"Sehr geehrte Überlebende, lieber Papa.“ Emilia Rotstein hat am Sonntag beim Gedenkakt zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg die persönlichste aller Reden gehalten. Ihr Papa Leon Weintraub saß in der ersten Reihe unter den sechs Flossenbürg-Häftlingen, die an diesem Sonntag zur Gedenkstätte gekommen waren. Neben Weintraub waren das Herzog Max in Bayern, Josef Salomonovic, Shelomo Selinger, Leszek Zukowski und Lydia Tischler, die zum ersten Mal die Reise aus Großbritannien zum Gedenken nach Flossenbürg angetreten hatte.
Doch leicht fiel Rotstein die Rede nicht: Ihr Vater sah sie aus der ersten Reihe an, als sie auf die Leidensgeschichte des heute 99-Jährigen einging. Jener Mann, der als Dreizehnjähriger in die deutsche Vernichtungsmaschine geraten war und neben Flossenbürg weitere Konzentrationslager durchleiden musste. Auf dem Weg sah er Familienmitglieder ins Gas ziehen, im April 1945 wog er noch 36 Kilogramm. „Nach der Befreiung hatten aus seiner Familie von 80 Personen nur 16 den Krieg überlebt“, sagte Rotstein.
„Wir werden nicht zuschauen“
Als die Frau aus Schweden ihrem „lieben Papa“ mit Tränen in der Stimme das Versprechen gab, seine Worte und Erinnerung im Herzen zu tragen und „dass wir nicht indifferent danebenstehen werden, wenn Unrecht geschieht und demokratische Werte angegriffen werden“, da wurde es noch einmal ganz still unter den 800 Gästen, in die nach rund zwei Stunden Unruhe eingekehrt war.
Rotsteins emotionales Versprechen war auch deshalb das perfekte Schlusswort, weil es das Motiv dieses Tages war, das in den zehn Wortbeiträgen immer wieder anklang: Sorge um die Demokratie und vor extremen Kräften.
Davor warnte auch Ronan Katz, dessen Vater im KZ Flossenbürg gequält wurde und der später nach Israel ausgewandert ist. Auch er erinnerte zunächst an seinen verstorbenen Vater, der wenig über seine Qualen berichtet habe. Er erinnerte an das Handgelenk des Vaters mit der auffälligen Tätowierung. Für die Nazis war der Vater nicht Bernhard Katz, sondern nur die Nummer „15154“. Auch Katz ging auf die weltweite Unsicherheit ein, auf immer mehr Kriege und Konflikte und erinnerte, dass knapp 60 israelische Geiseln seit 569 Tagen in der Hand der Terroristen der Hamas sind.
Die Solidarität mit Israel und den Einsatz gegen neue rechtsextreme Tendenzen rückte auch Ministerpräsident Markus Söder ins Blickfeld, indem er einen Bogen von den Geschehnissen vor 80 Jahren in die Gegenwart schlug. Es sei eine Aufgabe für alle, die Güter zu schützen. „Dafür müssen wir gemeinsam einstehen.“ Söder forderte auf, Widerspruch zu leisten, wenn extreme Positionen zu hören sind. „Mit dem Schweigen beginnt es.“
Und Söder machte deutlich, was er ganz konkret aus der abstrakten Idee „Einstehen für die Demokratie“ ableitet. Dazu zählt eben die Solidarität mit Israel, „nicht wegen einer moralischen Schuld, sondern weil wir gemeinsame Werte teilen“. Söder versprach, sich gegen die Relativierung der Verbrechen der Nazis, „dem größten Menschheitsverbrechen“, einzusetzen.
Danke für Vergebung
Und er nutzte die Gelegenheit, sich bei der US-Armee nicht nur für die Befreiung zu bedanken. „Die Demokratie, wie wir sie kennen, haben wir von ihnen gelernt.“ Er wäre froh, wenn die guten Beziehungen bestehen bleiben. Zum Schluss dankte er noch den Überlebenden und deren Angehörigen – für die Vergebung, die die meisten den Deutschen gewährt haben. „Ich weiß nicht, ob ich dazu die Kraft gehabt hätte.“
Auch bei Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), dem Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, Karl Freller (CSU), oder bei der Enkeltochter des Flossenbürg-Häftlings Jerzy Sciborowski, Małgorzata Ściborowska – die Sorge vor wiedererstarkendem Rechtsextremismus fand sich immer wieder. Landtagsvizepräsident Tobias Reiß sprach auch den wachsenden Antisemitismus in Deutschland an, der nicht mehr nur von Rechtsradikalen ausgeht, sondern heute auch ganz weit links, unter vermeintlich Intellektuellen und muslimischen Milieus zu Hause ist.
Dass die Sorge vor einem „vielleicht doch wieder?“ kein deutsches Phänomen ist, belegten Sprecher aus Nachbarländern. Denis Meis sprach für den Zusammenschluss der französischen Flossenbürg-Häftlinge. Auch er blickte aufs Schicksal seines inzwischen verstorbenen Vaters, der ab 1944 als politischer Häftling in Flossenbürg interniert war und der bei der Befreiung noch 46 Kilogramm gewogen hatte.
Als das Vermächtnis des Vaters sieht der Sohn die Erinnerung an das damals Geschehene: „Nationalismus, Antisemitismus, Homophobie, Sektierertum, Isolationismus, Rassismus ... All diese Begriffe, die einem einen kalten Schauer über den Rücken jagen, weil sie uns an eine Vergangenheit erinnern wollen, die wir nicht wiederkehren sehen wollen.“
Für die Tschechische Republik sprach der Vize-Präsident des Senats, Jiří Oberfalzer. Der Karlsbader zog eine Parallele zwischen dem, was damals in Deutschland passiert ist, und dem heutigen Russland. So wie die Nazis damals ihre Pläne nicht ohne das deutsche Volk haben umsetzen können, so trage das russische Volk heute Putin.
Skriebeleit fühlt Zuspruch
Vor zu viel Konsens bewahrte die Autorin Lena Gorelik die Versammlung. Sie stellte die Veranstaltung infrage, weil es kontraproduktiv sei, das Erinnern auf Tage und Stunden zu beschränken. Erinnern habe keine räumlichen und zeitlichen Schranken. „Wir haben nicht heute erinnert, um nun bis zum 9. November vergessen zu dürfen.“
So bewegte sich nach rund zwei Stunden voller sorgenvoller Gedanken der Gedenkzug ins Tal des Todes. Dort gab es interreligiöse Gebete und eine Urnenbeisetzung. Bei Bauarbeiten waren im vergangenen Jahr Asche und menschliche Knochen gefunden worden, die nun in ein Grab gebettet sind.
Nach knapp drei Stunden wäre so ein ausschließlich sorgenvoller Gedenkakt zu Ende gegangen – hätte nicht Gedenkstellenleiter Jörg Skriebeleit selbst schon in seiner Begrüßung für Zuversicht gesorgt – indem er auf den großen Zuspruch verwies, den seine Gedenkstätte in ihrer Arbeit aber auch durch das Interesse vieler junger Menschen erfährt. Das Versprechen, das Emilia Rotstein ihrem „lieben Papa“ Leon Weintraub an diesem Sonntag gegeben hat – sie muss es nicht alleine erfüllen.
Das Konzentrationslager Flossenbürg
- Aufgebaut ab 1938
- Häftlinge wurden vor allem für den Granitabbau missbraucht.
- Zwischen Mai 1938 und April 1945 waren rund 100.000 Menschen in dem Lager interniert.
- 30.000 Häftlinge wurden in dem Lager ermordet oder starben wegen der Haftbedingungen.
- Zu dem Lager gehörten über 90 Außenlager in Sachsen, Bayern und Böhmen.
- Das KZ lag nahe am Ort, in der Region war die Existenz ab 1938 bekannt.
- Soldaten der 90. und 97. Infanterie-Division der 3. US-Armee befreiten das Lager am 23. April 1945.
- Bei der Befreiung befanden sich noch rund 15.000 Häftlinge im Lager, etwa genauso viele waren zuvor auf einen Todesmarsch Richtung Süden geschickt worden.




































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