13.01.2022 - 14:40 Uhr
KelheimDeutschland & Welt

Fernseher, Sofa, Altar: Hier kann man in einer Kirche wohnen

Halleluja! Ein Regensburger baut mit einem Architekten in Kelheim eine ehemalige Kirche zu einer einzigartigen Ferienwohnung um. Der Weg dahin war aber nicht einfach. Und überhaupt: Wie kommt man darauf, eine Kirche zur Wohnung umzubauen?

Außergewöhnliches Flair unterm Kegeldach: Die ehemalige Lukaskirche in Kelheim wurde zu einer Wohnung umgebaut.
von Julian Trager Kontakt Profil

In der Mitte steht die große, graue Designer-Couch. Ein kleiner, runder Holztisch, zwei Sitzhocker, ein weißer Teppich. Davor eine Wand, mehrere Regale. Deko, zwei massive Musikboxen, ein Flachbildfernseher. Ein modernes Wohnzimmer wie aus "Schöner Wohnen" – wäre da nicht der Altar, das Lesepult, das große Kreuz in der Wand und die langen, bunten Fenster. Oder die große Orgel auf der anderen Seite des Rundbaus mit dem spektakulären Kegeldach.

Im an der Oberpfalz grenzenden Kelheim steht seit kurzem eine der außergewöhnlichsten Ferienwohnungen in Bayern: eine ehemalige Kirche samt Pfarrhaus. Der Architekt Rainer Wilhelm aus Gempfing (Schwaben) hat das Gebäude gekauft, umgebaut und an Patrick König vermietet. Der Regensburger stattete die Wohnung aus, möblierte und dekorierte sie. Nun vermietet er das Gebäude als Ferienwohnung weiter, drei Wohneinheiten stehen zur Verfügung. Eine davon ist die ehemalige evangelische Lukaskirche.

Wie man darauf kommt, eine Kirche zur Wohnung umzubauen? "Das war gar nicht so geplant", sagt Patrick König, ein Thüringer, der seit 2020 in Regensburg wohnt. Er habe den Grundriss des Rundbaus bei Ebay entdeckt, erzählt er. Er fand das spannend. Aber: "Ich wusste gar nicht, dass das eine Kirche war." Das erfuhr er später, bei einem Telefonat mit dem Architekten Rainer Wilhelm. "Dann fand ich das cool und wollte es umbauen", sagt König. Auch Wilhelm war dabei.

Kopfschmerzen wegen Altar

Die Lukaskirche ist denkmalgeschützt. Deswegen stehen da auch noch Altar, Lesepult, Orgel und Co., alles noch im Originalzustand. Nur die alten Kirchenbänke mussten raus. "Es war gar nicht so einfach, das in die Wohnung zu integrieren", gesteht der Regensburger. "Besonders der Altar bereitete mir Kopfschmerzen." König dekorierte ihn schlicht mit Kerzen, einem Tischtuch und einem Grammophon.

Die Kirche wurde von 1960 bis 1962 von Olaf Andreas Gulbransson errichtet, einem der bedeutendsten Kirchenbauer der Nachkriegszeit. Weil sich die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Kelheim-Saal keine vier Kirchen leisten konnte, ohne in die roten Zahlen zu rutschen, wurde die Lukaskirche samt Pfarrhaus zum Verkauf angeboten, Preis auf Verhandlungsbasis: 590.000 Euro. Im Oktober 2016 wurde sie entwidmet.

Werden Kirchen nicht mehr gebraucht, werden sie profaniert. Danach werden die Gebäude für weltliche Zwecke genutzt. Bei den Katholiken heißt das "Entweihung", bei den Protestanten "Entwidmung". In Deutschland geschieht das immer öfter. Es gibt zu viele Kirchen für mittlerweile zu wenige Gläubige. In Deutschland wurden in den vergangenen 30 Jahren mehr als 1000 Kirchen profaniert. Aus einer Kirche wurde eine Disco, aus einer anderen eine Kletterhalle oder eine Bibliothek.

Bayern und die Oberpfalz sind von dem Trend noch nicht groß betroffen. Die Oberpfälzer Katholiken gelten ja als besonders gläubig. Deutschlandweit befinden sich im Bistum Regensburg die zweitmeisten Kirchen und Kapellen, nur Augsburg hat mehr. Aber es gibt auch hier Beispiele für verschwundene Kirchen aus der jüngsten Zeit. Etwa die Amberger Spitalkirche, die 2016 entweiht wurde.

Fehlende Vorstellungskraft

Weil sie denkmalgeschützt ist, war es lange schwer, einen Käufer für die entwidmete Lukaskirche in Kelheim zu finden. Im Februar des vergangenen Jahres kaufte sie dann der Architekt Rainer Wilhelm aus Gempfing bei Neuburg an der Donau, der ein Architekturbüro mit 20 Architekten leitet. Kirchen zu sanieren, gehört zu ihrem beruflichen Alltag. "Es ist aber einmalig, dass wir eine Kirche auch erworben haben und für diese eine neue Nutzung finden mussten", sagt Rainer Wilhelm. Er hatte zunächst aber ganz andere Ideen als Wohnungen in der Kirche.

Zu Beginn stand eine öffentliche Nutzung im Fokus, für Veranstaltungen, Ausstellungen oder Seminare. Danach Geschäfte. "Wir hatten Physiopraxen, Friseure, Büros und Freiberufler angesprochen – ebenfalls ohne Erfolg", erzählt Wilhelm. Die Kirche zog nicht. Als die Räume schon gestrichen waren, wurde der Gebäudekomplex für Wohnungen angeboten. "Die separierte Vermietung der ehemaligen Pfarrerwohnung und des Souterrainbereichs mit den Jugend- oder Kita-Räumen war dabei gut möglich", sagt der Architekt. "Das Wohnen im Kirchenraum überforderte allerdings die Vorstellungskraft der Interessenten." Bis sich Patrick König meldete, um die Einheiten als Ferienwohnungen weiter zu vermieten. "So hat das runde Kirchlein in Sichtachse zur ebenfalls runden Befreiungshalle einen neuen Nutzen gefunden."

Kelheim hat nun neben der Befreiungshalle, dem Donaudurchbruch und dem Weltenburger Kloster eine weitere, freilich etwas kleinere Sehenswürdigkeit. Die außergewöhnliche Ferienwohnung hat bereits für großes Medieninteresse gesorgt. Insgesamt bieten alle drei Wohnungen in dem ehemaligen Kirchenkomplex Platz für 26 Menschen. Die ersten Mieter waren begeistert, erzählt Vermieter Patrick König. Sie schwärmten von der tollen Atmosphäre. Das Highlight sei dabei natürlich nicht das Designer-Sofa gewesen, sondern die Orgel.

Ideen für die Frauenkirche in Amberg

Amberg

Ende der Augustinerkirche in Weiden

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Neunutzung von Kirchen in der Region

  • St. Augustin Weiden: Die Augustinerkirche wird heute vor allem für Ausstellungen, aber auch für Konzerte genutzt. Die Gebäude des Augustiner-Seminars sowie das gesamte Areal übernahm die Stadt Weiden für eine Erweiterung des Klinikums. 2010 wurde in St. Augustin der letzte Gottesdienst gefeiert.
  • Spitalkirche Amberg: Wurde 2016 profaniert, von der Stadt Amberg gekauft. Es sollte zuerst ein Infozentrum werden, das die Bauvorhaben von Bürgerspital und Neue Münze begleitet. Eine weitere Idee war, die Kirche als Trauraum zu nutzen. Aktuell finden hier immer mal wieder Ausstellungen statt.
  • Stadttheater Amberg: War auch mal eine Kirche. Im heutigen Casino-Wirtshaus war der Altarraum; 1802 profaniert.
  • Frauenkirche Amberg: Wird von der Kirche seit Jahren nicht mehr genutzt. Sie ist besonders sanierungsbedürftig. Stadtpfarrer Thomas Helm wollte sie zuerst verkaufen. Nun könnte er sich einen Urnenfriedhof darin vorstellen. Die Kirche gehört immer noch der Pfarrei St. Martin und ist noch nicht profaniert.

 

 

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