04.07.2021 - 10:15 Uhr
AmbergOberpfalz

Gute Ideen für die Frauenkirche in Amberg

Was passiert, wenn Kirchen nicht mehr Kirchen sind? Beispielsweise in der Stadt Amberg. Meistens erst einmal überhaupt nichts. Außer es kommen Regensburger Architekturstudenten und machen sich Gedanken genau darüber.

Regensburger Architekturstudenten machen sich Gedanken über die künftige Nutzung der Frauenkirche.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Viele Amberger waren noch nie in der Frauenkirche. Manche wissen noch nicht einmal, wo in der Altstadt sich dieses spätgotische Kleinod versteckt. Denn genutzt wird die Frauenkirche seit Jahrzehnten nur noch sporadisch. Ab und zu einmal ein Gottesdienst, vor Jahren ein, zwei Konzerte – das war es dann auch schon. Zuletzt war hier vor allem Verfall. Deutlich sichtbare Risse in den Außenmauern zeugen davon, dass die Eigentümerin, die Pfarrei St. Martin, hier viel Geld investieren müsste. Dabei hat sie das erst vor knapp zwei Jahren gemacht, um den stellenweise maroden Dachstuhl wieder einigermaßen stabil zu bekommen.

Frauenkirche steht weit offen

Wer in die Nähe des mehr als 600 Jahre alten Kirchleins hinter dem Landgericht kommt, kann sie schon riechen. Sie "grawlt" schon ein bisserl, würde der Oberpfälzer sagen. Doch in diesem Tagen stand die lange verrammelte Kirchentür endlich einmal wieder weit offen. Gewohnheitsmäßig zogen die Menschen die Mützen vom Kopf, bevor sie das Gotteshaus betraten. Denn die Frauenkirche ist im Gegensatz zur Spitalkirche in der Bahnhofstraße noch nicht profaniert, also "entweiht". Sie dient nach wie vor dem Lob Gottes. Oder vielmehr: Sie würde dem Lobe Gottes dienen, wenn man nur so recht wüsste, was man damit anfangen soll.

Pfarrer Thomas Helm von St. Martin könnte sich hier gut ein sogenanntes Kolumbarium vorstellen, einen Urnenfriedhof im Gebäude. Architekturstudenten aus dem vierten Semester der OTH in Regensburg haben sich nun im Zuge einer Studienarbeit ganz andere Gedanken gemacht. Rein theoretisch natürlich. Aber statisch und planerisch durchgerechnet und kalkuliert und damit jederzeit umsetzbar, wie sie selbst betonen. Ihnen schwebt hier ein multifunktionaler Veranstaltungsraum vor – für Konzerte, Sport-Events, Ausstellungen oder Kunstinstallationen. Und oben im historischen Dachstuhl da können sie sich einen gläsernen Arbeitsbereich vorstellen. Einen oder zwei durchsichtige Kuben mit Blick auf das uralte Gebälk. Dazu ein kleines Café dort, wo heute die Sakristei ist.

In sechs Untergruppen

"Was passiert, wenn Kirchen nicht mehr Kirchen sind?", lautete die Aufgabenstellung für die Regensburger Studenten. Fünf Kirchen standen zur Auswahl, darunter welche in Kelheim, Landshut oder Plößberg (Landkreis Tirschenreuth). Die Gruppe um die Teamkoordinatoren Jessica Hopp und Julius Schönberger "gewann" die Frauenkirche in Amberg. In sechs Untergruppen machen sie sich an die Aufgabe, eine weitgehend ungenutzte Kirchenimmobilie neu zu denken und fiktiv auch neu zu nutzen. Ein Umfrage unter Ambergern, historische Recherche und exakte Vermessung der Frauenkirche gehörten ebenso dazu wie statische Berechnungen und Erstellung eines Nutzungskonzept. Am Ende stand dann die Präsentation des Ergebnisses direkt im Kirchenschiff.

"Natürlich wäre das alles umsetzbar", betonten die jungen Architekturstudenten. Rein fiktiv jedenfalls, denn als reine Planung sei beispielsweise das Denkmalamt natürlich nicht eingeschaltet worden. Das Konzept sieht im Prinzip so aus, dass die ohnehin nachträglich eingebaute Empore mit der Orgel verschwinden würde. Damit entsteht ein großer, sehr heller Raum, der vielfältig genutzt werden könnte. Verschiebbare Podeste würden diese Vielfalt und Variabilität zusätzlich unterstützen. Ob Kunstausstellung, Marital-Arts-Kampf, Versammlung oder Teil einer Installation – das alles könnte in der Frauenkirche tatsächlich über die sprichwörtliche Bühne gehen.

Innenstädte werden immer gleichförmiger

Das Projekt "Veranstaltungsort" haben die Studenten übrigens ganz gezielt ausgewählt. "Die Innenstädte sterben immer mehr aus, sie werden nur noch für den Konsum genutzt", haben sie festgestellt. Je mehr der Online-Handel zunehme, desto gleichförmiger und öder würden die Altstädte. Das schreie förmlich nach einen Ort der Begegnung und des Austauschs. Wichtig war den angehenden Architekten aber auch, dem spätgotischen Gebäude gerecht zu werden, seine Geschichte nicht durch irgendwelche festen Einbauten zu überdecken. Und man müsste der Kosten wegen nicht gleich alles auf einmal machen. Einfach Schritt für Schritt. "Die Kirche würde für diesen Zweck übrigens auch halten", versichern die Studenten. Es müsste also erst einmal noch nicht einmal so viel Geld investiert werden.

Pfarrer Thomas Helm jedenfalls war den Studenten und ihrem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen, auch wenn natürlich die Idee des Kolumbariums absoluten Vorrang genießt. Aber man weiß ja nie. Vor nicht einmal drei Jahren war die Frauenkirche ja schon einmal zu verschenken. Praktisch in liebevolle Hände abzugeben. Damals wollte sie nur niemand haben – das könnte sich durch den Entwurf der Regensburger Studenten jetzt ändern.

Mehr zum Thema Frauenkirche

Amberg
Hintergrund:

Frauenkirche steht seit 600 Jahren in der Altstadt

  • Erbaut wurde die Frauenkirche um 1400 auf den Resten einer abgerissenen jüdischen Synagoge.
  • Sie diente dem kurfürstlichen Hof im nahen Schloss lange Zeit als Hofkapelle.
  • In einer zweitägigen Ausstellung zeigten Architekturstudenten aus Regensburg jetzt, was man aus dem Kirchlein machen könnte.
  • Die beteiligten Studenten waren: Jessica Hopp und Julius Schönberger (Koordination); Theresa Steiger, Korbinian Fischer und Alina Wirth (historische Recherche); Miriam Schrott, Aaron Burkhardt und Moritz Heuberger (Umnutzung); Kathrin Mühlbauer und Lukas Graf (Städtebau); Ana Herrlein, Laura Brummer und Gabriel Zollbrecht (planungsrechtliche Grundlagen); Sebastian Bräu, Jakob Wirzmüller und Michael Tischhöfer (Bestandsanalyse).
  • Mehr Infos zur Aktion gibt es hier: https://qrcgcustomers.s3-eu-west-1.amazonaws.com/account14050194/1607799...

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.