglich minimalste Zugeständnisse und für die betroffenen Unternehmen keine lebenserhaltende Maßnahmen. „Nach fast drei Monaten – des nun bereits zweiten Lockdowns – sind es schwerwiegende und existenziellen Sorgen, die uns veranlassen, auf unsere besondere und bedrückende Situation in Ostbayern hinzuweisen.“

Kommentar: Ostbayern braucht in der Pandemie eine laute Lobby

Amberg
Info:

Forderungen der Initiative

  • Öffnung der Kitas und Schulen zur Entlastung der Familien
  • Sofortige „Click & Meet“-Öffnung aller Einzelhandelsunternehmen unter Berücksichtigung der Inzidenz ab 50
  • Perspektive für Hotellerie, Gastronomie und Tourismus

 

 

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